TK: Frau Austenat-Wied, die Probleme in der geburtsmedizinischen Versorgung mündeten letztlich in der strukturellen Aufarbeitung aller Versorgungsdefizite durch die Enquete-Kommission des Schweriner Landtags. Ist die stationäre Versorgung und insbesondere die Geburtsmedizin in MV noch zu retten?

Manon Austenat-Wied:  Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Zunächst möchte ich festhalten, dass die Versorgung in unserem Bundesland insgesamt besonders herausfordernd ist. Dies trifft natürlich auch auf die Geburtsmedizin zu. Leider nimmt die Zahl der Geburten, insbesondere im ländlichen Gebieten, stetig ab. Die Krankenhäuser in ländlichen Gebieten spüren dies unmittelbar in sinkenden Fallzahlen. Damit steigt für sie der Anteil der Fixkosten an den Gesamtversorgungskosten und gleichzeitig sinken die Einnahmen. Einige Krankenhäuser entscheiden sich dann, aus rein wirtschaftlichen Gründen, den Versorgungsauftrag nicht mehr zu erfüllen. Das ist für die werdenden Mütter vor Ort katastrophal. Auf der einen Seite ist es verständlich, dass die Kliniken solide und zukunftssicher wirtschaften wollen, auch um eine regionale stationäre Gesundheitsversorgung insgesamt nicht zu gefährden. Allerdings dürfen wir regionale Versorgungsaufträge nicht mit einer Lizenz zum Geld drucken verwechseln. Krankenhäuser die unseren Versicherten im Bundesland eine gute und nachhaltig finanzierbare Versorgung gewährleisten, werden ökonomisch durch Gewinne für diese Leistung belohnt. Die regional angebotenen Versorgungsleistungen ausschließlich an den zu erwartenden Einnahmen auszurichten und in Gutsherrinnen-Manier Aufträge zur Gesundheitsversorgung nicht zu erfüllen, entspricht nicht dem Wesen unseres solidarischen Gesundheitssystems.  Daher ist für mich klar, für eine langfristig tragfähige stationäre Versorgung benötigen wir regionale Angebote die am tatsächlichen Versorgungsbedarf ausgerichtet ist. Der erste Schritt zu diesem Ziel muss die Einführung eines landesweiten Versorgungsmonitorings sein.

Abseits der Finanzierungsdebatte dürfen wir nicht vergessen, dass mit sinkenden Fallzahlen auch die Arbeit in einer Geburtsstation weniger wird. Für routinierte Abläufe fehlt ab einem bestimmten Punkt dann einfach das Fallaufkommen. Qualifiziertes und motiviertes Personal wandert ab.  Die werdenden Mütter einer Region suchen sich alternative Möglichkeiten zur Entbindung, insbesondere wenn das Vertrauen in die Klinik vor Ort schwindet. Spätestens bei dieser Dynamik wird klar, dass ein einfaches mehr an finanziellen Mitteln nicht der richtige Weg ist, um die Geburtsmedizin in Mecklenburg-Vorpommern zu sichern.

Manon Auste­nat-Wied

Manon Austenat-Wied, Leiterin der TK-Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiterin der TK-Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern

TK:  Finden Entbindungen in Zukunft nur noch in großen Kliniken statt?

Austenat-Wied: Die Geburtsmedizin ist ein wichtiger Teil der Sekundärversorgung. Die ausschließliche Konzentration der Geburtsmedizin in den Großstädten und Anflüge per Hubschrauber, halte ich für eine bewusst kolportierte Dystopie. Die zentrale Herausforderung ist es, die optimale Versorgungsqualität, eine gute regionale Erreichbarkeit und die solidarische Finanzierung zu vereinen. Aus meiner Sicht ist es dabei besonders wichtig die Perspektive der Versicherten einzunehmen und auch aus den Erfahrungen unserer Nachbarn zu lernen. Sowohl in Schleswig-Holstein, als auch in Skandinavien existieren bereits leistungsfähige Versorgungspfade die wir kopieren bzw. an unsere Bedürfnisse adaptieren können. Es ist wichtig, dass sich auch die politischen Entscheidungsträger der Bedeutung des Themas bewusst werden. Die Attraktivität des ländlichen Raumes ist in hohem Maße auch vom Zugang zu guter Gesundheitsversorgung abhängig. Ich bin davon überzeugt, dass im gesamten stationären Sektor nur qualitätsorientierte Strukturanpassungen nachhaltig sind. Ein neues Vergütungssystem ohne Qualitäts- und Leistungsorientierung lehne ich als Landeschefin einer gesetzlichen Krankenversicherung ab.