TK: In der aktuellen repräsentativen Umfrage TK-Meinungspuls zeigte sich, dass die Mehrheit der Befragten sehr zufrieden mit dem deutschen Gesundheitssystem ist. Trotzdem sieht ein Großteil der Menschen auch den Reformbedarf. Wo besteht für Sie der größte Handlungsbedarf für die neue Bundesregierung?

Dr. Jens Baas: Ich schätze die Situation ähnlich ein: Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, aber es besteht trotzdem Reformbedarf. Zum Beispiel beim Thema Finanzen. Durch die gute Konjunktur der letzten Jahre wurde kaschiert, dass eine ganze Reihe teurer Gesetze verabschiedet wurden. Leider ziehen einige davon auch langfristige Kostensteigerungen nach sich und es ergeben sich aus ihnen keine wirklichen Strukturreformen.

Wir brauchen dringend Veränderungen in der Krankenhauslandschaft. Im Vergleich zu nahezu allen anderen Ländern haben wir in Deutschland ein zu großes Angebot an Krankenhausbetten. Aus ökonomischen Gründen sorgen die Kliniken dafür, dass die Betten belegt werden. Das führt wiederum zu Behandlungen und Operationen, die vielleicht gar nicht notwendig sind. Durch eine Reduktion der Krankenhausbetten könnten wir daher Patienten vor unnötigen Behandlungen schützen und Geld sparen. Wenn komplexe Eingriffe nur in spezialisierten Zentren vorgenommen werden, würde auch die Qualität steigen. 

Auch das Problem der ungebremst steigenden Medikamentenpreise muss angegangen werden. Jahr für Jahr kommen neue Arzneimittel auf den Markt, für die teilweise abstruse Preise aufgerufen werden. Wir müssen Antworten darauf finden, wie weiterhin gute Medikamente schnell auf den deutschen Markt kommen, ohne dass die Preisgestaltung das Gesundheitssystem überfordert. In einigen Fällen richtet sich der Preis für ein neues Medikament danach, was durch seinen Einsatz potenziell an Kosten gespart wird. In dieser Logik könnte eine Aspirin-Tablette aber auch Tausende von Euro kosten, weil sie möglicherweise das Rezidiv eines Herzinfarkts verhindert. 

Beim Thema Digitalisierung gibt es ebenfalls noch viel zu tun. Zwar haben wir in diesem Bereich in der vergangenen Legislaturperiode einiges aufgeholt, doch nach wie vor gibt es hier eine ganze Menge ungenutztes Potenzial.

Dr. Jens Baas

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Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse


TK: Schätzungen zufolge droht auch für 2022 eine Milliardenlücke. Wie dramatisch sehen Sie die Situation?

Baas: Für nächstes Jahr droht eine Finanzlücke, die sich derzeit allerdings noch nicht in exakter Höhe beziffern lässt. Sicher ist, dass es der GKV an Finanzmitteln fehlt, wenn die Lohnnebenkosten insgesamt auf maximal 40 Prozent begrenzt werden sollen. Sofern diese Grenze auch nach dem 1. Januar 2022 nicht überschritten werden soll, braucht die GKV wohl weitere Steuermittel. Finanzlücken mit Steuergeldern zu stopfen, kann aus meiner Sicht aber keine mittelfristige Lösung sein. Wir müssen stattdessen die Kostenexplosion durch nachhaltige Maßnahmen in den Griff bekommen.

TK: Das aktuelle Gutachten des Sachverständigenrats Gesundheit kam jüngst zu dem Schluss, dass wir einen moderneren Datenschutz brauchen und auch Sie forderten hier ein Umdenken - inwiefern?

Baas: Der Sachverständigenrat hat ja sehr plakativ gesagt, dass Datenschutz in Deutschland Leben kostet. Das kann tatsächlich passieren, wenn zum Beispiel bestimmte Daten für eine notwendige Behandlung fehlen oder nicht weitergegeben werden dürfen. 

In Deutschland wird der Datenschutz so ausgelegt, dass es unter technischen Gesichtspunkten absolut unmöglich sein muss, gegen den Datenschutz zu verstoßen. Unsere Ansicht ist: Wir brauchen eine vernünftige Mischung aus technischem Datenschutz und gesetzlichen Regelungen. Verstößt jemand mit hoher krimineller Energie gegen solche Regelungen, muss es hohe Strafen geben. Es bedarf auch einer Gesetzgebung, die sagt, Gesundheitsdaten gehören dem Patienten. Dieser braucht die Möglichkeit, technisch über diese Daten bestimmen zu können, insbesondere im Hinblick auf die elektronische Patientenakte. Nur so kann Datenschutz im Gesundheitssystem zum Nutzen der Patienten eingesetzt werden.

TK: Seit dem Start der Patientenakte (ePA) zu Beginn dieses Jahres wurde diese von den TK-Versicherten sehr gut angenommen. Was muss noch getan werden, damit die elektronische Patientenakte tatsächlich zum "Herzstück" der Gesundheitsversorgung avanciert?

Baas: Am allerwichtigsten ist, dass die ePA einen echten Mehrwert bringt - für den Versicherten, aber auch für den Leistungserbringer. Mit der aktuellen Version haben wir einen guten Anfang gemacht. TK-Versicherte können sich alle Daten von uns in ihre Akte laden, aber der große Mehrwert wird mit den nächsten Entwicklungsschritten kommen. Dann wird die ePA mit den Leistungserbringern verknüpft und medizinische Dokumente, wie etwa Befunde, Laborwerte sowie Diagnosen können durch sie in der Akte gespeichert werden. 

Dann hat der Versicherte immer alle wichtigen Dokumente und Informationen gesammelt zur Hand und kann dem Arzt mit hoher Verlässlichkeit Daten vorlegen. Davon lassen sich weitere sinnvolle Dienste für den Versicherten, wie etwa automatische Diagnose-Systeme, Empfehlungen von Ärzten oder Überweisungen ableiten.


Hörtipp

In der aktuellen Ausgabe unserer Podcast Reihe "Mainzer Gespräche" spricht Dr. Jens Baas über die drängenden gesundheitspolitischen Herausforderungen in der neuen Legislaturperiode. 


Zur Person 

Dr. Jens Baas ist bei der TK für die Unternehmensbereiche Marke und Marketing, Finanzen und Controlling, Informationstechnologie, Unternehmensentwicklung, Politik und Kommunikation sowie Verwaltungsrat/Vorstand verantwortlich. Zudem gehört auch die Interne Revision zu seinem Verantwortungsbereich.
Er gehört dem Vorstand der TK seit dem 1. Januar 2011 an, seit dem 1. Juli 2012 ist er Vorsitzender des Vorstands. 

Dr. Jens Baas (Jahrgang 1967) arbeitete nach seinem Studium der Humanmedizin an der Universität Heidelberg und der University of Minnesota (USA) als Arzt in den chirurgischen Universitätskliniken Heidelberg und Münster.
Seit 1999 war er bei der weltweit renommierten Unternehmensberatung Boston Consulting Group tätig; seit 2007 als Partner und Geschäftsführer. Als ausgewiesener Kenner des Gesundheitssystems und der gesetzlichen Krankenversicherung lagen seine Schwerpunkte in der Arbeit mit Leistungserbringern, der pharmazeutischen sowie der medizintechnischen Industrie.