TK: Die Legislaturperiode neigt sich in Mecklenburg-Vorpommern dem Ende entgegen. Wurden ihre landespolitischen Erwartungen in den vergangenen fünf Jahren erfüllt?

Manon Austenat-Wied: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die vergangenen zwei Jahre waren geprägt von der Sars-CoV-2 Pandemie. Dadurch sind einige vielversprechende Vorhaben ins Stocken geraten. Im Bereich der sektorübergreifenden Versorgung haben wir leider vergeblich auf die im Koalitionsvertrag vereinbarte Gesetzgebungsinitiative der Landesregierung gewartet. Auch was die Zukunft der geburtsmedizinischen Versorgung betrifft, hätten wir als Akteure der Gesundheitsversorgung gemeinsam mit der Politik zügiger sein können.

Andererseits hat gerade die vom Landtag eingesetzte Enquete-Kommission zur Zukunft der medizinischen Versorgung die Lage in Mecklenburg-Vorpommern erstmalig systematisch aufgearbeitet. Mit den Empfehlungen des Gremiums haben die zukünftigen politischen Entscheidungsträger eine klare Richtschnur für ihre Aktivitäten. Ich ziehe also ein gemischtes Fazit. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass wir nach einer Phase der intensiven "Problembeschreibung" zügig und dennoch qualitätsorientiert in die Umsetzung der guten Vorschläge einsteigen. 

TK: Denken Sie dabei bereits an konkrete Projekte?

Austenat-Wied: Projekte sind wichtig und ein probates Mittel, um in kurzer Zeit Verbesserungen zu erproben und diese anschließend in ein bestehendes System zu implementieren. Allerdings ist der Wirkungskreis in der Projektphase und leider oft auch danach begrenzt. Wir dürfen aus meiner Sicht nicht weiter in eine Phase der Projektitis verfallen. Es gibt unzählige gute, bereits in Modellprojekten erprobte Versorgungsansätze. Diese müssen wir nun auch kontinuierlich in die Regelversorgung überführen.

Ich wünsche mir für die Zukunft daher eine Doppelstrategie. Ich hoffe, dass die Politik die notwendigen Weichen stellt und so weitere Innovationen im Gesundheitssystem ermöglicht. Im Bereich der digitalen Versorgungsstrukturen sind wir einfach zu langsam. Der landesweite digitale ärztliche Kompetenzaustausch, z. B. organisiert in Form telemedizinischer Konsile in einem virtuellen Krankenhaus, ist bislang noch gar nicht geplant. Hier handeln andere Bundesländer längst.

Natürlich weiß ich, dass wir im selbstverwalteten Gesundheitswesen selbst große Gestaltungsmöglichkeiten haben. Ich wünsche mir daher, dass die Kassenärztliche Vereinigung, die Ärztekammer und die Krankenhausgesellschaft des Landes beim Thema Innovationen und Strukturreformen mitziehen. Das höchste Gut im Gesundheitswesen ist schließlich die Gesundheit der Patientinnen und Patienten und nicht der finanzielle Besitzstand redundanter Strukturen. Daher sollte auch die optimale Gesundheitsversorgung der Menschen in unserem Bundesland die oberste Divise bei der Umsetzung der Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission sein. 

Manon Auste­nat-Wied

Manon Austenat-Wied, Leiterin der TK-Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiterin der TK-Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern

TK: Wünschen Sie sich insgesamt mehr Aktivitäten zur Optimierung der Gesundheitsversorgung?

Austenat-Wied:  Lassen Sie es mich einfach ausdrücken: Die im Gesundheitswesen oftmals vorherrschende Behäbigkeit führt dazu, dass wir gemeinsam oft erst aktiv werden, wenn die Probleme offensichtlich sind und der öffentliche Druck auf das System groß wird. Versorgungssituationen wie in Wolgast, Crivitz oder Parchim hätten wir längst abräumen können, bevor Defizite bei den Patientinnen und Patienten spürbar werden. Allerdings müssen wir dazu bereit sein, tradierte und eingeschliffene Pfade zu verlassen.

Als besonders vielversprechend erachte ich Ansätze, die strukturübergreifend angelegt sind. Patientenströme richten sich schließlich nicht nach politischen Zuständigkeiten. Die Versorgungsplanung darf daher nicht mehr an den Sektorengrenzen oder den politischen Grenzen des Landkreises oder Bundeslandes halt machen. Initiativen die einen Wettbewerb zwischen den Regionen initiieren wollen, betrachte ich entsprechend mit großer Skepsis. Statt auf Abschottung der Versorgungsstrukturen setzen wir auf Kooperation.