Die erste Welle der COVID19-Infektionen hat Baden-Württemberg bewältigt, ohne das Gesundheitssystem an seine Grenzen zu bringen - zumindest die "Hardware". Die Beatmungsplätze waren nie voll belegt, das Land konnte Patienten aus anderen EU-Staaten aufnehmen. Doch die Krise befeuerte viele bekannte gesundheitspolitische Debatten neu.

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Da sind zum einen die Fragen der Personalausstattung an Kliniken und die Vergütung der Pflegekräfte. Gerade im Flächenland Baden-Württemberg aber ist noch ein anderer, oft emotional ausgetragener Streit neu entbrannt. Im Frühjahr fordert die Ulmer SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis: "Es zeigt sich überdeutlich, dass auch kleine Krankenhäuser durchaus ihre Funktion haben. Kommunale Krankenhäuser sind ein wichtiger Teil der Daseinsvorsorge."

Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) verfolgt seit Amtsantritt 2016 einen anderen Kurs - nämlich auf Konzentration: gut ausgerüstete, große Zentren, die viele Eingriffe und Behandlungen durchführen, daneben kleine, hochspezialisierte Häuser und alternative Modelle wie Gesundheitszentren. Dafür erhält er von den Akteuren im Gesundheitswesen relativ viel Unterstützung, sieht sich vor Ort jedoch hoch emotionalen Debatten gegenüber.

Derzeit arbeiten im Südwesten laut Verband der Ersatzkassen (vdek) 213 Plankrankenhäuser, das sind fast 90 weniger als vor zwei Jahrzehnten. Luchas Kurs beschleunigt also eine Entwicklung, die schon aus wirtschaftlichen Gründen oft unausweichlich ist. Denn selbst im wohlhabenden Baden-Württemberg sehen sich immer mehr kommunale Träger mit erheblichen Defiziten ihrer Kliniken konfrontiert - die jedes Jahr aus den Kreishaushalten ausgeglichen werden müssen.

Vor der Coronakrise unterstützten auch die allermeisten Gesundheitsökonomen den Kurs der Schließung kleiner Häuser. Einige Argumente für die Konzentration: Je kleiner ein Haus ist, desto weniger Routine haben die Ärzte und Pflegekräfte bei Behandlungen. Teure Geräte wie MRTs sind an großen Kliniken besser ausgelastet. Verwaltungs- und Technikkosten sollten effizient und damit an wenigen Standorten anfallen.  Die Fallpauschalen vergüten bekanntlich die Leistung, nicht die Liegedauer. Ergo: Je kürzer der Aufenthalt, desto weniger Kosten für das Krankenhaus, desto besser rechnet sich die Behandlung.

Unter diesen Bedingungen können kleine Häuser kaum überleben, ihnen fehlt der Patientendurchsatz. Viele Landkreise müssen jährlich Millionenbeträge investieren, um ihre Kliniken zu unterstützen. Immer mehr beteiligen daher private Konzerne an den Krankenhäusern - oder diese schließen sich zu großen Verbünden zusammen. Zumal Bürger oft emotional für ihr kleines Klinikum streiten, für wichtige Operationen aber große Zentren wählen.

Auch der Gesundheitsökonom Professor Andreas Beivers ist ein Befürworter dieses Prozesses. Aber, so sagt er angesichts der Corona-Pandemie: "Wir haben einfach alle zu wenig berücksichtigt, dass es Katastrophenfälle wie diesen geben kann. Jetzt sind wir um jedes Bett froh, das wir haben." Allerdings bleibe das zentrale Problem der Personalmangel. Ohne geeignete Ärzte und Pflegekräfte nütze ein Klinikbett gar nichts. Ein wesentlicher Fehler im System werde offensichtlich: Beatmungsgeräte oder Betten zu kaufen, lohnt sich für ein Krankenhaus nur, wenn diese benutzt werden. Die Vorhaltung für Krisen dagegen zahlt niemand. Das müsse sich dringend ändern, so Beivers.

Dem stimmt Matthias Einwag, Geschäftsführer der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft zu: "Die Funktion der Krankenhäuser als Absicherung in medizinischen Krisenzeiten muss ein größeres Gewicht bekommen. Dass die Strukturveränderungen der letzten Jahre rückgängig gemacht werden, sehe ich allerdings nicht."

Ein weiteres Problem laut Wissenschaftler Beivers: Wer nicht im Krankenhaus bleibt, sondern nur untersucht und mit Medikamenten heimgeschickt wird, bringe den Kliniken viel zu wenig ein. Das müsse sich ändern. Gerade nach der Coronakrise werde Geld erst recht knapp sein. Deswegen gelte es, die Krankenhauslandschaft effizient zu organisieren. Die Vorteile großer Häuser blieben ja bestehen. 

Noch ist die Corona-Pandemie längst nicht bewältigt. Strukturpolitische Analysen und Lehren daraus werden mit Sicherheit folgen. Einige könnten sein: Bessere Refinanzierung von vorgehaltener Ausstattung für den Krisenfall, Pläne für eine rasche Einrichtung von Ambulanzen oder zur Aufstockung vorhandener Bettenkapazitäten. Doch so sehr es sich Bürger in ländlichen Regionen auch wünschen: ein Zurück zum kleinen Krankenhaus vor Ort dürfte es nicht geben.

Zur Person

Katja Korf (Jahrgang 1977) arbeitet im Stuttgarter Büro der Schwäbischen Zeitung. Als Korrespondentin berichtet sie aus der Landeshauptstadt vor allem über politische Themen. Katja Korf studierte Journalistik und Politikwissenschaften an der Universität Dortmund und volontierte bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, wo sie als feste und freie Journalistin arbeitete. Nach Stationen in der Pressearbeit bei der Hilfsorganisation Kindernothilfe, der Deutschen UNESCO-Kommission und der Evangelischen Akademie Bad Boll arbeitet die gebürtige Westfälin seit 2013 bei der Schwäbischen Zeitung.