Mit der Lockerung des Fernbehandlungsverbots Mitte 2018 wurden wahrlich große Weichen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen gestellt. So wurde eine moderne, tele-medizinische Behandlung in der Fläche ab diesem Zeitpunkt grundlegend ermöglicht. Ein Jahr später stand Hausärzten in ganz Thüringen daher auch der sogenannte Tele-Arzt-Vertrag zur Verfügung.

Dieses Projekt von Kassenärztlicher Vereinigung Thüringen, AOK PLUS, IKK classic und der Techniker Krankenkasse (TK) bringt die Digitalisierung wortwörtlich ins Wohnzimmer der Patienten: Eine speziell ausgebildete nichtärztliche Praxisassistentin (NäPA) kommt mit dem Tele-Arzt-Rucksack zum Hausbesuch. Außerdem im Gepäck: die Verbindung in die Arztpraxis. So kann eine Sprechstunde in der Häuslichkeit umgesetzt werden.

Die Vorteile sind mannigfaltig. Der Arzt bleibt während der Tele-Sprechstunde in seiner Praxis und kann mithilfe der im Rucksack mitgebrachten Messgeräte trotzdem umfassende Unter-suchungen durchführen, Vitalwerte erheben und auch direkt per Videoschalte mit dem Patienten kommunizieren. So fällt beispielsweise ein Aufenthalt im Wartezimmer weg. Patienten mit Mobilitätseinschränkungen werden entlastet. Der Arzt spart Fahrzeit, die er besser in die Behandlung anderer Patienten investieren kann. Und nicht zuletzt wird die Effizienz der Behandlung im ländlichen Raum deutlich gesteigert.

Was ist im Tele-Arzt-Rucksack?

Die vom Anbieter des Systems zusätzlich speziell geschulten NäPA bringen eine ganze Reihe hochmoderner Technik mit zum Patienten. So sind im Tele-Arzt-Rucksack unter anderem ein mobiles Mehrkanal-EKG, ein Pulsoximeter, ein Spirometer, Messgeräte für Blutdruck und Blutzucker und sogar eine Waage verstaut. Als Schnittstelle zwischen den Geräten dient ein Tablet-PC mit Internetverbindung. Auf ihm laufen die mit den Geräten erhobenen Werte kabellos zusammen und können - pseudonymisiert und damit datensicher - auch in die Praxis geschickt werden. Durch die eingebaute Kamera ist die Bildübertragung möglich.

Durch die Corona-Pandemie verändert sich nun allerdings auch die Situation für die Thüringer Ärzte, die das Tele-System nutzen. Die gerade bei älteren Patienten oder Angehörigen der Risikogruppe vorhandene Angst vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Virus macht den obligatorischen Hausbesuch durch die Schwester oder den Pfleger schwierig. Doch wie wird nun telemedizinisch behandelt? Wie sieht der Alltag beim Tele-Arzt gerade aus? Am Telefon erzählt Jens-Uwe Lipfert, Hausarzt in Wutha-Farnroda und Anwender des Tele-Arzt-Systems, welche Erfahrungen er gemacht hat.

Jens-Uwe Lipfert

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Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie und Palliativmedizin

TK: Herr Lipfert, Sie sind bereits vor der Corona-Krise Nutzer des Tele-Arzt-Systems gewesen. Wie sind Ihre Erfahrungen? Gibt es Schwierigkeiten, die sie bei dieser Videosprechstunde sehen?

Jens-Uwe Lipfert: Zunächst steht und fällt es mit dem Internet. In Eisenach gibt es beispielsweise ein sehr gutes Netz, aber schon im Umkreis meiner Praxis in Wutha fällt es ab, bei den Patienten gibt es dann oft nicht mal Empfang.

TK: Wie hat sich die Nachfrage nach telemedizinischen Leistungen im Rahmen der Corona-Pandemie bei Ihnen in der Praxis verändert?

Lipfert: Die telemedizinische Versorgung mit dem Tele-Arzt-Rucksack mussten wir sogar herunterfahren. Videosprechstunden sind allerdings auch auf andere Weise umsetzbar. Viele, auch über 60-Jährige, besitzen in der Zwischenzeit ein Smartphone und können gut damit umgehen. Mit Videoanrufen sind so zumindest einfache Anamnesen möglich. Dann kann auch entschieden werden, ob der persönliche Kontakt mit dem Patienten zur Blutentnahme oder ganz dringend zum Abstrich nötig ist.

TK: Und wie gut funktionieren diese Sprechstunden?

Lipfert: Bei der Benutzung von Smartphones kann ein Problem natürlich die Bedienung durch den Patienten sein. Wenn ich mir beispielsweise die Entwicklung einer Wunde durch die Kamera anschauen will oder mir der Patient seine Zunge zeigen soll, dann sehe ich oft nicht die entsprechende Stelle.

TK: Und wie geht es nach der Corona-Krise weiter? Haben Sie Wünsche?

Lipfert: Wir werden dann wieder verstärkt mit dem Tele-Arzt-Rucksack arbeiten. Ein Wunsch meinerseits - eine stabile Internetverbindung. WLAN, beispielsweise in Pflegeheimen, würde den Einsatz der Telemedizin vereinfachen.

Zur Person

Der Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie und Palliativmedizin ist Hausarzt in Wutha-Farnroda. Mit drei Ärztekollegen versorgt er Patienten in seiner Gemeinschaftspraxis - und mittels Tele-Arzt-System auch in der Häuslichkeit.