TK spezial: Welche Möglichkeiten bietet die Telemedizin und wo sind die Grenzen?

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Prof. Dr. Jost Steinhäuser

Prof. Steinhäuser: Telemedizin bietet bereits heutzutage von Videosprechstunden, Unterstützung von Tätigkeit in Delegation bis hin zu Fortbildungen ein breites, oftmals nicht gänzlich bekanntes Spektrum.  In einer aktuellen Befragung sehen wir beispielsweise, dass zukünftige Allgemeinärztinnen und Allgemeinärzte zu annähernd 70 Prozent der Meinung sind, dass im Bereich der Telemedizin bisher nur ein Bruchteil des bereits technisch Möglichen umgesetzt wird.

Es wird insbesondere erwartet, dass durch Telemedizin Informationen häufiger sektorenübergreifend vorliegen werden und so zur Patientensicherheit beitragen können. Auch die Versorgung in Regionen mit eingeschränkter Mobilitätsinfrastruktur können voraussichtlich durch Telemedizin positiv beeinflusst werden.

Grenzen liegen dort, wo Datenmissbrauch zu befürchten ist oder sich der Kern der vertrauensvollen Arzt-Patienten Beziehung verändert.

TK spezial: Wie kann E-Health dazu beitragen, die Versorgung im ländlichen Raum zu sichern?

Prof. Steinhäuser: Mittels Telemedizin können Distanzen in abgelegenen Regionen leichter überbrückt werden. So könnten Patienten möglicherweise zukünftig gemeinsam mit Ihrem Hausarzt in dessen Praxis einen Online-Termin bei einem Spezialisten wahrnehmen.

Darüber hinaus könnte die Option einen erfahrenen Hausarzt online verfügbar zu haben, manch eine junge Kollegin oder Kollegen zu einer Tätigkeit in abgeschiedenere Regionen ermutigen.

TK spezial: Die Digitalisierung verändert auch das Gesundheitswesen. Wo sehen Sie den größten Nutzen für die Patienten?

Prof. Steinhäuser: Neben den bereits angesprochenen Sicherheitsaspekten kann ich mir gut Präventionsmodelle für chronisch kranke Patienten vorstellen, die auf telemedizinische Angebote basieren.

So ist beispielsweise bei einer chronischen Erkrankung, die durch eine sportliche Betätigung günstig zu beeinflussen ist denkbar, dass interessierte Betroffenen sich gemeinsam online Treffen, um in der Gruppe zu üben. Des Weiteren können möglicherweise zukünftig Daten, die von komplexerkrankten Patienten in Rahmen von Studien erhoben werden dazu dienen, deren Versorgung zu optimieren. Dies wird zum Beispiel bei „intelligenten“ Wohnungen, die Hilfe anfordern, falls ein Bewohner gestürzt bereits umgesetzt.

TK spezial: Immer mehr Menschen vermessen sich mit Fitness-Trackern und teilen ihre Daten. Was sollte getan werden, damit Anwender die Vorteile für sich nutzen können, aber trotzdem Herr ihrer Daten bleiben?

Prof. Steinhäuser: Aus meiner Sicht sollten Daten mit denen medizinische Konsequenzen gezogen werden im Rahmen von Studien erhoben werden. Hier wären im Vorfeld ein Ethikvotum einzuholen und der Datenschutz klar offenzulegen. Die aktuellen Diskussionen über „Big Data Analysen“ macht deutlich, dass diese möglicherweise das Potential haben, insbesondere für komplex chronisch erkrankter Patienten nützlich zu sein. Daher sollte sich die Wissenschaft diesem Thema zuwenden und es nicht anderen Interessensgruppen überlassen.

TK spezial: Ständig online oder öfter auch mal offline? Wie stark prägt das Digitale Ihre Freizeit?

Prof. Steinhäuser: Privat bin ich nicht ständig online. E-Mails checke ich beispielsweise nur an gewissen Zeiten am Tag um ansonsten den Kopf frei zu haben.

TK spezial: Herr Professor Steinhäuser, vielen Dank.

Zur Person

Prof. Dr. Jost Steinhäuser habilitierte an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Der Facharzt für Allgemeinmedizin leitet das Institut für Allgemeinmedizin an der Universität zu Lübeck seit 2014. An diesem Institut werden verschiedene Projekte zu telemedizinischen Fragestellungen durchgeführt.