TK: Frau Professorin Herr, erlauben Sie uns einen kurzen Rückblick: Was waren Ihre bisherigen Arbeitsgebiete?

Prof. Dr. Annika Herr: In meiner Zeit am Institut für Wettbewerbsökonomie in Düsseldorf habe ich mich verstärkt mit den ökonomischen Anreizen von Regulierung und Wettbewerb für das Angebots- und Nachfrageverhalten und deren empirischer Messung beschäftigt. Zum Beispiel habe ich Qualität und Preise von Pflegeheimen oder den Effekt von Zuzahlungsänderungen auf die Arzneimittelnachfrage analysiert. Das IHE baut nun auf diesem Hintergrund auf. Wir profitieren darüber hinaus durch die Anbindung an das CHERH von einer Erweiterung um eine in Hannover etablierte gesundheitsökonomische Evaluation und Versorgungsforschung und ein großes Netzwerk mit regionalen Partnern.

Prof. Dr. Annika Herr

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Leiterin des Institute of Health Economics der Leibniz Universität Hannover

TK: Welche Handschrift soll das IHE zukünftig tragen, was sind die Schwerpunktthemen und welche Projekte fördern Sie aktuell besonders?

Herr: Das IHE wird einerseits eng mit regionalen Leistungserbringern, wie der MHH kooperieren, aber auch mit Forscherinnen und Forschern aus der Entwicklungs-, Bildungs- oder Arbeitsökonomie, den Sozialwissenschaften oder der Informatik. Zukünftige Schwerpunktthemen sind noch schwer einzugrenzen, da sich in Hannover hervorragende Voraussetzungen zur Beantwortung verschiedenster Fragen bieten. Globale Herausforderungen wie Klimawandel und Infektionen werden uns ebenso beschäftigen, wie die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems, eine sektorübergreifende Versorgung oder Prävention. Eine Herausforderung ist es in der gesundheitsökonomischen Forschung, drängende Probleme wissenschaftlich fundiert zu analysieren (und dafür Zugang zu geeigneten Daten zu bekommen) und die Ergebnisse in die evidenzbasierte Gesundheitspolitik zu tragen.

TK: Digitalisierung ist das Schlagwort der Stunde. Welche Auswirkungen haben die Digitalisierungstendenzen aus Ihrer Sicht insbesondere auf die Bereiche Forschung und Lehre? 

Herr: Digitalisierung ist ein Schlagwort, das im Gesundheitswesen langsamer Einzug gehalten hat als in anderen Märkten. Für die sichere Implementierung neuer und effizienter Technologien gibt es noch viel Potenzial. Die Chancen und Risiken sollten durch die Forschung aufgezeigt, begleitet, evaluiert und bewertet werden. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist auch für die Studierenden ein sehr spannendes Thema. Selbst verwenden wir neben oder während der typischen Vorlesung Abstimmungstools, Umfragen oder Online-Wiederholungsprüfungen, die die Studierenden als sehr hilfreich einstufen.

TK: Was ist aus Ihrer Sicht ein sinnvoller Umgang mit Forschungsergebnissen, wie werden daraus idealerweise konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet?

Herr: Konkrete Handlungsempfehlungen basieren immer auf theoretischer oder empirischer Evidenz. Durch die Wahl einer sehr problemorientierten Forschungsfrage (z. B. Akzeptanz und Nutzen verschiedener Apps aus Arzt- oder Patientensicht oder Effekt einer bestimmten Präventionsmaßnahme) wird natürlich die Konkretisierung erleichtert.

TK: Haben Sie einen Vorsatz für das neue Jahrzehnt?

Herr: Es gibt so viele drängende Fragen unserer sich wandelnden Gesellschaft. Im neuen Jahrzehnt möchte ich einerseits mehr unserer wissenschaftlichen Evidenz in die Gesundheitspolitik tragen. Andererseits möchte ich die Studierenden befähigen und dazu begeistern, eigene Lösungen dieser Probleme zu entwickeln.

TK: Vielen Dank!

Zur Person

Dr. Annika Herr ist seit März 2019 Professorin für Gesundheitsökonomie und Leiterin des Institute of Health Economics (IHE) an der Leibniz Universität Hannover. Das IHE ist ein Institut der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und zuständig für Forschung und Lehre im Bereich Gesundheitsökonomie. Frau Dr. Herr gehört dem Vorstand des Center for Health Economics Research Hannover (CHERH) an sowie dem erweiterten Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie (dggö). Zuvor war sie Juniorprofessorin am Düsseldorf Institute of Competition Economics der Heinrich Heine Universität.