TK: Gerade in der Psychotherapie galt der persönliche Patientenkontakt lange als unersetzbar. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass auch die Therapeutinnen und Therapeuten verstärkt auf die Videosprechstunde umgestiegen sind. Wie ist Ihr bisheriges Fazit?

Dr. Heike Winter: Videosprechstunden waren im Bereich der Psychotherapie bereits vor der Pandemie erlaubt, wurden aber kaum genutzt. Aber die formalen und die technischen Voraussetzungen waren gegeben. So gab es bereits von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zertifizierte Videosprechstundenanbieter, auf deren Technik sich die Psychotherapeutinnen/-therapeuten und die Patientinnen/Patienten in Puncto Datensicherheit verlassen konnten.

Dr. Heike Winter

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Präsidentin der Hessischen Psychotherapeutenkammer

Durch die Pandemie hat die Videosprechstunde einen großen Schub erlebt, und wir waren froh - Patientinnen/Patienten und Psychotherapeutinnen/-thrapeuten, dass wir im ersten Lockdown über diese Möglichkeit verfügen konnten. Dadurch war es möglich, dringend nötige Psychotherapien bei unseren Patientinnen und Patienten videobasiert fortsetzen zu können. Viele waren durch die Pandemie zusätzlich hoch belastet. 

In dieser Situation war es sehr hilfreich, dass die Krankenkassen und der Gemeinsame Bundesausschuss die Begrenzungsregeln, die nur 20 Prozent aller Psychotherapiesitzung videobasiert erlaubten, aufgehoben haben. 

Die bisherigen Erfahrungen sind insgesamt recht positiv. Nach anfänglichem Fremdeln, haben sich die meisten Patientinnen und Patienten gut eingefunden und es klappt erstaunlich gut. Allerdings fehlt auf Dauer der persönliche Kontakt und alle sehnen sich danach, wieder zur "Face to Face"-Therapie zurückkehren zu können. 

TK: Gibt es in der Akzeptanz der Videosprechstunde Unterschiede - je nachdem wie alt die Therapeutinnen und Therapeuten, aber auch die Patientinnen und Patienten sind?

Dr. Winter: Man kann das nicht wirklich am Alter festmachen. Es gibt Menschen, die kommen sehr schnell mit der Technik klar, haben wenig Berührungsängste und können sich dann sehr schnell auf die Gesprächsinhalte konzentrieren. Bei anderen wiederum dauert es länger bis die Furcht, einen falschen Knopf zu drücken oder den Bildschirm weggewischt zu haben, nachlässt. Deshalb wird zu Beginn der Videotherapie gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten geübt, um die Hürden hier möglichst gering zu halten.

Ganz entscheidend ist aber, ob man einen ruhigen Ort zu Hause hat, an den man sich für die Therapiesitzung zurückziehen kann, und ob das Internet stabil und mit ausreichender Geschwindigkeit läuft. Und natürlich benötigen die Patientinnen und Patienten die nötige technische Ausstattung, Laptop, Tablet, Handy, PC, für die Video- und Audioübertragung. Auch hier ist häufig zu Beginn der Videotherapie ein gutes Problemlösemanagement nötig, das zum Beispiel hilft, einen ruhigen Raum für sich zu finden.

TK: Fällt es den Patientinnen und Patienten durch die räumliche Distanz schwerer oder vielleicht sogar leichter, sich zu öffnen und auf die Therapie einzulassen?

Dr. Winter: Interessanterweise fällt es vielen, nicht allen, Patientinnen und Patienten leicht, sich in der Videotherapie zu öffnen. Es scheint, als würden Patientinnen und Patienten sich mehr auf ihre eigenen Gedanken und Gefühle konzentrieren können, was es dann erleichtert sie auszudrücken. Insgesamt erscheint die videobasierte Psychotherapie oft fokussierter, aber dadurch auch anstrengender. Ein entscheidender Faktor ist sicherlich, wie sicher bzw. wie unsicher sich Patientinnen und Patienten mit der Technik fühlen. Unsicherheit belastet das Gespräch.


TK: Bei welchen psychischen Anliegen können Therapeutinnen und Therapeuten sehr gut per Videosprechstunde helfen und bei welchen stößt die Online-Sprechstunde an ihre Grenzen?

Dr. Winter: Das lässt sich nicht so pauschal sagen. Mittlerweile können wir feststellen, dass alle Anliegen - Probleme, Ängste und Sorgen - bereits einmal in Videotherapien besprochen worden sind. Auch Tränen und Trauer kamen vor und wir stellten fest, dass es möglich ist, auch sehr negative und belastende Emotionen zu bearbeiten. Das belegt auch die Forschung zum Thema videogestützte Therapie. Allerdings bevorzugen wir als Psychotherapeutinnen und -therapeuten insbesondere bei hochbelastenden Themen eine Therapie in Präsenzform. In der Krise hat die Videosprechstunde in der Psychotherapie sehr geholfen. 

TK: Wie geht es nach der Krise weiter? 

Dr. Winter: Das wissen wir nicht genau. Wünschenswert wäre aber eine Flexibilisierung, die es erlaubt, einen Teil der Psychotherapiesitzungen auch videogestützt durchführen zu können. Nicht alle Sitzungen sollten per Video absolviert werden, und es sollte auch nicht regelhaft bei jeder Patientin/jedem Patienten videogestützte Therapie durchgeführt werden. Aber mit denjenigen Patientinnen und Patienten, die das wünschen, sollte im Notfall, z.B. bei weiten Anfahrtswegen oder körperlicher Erkrankung, die der Anfahrt entgegensteht, auch nach Corona ab und zu die Videotherapie ermöglicht werden.

TK: Wie viele Psychotherapeutinnen und -therapeuten in Hessen bieten aktuell die Videosprechstunde an?

Dr. Winter: Im Kommentar zu einer aktuellen Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) unter dem Titel "Videobehandlung" (veröffentlicht am 5. November 2020) sagte deren Präsident Dr. Dietrich Munz, dass die Corona-Pandemie dazu geführt hat, dass "fast alle" Psychotherapeutinnen und -therapeuten Behandlungen per Videotherapie durchgeführt haben. Befragt wurden 3.500 Therapeutinnen und Therapeuten. Bundesweit gibt es circa 60.000 Psychotherapeutinnen und -therapeuten, das Land Hessen spiegelt mit rund 6.000 einen sehr repräsentativen Schnitt wider, so dass die Bundesangaben generell zutreffend sind. Es ist also davon auszugehen, dass eine sehr große Zahl Erfahrungen mit der Videobehandlung gemacht hat. Natürlich muss man hier die Abstufungen berücksichtigen - von jenen, die das eher ausnahmsweise machen, über jene, die es regelmäßig anbieten - bis zu denen mit einer sehr häufigen Nutzung.

TK: Wie viel Prozent der Psychotherapeutinnen und -therapeuten nutzen die Videosprechstunde?

Dr. Winter: Interessant ist hier vor allem eine enorme Entwicklung. Wenn wir davon ausgehen, dass mittlerweile sehr viele oder fast alle Psychotherapeutinnen und -therapeuten die Videosprechstunde nutzen, zeigt das, wie sehr die Akzeptanz, aber auch der sichere Umgang mit der Technik gestiegen ist: Eine Umfrage der Psychotherapeutenkammer Hessen Anfang April hat ergeben, dass zu diesem Zeitpunkt 47 Prozent der Psychotherapeutinnen und -therapeuten bei "50 Prozent und mehr" der Patientinnen und Patienten Videobehandlungen durchführen. 13 Prozent der Therapeutinnen und Therapeuten hatten seinerzeit bereits komplett, das heißt zu 100 Prozent auf Videobehandlungen umgestellt. Nur bei etwa einem Drittel (35 Prozent) der Psychotherapie-Praxen lag der Anteil der Videobehandlungen damals unter zehn Prozent.

Die oben angesprochene Studie der BPtK wagt auch den Blick in die Zukunft. Neun von zehn Psychotherapeutinnen und -therapeuten (88,5 Prozent) können sich vorstellen, auch nach dem Ende der Pandemie Videobehandlungen durchzuführen. Die Hälfte will es allerdings nicht mehr so häufig tun wie während der Corona-Pandemie. 

Zur Person

Dr. Heike Winter studierte von 1885 bis 1990 Psychologie. Nach einer langjährigen Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin ließ sie sich im Jahr 2000 in eigener Psychotherapeutischen Praxis in Offenbach nieder. Im gleichen Jahr wurde sie Geschäftsführerin des Ausbildungsprogramms "Psychologische Psychotherapie" an der Goethe-Uni Frankfurt. Von 2011 bis 2016 war Winter Vizepräsidentin der Hessischen Psychotherapeutenkammer. Seit 2016 ist sie deren Präsidentin.