Unabhängig vom Infektionsschutz bietet die Videosprechstunde viele Vorteile: Patientinnen und Patieten sparen sich lange Anfahrtswege und Wartezeiten. Ärztinnen/Ärzte und Psychotherapeutinnen/-therapeuten sind flexibler und können ihren Praxisalltag leichter organisieren.

Dass Online-Sprechstunden Teil der ärztlichen Versorgung werden sollen, hat der Bundesgesetzgeber bereits Ende 2015 mit dem ersten E-Health-Gesetz beschlossen. Seit 1. April 2017 können Ärztinnen und Ärzte Videosprechstunden mit den Krankenkassen abrechnen. Anfangs waren Behandlungen via Videosprechstunde nur bei ausgewählten Krankheitsbildern und auch nur als Verlaufskontrolle im Anschluss an eine physische Behandlung erlaubt. Beispielsweise durfte eine Ärztin/ ein Arzt den Heilungsprozess einer Operationswunde oder das Abheilen eines Ekzemes nach einer strahlentherapeutischen Behandlung per Video untersuchen.

Um die Videosprechstunde weiter zu fördern, haben sich der GKV-Spitzenverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung zum vierten Quartal 2019 darauf geeinigt, die Grundvergütung für die Videosprechstunde zu erhöhen. Zudem erhalten Ärztinnen/Ärzte und Psychotherapeutinnen/-therapeuten, die mindestens 15 Videosprechstunden pro Quartal durchführen, seitdem eine Anschubfinanzierung in Höhe von zehn Euro je Online-Sprechstunde (max. 500 Euro pro Praxis und Quartal). Seit Oktober 2019 gibt es außerdem keine Einschränkungen mehr, was die Krankheitsbilder angeht. Seitdem können nahezu alle Arzt-/Facharztgruppen Videosprechstunden bei allen Krankheitsbildern, bei denen sich die Videosprechstunde grundsätzlich eignet, anbieten. Außerdem können seit diesem Zeitpunkt auch Psychotherapeutinnen und -therapeuten die Videosprechstunde mit den Krankenkassen abrechnen.

Aktuell bieten fast 2.700 Ärztinnen und Ärzte und 2.300 Psychotherapeutinnen/-therapeuten in Hessen die Videosprechstunde an. Bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte entspricht das einem Anteil von rund 30 Prozent; bei den Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind es sogar 66 Prozent. 

Wenig Technik nötig

Um eine Videosprechstunde durchführen zu können, benötigen die Ärztinnen/Ärzte und Psychotherapeutinnen/-therapeuten lediglich einen zertifizierten Videodienstanbieter. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung führt aktuell eine Liste mit rund 45 zugelassenen Anbietern. Auch bei diesen Anbietern hat es einen Boom gegeben. Noch im Februar umfasste die Liste der zertifizierten Videodienste nur 18 Einträge. Die Anbieter wurden auf ihre Sicherheit und auf eine einfache technische Handhabe hin überprüft. 

Haben sich die Ärztinnen/Ärzte und Therapeutinnen/Therapeuten für einen der Anbieter entschieden, teilen sie dies der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen mit. Ansonsten benötigen die Praxen nur einen Bildschirm mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher sowie eine Internetverbindung. 

Auch Fernbehandlung möglich

Seit Oktober 2019 können Ärztinnen und Ärzte auch neue, ihnen bis dahin unbekannte Patientinnen und Patienten per Videosprechstunde behandeln. Darauf hatten sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband im vergangenen Jahr geeinigt. Seitdem steht die Online-Sprechstunde Patientinnen und Patienten offen, die nie zuvor persönlichen Kontakt zu der behandelnden Ärztin/ dem behandelnden Arzt hatten. Um deren Identität und Versicherungsschutz zu klären, halten die Patientinnen und Patienten ihre Gesundheitskarte in die Kamera und erklären mündlich, versichert zu sein.

Arzneimittel-Verordnungen nach Videosprechstunde 

Im Rahmen der Videosprechstunde können Ärztinnen und Ärzte auch Arzneimittel verordnen. Die Rezepte werden den Patientinnen und Patienten per Post zugeschickt. Das Verschicken von Rezepten ist allerdings nur eine Zwischenlösung, bis das eRezept kommt. Ab Mitte 2021 werden Ärztinnen und Ärzte digitale Rezepte ausstellen können. Ab 2022 ist das eRezept sogar Pflicht.

In Hessen wird das digitale Rezept bereits heute im Rahmen des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) erprobt. Patientinnen und Patienten, die außerhalb der Sprechstundenzeiten ärztliche Hilfe benötigen, haben seit Ende April 2020 die Möglichkeit, sich von Ärztinnen und Ärzten des ÄBD per Videosprechstunde behandeln und anschließend ein digitales Rezept ausstellen zu lassen. Es handelt sich dabei um ein gemeinsames Projekt der KV Hessen, des Hessischen Apothekerverbands, der AOK Hessen, der DAK-Gesundheit und der TK. 

Auch Krankschreibungen möglich

Nach erfolgter Videosprechstunde können Ärztinnen und Ärzte ihren Patientinnen und Patienten gegebenenfalls eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen. Die Voraussetzung für eine Krankschreibung ist allerdings, dass die Patientin/der Patient in der Vergangenheit schon einmal physisch in der Praxis behandelt wurde und die vorliegende Erkrankung eine Untersuchung per Online-Sprechstunde zulässt. Die Ärztin/der Arzt darf die Patientin/den Patienten bis zu sieben Tage krankschreiben. 

Sonderregeln in der Corona-Pandemie

Bis vor Beginn der Corona-Pandemie durften Psychotherapeutinnen/-therapeuten ihre Patientinnen und Patienten erst per Videosprechstunde behandeln, wenn sie zuvor mindestens einmal persönlich in der Praxis vorstellig geworden sind. Das gilt zwar grundsätzlich weiter, aber in Ausnahmefällen kann derzeit davon abgewichen werden. Psychotherapeutische Sprechstunden und Probatorische Sitzungen können bis Ende des Jahres 2020 rein per Videobehandlung begonnen und durchgeführt werden, wenn es den Patientinnen und Patienten z.B. nicht zugemutet werden kann, für ein Erstgespräch in die Praxis zu kommen. Die Akutbehandlung und Gruppenpsychotherapie können hingegen nicht per Videosprechstunde erbracht werden. 

Eigentlich dürfen Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten nur maximal 20 Prozent ihrer Behandlungen per Videosprechstunde anbieten. Doch auch diese Regelung wurde mit Beginn der Corona-Pandemie ausgesetzt. Seit 1. April und vorerst nur bis Jahresende 2020 können Ärztinnen/Ärzte und Psychotherapeutinnen/-therapeuten beliebig viele Patientinnen und Patienten per Videosprechstunde behandeln.