TK: Die ersten beiden Monate des neuen Jahres sind fast vorüber. Was bewegt Sie?

Manon Austenat-Wied: Einerseits sehe ich, dass unser Alltag noch immer geprägt ist von Inzidenzen, Lock down, Abstandsregeln und Homeoffice, ergänzt um Homeschooling und Kita at Home. Das ist eine Komplexität, die für die Menschen oftmals nur schwer zu bewältigen ist.

Andererseits erlebe ich positiv, wie schnell sich die Lebensrealität verändert und anpasst. Niedergelassene Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern bieten zunehmend mehr Video-Sprechstunden an. Aus der Auswertung unserer Daten können wir sehen, wie sehr sich dieses Angebot dynamisiert hat. Die Telemedizin hat durch Corona einen enormen Schub erfahren. Im ersten Quartal 2020 wurden 528 TK-Versicherte in Mecklenburg-Vorpommern ausschließlich per Video behandelt. Aber schon im zweiten Quartal des gleichen Jahres stieg die Zahl auf  1.119.   

Selbstverständlich müssen Patienten dafür ihre Zustimmung abgeben. Aus unserer Sicht sollte sich in diesem Jahr auch das elektronische Rezept (eRezept) im Gesundheitswesen etablieren. Mit der Videosprechstunde und dem eRezept steht ein vollständiges digitales ärztliches Behandlungsangebot zur Verfügung. Und ich bin mir sicher, dass auch nach der Corona-Pandemie die Patienten künftig dieses Angebot nutzen werden.  

Manon Auste­nat-Wied

Manon Austenat-Wied, Leiterin der TK-Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiterin der TK-Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern

TK: Damit ist sicherlich ein großer Schritt getan, aber ist das schon alles?

Austenat-Wied: Keinesfalls! Die Herausforderung besteht darin, dass wir die Erkenntnisse aus dieser Pandemie systemisch in eine für die Menschen erlebbare Verbesserung der Versorgung überführen. Ich halte es für außerordentlich wichtig, die Schritte, die wir in M-V aufgrund einer intelligenten Clusterbildung unternommen haben, zu verstetigen.

TK: Können Sie die Handlungsfelder konkreter benennen?

Austenat-Wied: Die letzten Monate haben gezeigt,  dass fehlende Digitalisierung immer wieder zu Qualitätsproblemen in der Versorgung führt. Ebenso müssen wir uns fragen, ob wir die Leistungserbringer hinreichend bei der Bewältigung der in Gang gesetzten Veränderungen unterstützen. Nutzen wir Digitalisierung hinreichend um Bürokratie, Redundanzen und Zettelwirtschaft abzubauen?

TK: Und tun sie´s? Wie schätzen Sie die Situation ein?

Austenat-Wied: Wenn es um Veränderungen geht, müssen auch die vorhandenen Strukturen einer Prüfung unterzogen und teilweise neu erdacht werden. Ein zentraler Ansatz ist: Digitale Kommunikation nutzen, um Redundanzen und Bürokratie abzubauen. 

Sich gegenwärtig im Gesundheitswesen zu bewegen, bedeutet häufig eine Menge an Zettelwirtschaft und Bürokratie. Mit Verlassen der Arztpraxis hat man meistens einen Arztbrief, eine Krankschreibung oder ein Rezept dabei. Hier bietet die Digitalisierung eine Chance auf Veränderung. Ich glaube, dass wir, wenn wir von Digitalisierung im Gesundheitswesen sprechen, sehr viel konkreter werden müssen. Das bedeutet auch, digitale Formate noch mehr zu nutzen, um Ärzte zu unterstützen.  Wenn es darum geht Projekte wie das eRezept oder die eAu in die Praxis zu holen, müssen wir vor Ort mehr unterstützen. Oftmals sind es die ersten Schritte, bei denen Hilfe sehr konkret benötigt wird. Diese Unterstützung kommt direkt den Patienten zugute und ist zugleich ein Schritt in Richtung mehr Patientensicherheit. Wie oft tauchen nach einem Praxisbesuch Fragen auf, wie: Wie hießen nochmal die Tabletten? Wieviel davon soll ich, wann genau einnehmen? Wann ist meine nächste Früherkennungsuntersuchung? Wann war die letzte Impfung? In der elektronischen Patientenakte TK-Safe können Versicherte bereits seit 2019 ihre Gesundheitsdaten managen und sie ihrem behandelnden Arzt zur Verfügung stellen, wenn es die technische Infrastruktur es erlaubt. Verschiedene Projekte zeigen, dass es funktioniert.

Im Rahmen eines Pilotprojekts konnten Arztpraxen seit 2018 (zunächst in Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordrhein-Westfalen) die Krankschreibung digital an die Krankenkasse übermitteln. Bereits über 250.000 elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) wurden für Versicherte der Techniker Krankenkasse (TK) ausgestellt. Durch die digitalisierte Übermittlung gelangt die Krankschreibung auf dem schnellsten Weg zur Krankenkasse und zum Arbeitgeber. Bereits über 250.000 elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen wurden für TK-Versicherte ausgestellt. Es zeigt uns, wie digitale Lösungen den Alltag im Gesundheitswesen vereinfachen.

Künftig sollen alle GKV-Versicherten die eAU nutzen können. Das regelt das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG). Der Start dafür ist der 1. Oktober 2021.

In einem weiteren Pilotprojekt testete die TK bereits seit 2018 das elektronische Rezept (eRezept). Das erfolgreiche Modellprojekt ist inzwischen abgeschlossen und steht seit Dezember 2020 unter dem Namen "eRezept Deutschland" bundesweit den Versicherten der TK, BARMER, DAK-Gesundheit, HEK und BIG direkt gesund zur Verfügung. Um ihre Rezepte einlösen zu können, erhalten die Teilnehmenden über eine App einen QR-Code auf ihr Smartphone, den sie in der Apotheke einlösen können.

TK: Und, gibt es hier konkrete Unterstützung?

Austenat-Wied: Ja, schon sehr bald, am 24. März 2021. Gemeinsam mit der BioCon Valley® GmbH, dem Netzwerk der Gesundheitswirtschaft für MV, bieten wir interessierten Ärzten und Apothekern eine Informations- und Fortbildungsveranstaltung zum „eRezept Deutschland“ im Rahmen der Onlineveranstaltung an.

Weitere Formate werden folgen, auch im Rahmen der NØRD-Kongresses, in Kooperation mit den Startup- und Innovation Hubs des Landes.  Wir wollen in diesem Jahr ganz praktisch gemeinsam mit unseren Netzwerkpartnern unterstützen. Da nehme ich meine Rolle als Digitalisierungsbotschafterin  des Landes sehr ernst.

TK: Wie geht es mit der Digitalisierung im Krankenhausbereich voran?

Austenat-Wied: Ausgehend von den Regelungen des Krankenhaus-Zukunftsgesetzes (KHZG) stehen für Mecklenburg Vorpommern insgesamt rund 86 Millionen Euro zur Förderung der 37 Krankenhäuser zur Verfügung. Mit dem Geld sollte nun ohne Zeitverlust eine Qualitäts- und Digitalisierungsoffensive für die Krankenhäuser gestartet werden, um zukunftsfähige Strukturen aufzubauen bzw. dort wo sie im Rahmen von Modellversuchen bereits existieren, zu verstetigen, die Krankenhausinformationssysteme fit für den Anschluss der elektronischen Patientenakte zu machen und damit einen weiteren Vernetzungsschritt hinein in den ländlichen Raum und hin zu mehr Patientensicherheit zu wagen.

TK: Wie steht es um die Notfallversorgung?

Austenat-Wied: Notfallversorgung sollte nicht ausschließlich aus der Perspektive der an der Planung Beteiligten, sondern vom Patienten aus gedacht werden. Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Jeder Mensch, der sich bereits in einer Notfallsituation befand, kennt die Frage danach, wie genau man sich in so einer Situation verhält und wie angestrengt man versucht, sich  im Dschungel der Notfallversorgungsangebote zwischen Notfallambulanz, Rettungswagen, der 112 oder der 116 117 zurecht zu finden.

Ein Blick in andere Bundesländer zeigt, dass auch hier Digitalisierung und Integration in der Notfallversorgung funktionieren können.

Wie wäre es also, wenn es - egal ob ich die 112 oder die 116 117 wähle, eine zentrale Anlaufstelle gäbe, die mich als Patientin in dieser Notfallsituation als Lotse unterstützt?

Wie wäre es, wenn wir aufbauend auf die bereits etablierte Clusterstruktur in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit der KV, den Notfallversorgern bzw. Clustermanagern und den Kassen im Land an einem vorgeschalteten, strukturierten, medizinischen Ersteinschätzungsverfahren arbeiten?

Die Grundideen existieren bereits. Lassen Sie uns hierzu in einer der nächsten Ausgabe gerne einen intensiven Blick in das bundesweite Geschehen riskieren und vor allem die Dynamik der letzten Monate nutzen, um vorhandene, sehr gute Versorgungsstrukturen noch besser im Sinne der Patienten und aller im Gesundheitswesen tätigen vernetzen.