TK spezial: Frau Rehlinger, die Wirtschaft in Deutschland ist noch immer am Wachsen. Wie sieht es im Saarland aus und was sind die Faktoren für diese Entwicklung?

Anke Rehlinger, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr: Das Wirtschaftswachstum im Saarland hat zwar gegenüber dem Vorjahr an Schwung verloren – trotzdem befindet sich die Wirtschaft in Deutschland und im Saarland weiterhin auf Wachstumskurs.

Im Vergleich zum Bund hat sich das saarländische Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr unterdurchschnittlich entwickelt, denn als exportstarkes Industrieland bekommen wir die Verschlechterung des weltwirtschaftlichen Umfelds besonders zu spüren. Zunehmende Auslastung der Produktionskapazitäten, Anstieg der Energiepreise, Zinswende, Handelskonflikte zwischen den USA und China – all das belastet den internationalen Handel und trifft damit das Saarland als Exportland mit einem hohen Strukturanteil der Automobilwirtschaft besonders stark. Aber auch Sonderfaktoren bremsen das Saarwachstum aus: Ein Modellwechsel im Automobilbau und der Wertverfall des britischen Pfunds infolge des Brexits erschweren die Lage zusätzlich.

Für positive Impulse sorgt hingegen der private Konsum. Die günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt, kräftige Lohnabschlüsse und die angekündigten Entlastungen in Milliardenhöhe versetzen die Menschen im Saarland in Konsumlaune. Dank der gestiegenen Kaufkraft können insbesondere die Bauwirtschaft, der Einzelhandel und das Gastgewerbe im Saarland in diesem Jahr auf Zuwächse bei Umsatz und Beschäftigung zurückblicken.

TK spezial: Die Gesundheitswirtschaft im Saarland wächst und nimmt eine wichtige Rolle ein. Woran liegt das? Was sind entscheidende Entwicklungen?

Anke Rehlinger: Der Beitrag der Gesundheitswirtschaft zu Bruttowertschöpfung und Gesamtbeschäftigung nimmt in der Tendenz bundesweit seit Jahren zu. Die Nachfrage an Dienstleistungen und Produkten der Gesundheitsbranche wächst stetig. Ursache ist in erster Linie der demografische Wandel und die damit verbundene Zunahme des gesellschaftlichen Durchschnittsalters. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung wächst deshalb auch die Innovationsfähigkeit der Branche selbst.

Gleichzeitig beobachten wir gerade die zunehmende Bereitschaft der Menschen, Gesundheitsprodukte und -Dienstleistungen zu wählen, die nicht von der der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden – ein deutliches Signal dafür, dass das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung wächst. Damit wachsen auch zwei bedeutende Teilbranchen der Gesundheitswirtschaft: der Gesundheitstourismus und der Sektor Life Balance. Gesundheit wird zunehmend zum Lebensstil. Wichtig war und ist daher, dass die bedeutende Rolle der Gesundheitsbranche für die Gesamtwirtschaft auch im politischen Bereich wahrgenommen wird.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat die Gesundheitsbranche einen Paradigmenwechsel durchlaufen: Vor zehn Jahren wurde sie noch als kostenintensiver Wirtschaftszweig und starke Belastung für Ausgaben der öffentlichen Hand wahrgenommen. Heute sprechen wir von einer Zukunftsbranche. Aus diesem Grund hat das Saarland als Vorsitzland der zurückliegenden Wirtschaftsministerkonferenz die Gesundheitswirtschaft in den Fokus der Beratungen gerückt. Die Anpassung der politischen Rahmenbedingungen halte ich für eine wichtige Ausgangsbasis, damit sich die Branche weiterhin positiv entwickeln kann.

TK spezial: Vier Milliarden Euro betrug die Bruttowertschöpfungskette der Gesundheitswirtschaft im Saarland im Jahr 2016, das bedeutet einen Anteil von 12,6 Prozent an der Gesamtwirtschaft. Wie sehen Ihre Prognosen für die Zukunft der Branche aus?

Anke Rehlinger: Die wirtschaftlichen Grundvoraussetzungen sind gut. Die Zukunft der Branche wird allerdings davon abhängen, wie wir den politischen Rahmen ausgestalten, um auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Branche reagieren zu können. Denn diese unterscheiden sich je nach Teilbereichen der Gesundheitswirtschaft stark voneinander.

Eine besondere Herausforderung ist beispielsweise der wachsende Fachkräfteengpass in vielen Berufsgruppen der Gesundheitswirtschaft. Er könnte zur Achillesferse der Branche werden. Das Saarland wird vom demografischen Wandel besonders betroffen sein, so dass wir auch in Sachen Fachkräfte einem zunehmenden Standortwettbewerb ausgesetzt sind. Daher habe ich im Rahmen der Wirtschaftsministerkonferenz gemeinsam mit meinen Länderkollegen einen gesamtstaatlichen Strategieprozess vorgeschlagen. Wir brauchen eine Handlungsgrundlage, um Berufsbilder in Pflege und Gesundheitshandwerk arbeitspolitisch aufzuwerten und auf diese Weise die Attraktivität der Gesundheitswirtschaft als Arbeitgeber zu steigern.

TK spezial: Welche Rolle spielt die Digitalisierung aus Ihrer Sicht bei dieser Entwicklung?

Anke Rehlinger: Durch sie rücken Menschen wieder stärker in den Fokus des Versorgungssystems. Einheitliche Richtlinien und Standards für die elektronische Patientenakte können beispielsweise für einen selbstbestimmten Umgang der Patientinnen und Patienten mit den eigenen Gesundheitsdaten sorgen. Ich denke aber noch viel weiter: Die Telemedizin erfährt durch die technologischen Neuerungen wieder verstärkte Aufmerksamkeit. Langfristig kann dies vor allem dem Ärzte- und Expertenmangel in den ländlichen Regionen entgegenwirken. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema altersunterstützende Assistenzsysteme, denn Smart-Home-Lösungen ermöglichen auch älteren Patientinnen und Patienten ein möglichst lange selbstbestimmtes Leben.

Durch den Einzug digitaler Technologien kommt der Gesundheitswirtschaft also auch eine tragende sozialpolitische Rolle zu. Wichtig ist, die politischen Weichen rechtzeitig zu stellen, damit der deutsche Markt den Anschluss nicht verpasst. Wir brauchen tragbare Standards, sowohl bei der Zertifizierung als auch beim Transfer neuer Produkte und Technologien in die Anwendung, und eine innovationsorientierte Technologieförderung.

TK spezial: Die Gesundheitswirtschaft ist in drei Teilbereiche unterteilt: die industrielle Gesundheitswirtschaft, die medizinische Versorgung und die weiteren Teilbereiche der Gesundheitswirtschaft. Welcher hat aus Ihrer Sicht im Saarland das größte Potenzial?

Anke Rehlinger: Das ist abhängig von der Perspektive. Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht sorgt der Kernbereich der Gesundheitswirtschaft, also der Pflege- und Betreuungssektor, sowie die stationäre und medizinische Versorgung mit rund 70.300 Beschäftigten allein für etwa drei Viertel der Gesamtbeschäftigung der Branche. Allerdings müssen wir hinsichtlich der Arbeitsbedingungen vor allem in der Pflege Maßnahmen zur Steigerung des Berufsbildes ergreifen – einerseits, um die Qualität der Arbeit sicherzustellen, andererseits, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Aus strukturpolitischer Sicht sind wir in der industriellen Gesundheitswirtschaft, gerade in der pharmazeutischen Industrie, gut aufgestellt. Hier dominieren einige mittelständische Unternehmen, die die Grenzlage des Standorts optimal nutzen, um ihre Produkte auch international erfolgreich zu vertreiben.

Langfristig sehe ich beim Thema Ambient Assisted Living die Chance, innovative Leuchtturmprojekte zu schaffen und so den Gesundheitsstandort Saarland attraktiv zu gestalten. Im Koalitionsvertrag der aktuellen Legislaturperiode hat sich die Landesregierung zu den bereits bestehenden, regionalen Projekten bekannt und es sich für die kommenden Jahre zur Aufgabe gemacht, das Saarland als Modellregion zu etablieren.

TK spezial: Welche Effekte hat eine florierende Gesundheitswirtschaft und wie kann man diese zukünftig nutzen?

Anke Rehlinger: Die Gesundheitswirtschaft ist Treiber und Garant für Arbeit und Beschäftigung zugleich. Vor allem in den Regionen Deutschlands, die besonders vom Strukturwandel betroffen sind, kann sie sich als Zukunftsmarkt langfristig positiv auf Wertschöpfung und Beschäftigung auswirken.

Die Gesundheitswirtschaft bezieht insgesamt rund 38 Prozent der Vorleistungen aus dem eigenen Wirtschaftssektor, darüber hinaus agieren bereits heute viele kleine und mittlere Unternehmen im Grenzbereich zwischen industriellem und dienstleistungsorientiertem Bereich. Mein Ziel ist es, die Gesundheitswirtschaft gemeinsam mit den regionalen Akteuren zu stärken. Mit Blick auf die Arbeit der Landesregierung sehe ich das Saarland da auf einem guten Weg: Wir haben kürzlich eine Branchenstudie in Auftrag gegeben, die neben einer Bestandsaufnahme auch Handlungsempfehlungen erarbeiten soll. Auf dieser Grundlage wollen wir unseren strategischen Rahmen für die Entwicklung der saarländischen Gesundheitswirtschaft aufspannen.