Wann ist eine Entwicklung schon ein Trend? Studien belegen ein stark gestiegenes Engagement internationaler Kapital-Sammelstellen im deutschen Gesundheitsmarkt. Seit langem hat sich die Branche an private Investoren im Krankenhaussektor gewöhnt. Nun aber interessiert sich das Private-Equity-Kapital auch verstärkt für den ambulanten Sektor, kauft Arztpraxen und gründet, berechtigt durch den Besitz von Kliniken, medizinische Versorgungszentren (MVZ).

Internationale Beteiligungsfirmen investierten 2017 in Europa nach jüngsten Untersuchungen fast elf Milliarden Euro in die Gesundheitswirtschaft. Der Fachautor Rainer Bobsin hat ausgerechnet, dass 486 MVZ in Deutschland bereits im Besitz von Private-Equity-Kapital sind, 92 davon sind zahnärztliche Versorgungszentren. Allein im Jahr 2018 zählt der Experte 60 neu erworbene Versorgungszentren. Gemessen an der Zahl der Arztpraxen in Deutschland ist das immer noch eine kleine Zahl, aber die Tendenz ist eindeutig.

Sie wird in der Branche und in der Politik zwar genau registriert, aber eine klare Einschätzung hat sich noch nicht herausgebildet. Und wie immer im Gesundheitswesen sind die Stellungnahmen der Beteiligten auch von massiven Eigeninteressen beeinflusst. Nicht jedes kursierende Argument hält einer genaueren Prüfung stand. Den Fonds wird Gewinninteresse vorgeworfen: Investiertes Geld müsse sich schnell amortisieren, das wiederum führe zu einem Druck auf Ärzte, Apparate-Medizin auch umfangreich zu nutzen und im Zweifel die ertragreichere Therapie zu wählen.

Die Befürchtungen sind ernst zu nehmen. Aber niemand darf so naiv sein zu übersehen, dass auch niedergelassene Ärzte oder arztgeführte Versorgungszentren gewinnorientiert arbeiten müssen. Und nicht selten ist der finanzielle Druck, unter denen diese Einrichtungen stehen, eher noch höher, weil für einen einzelnen Arzt hohe Investitionen belastender sind als für einen investierenden Fonds.

Und auch das hohe Lied, das gelegentlich auf die angeblich höhere medizinische Qualität der niedergelassenen Ärzte oder Ärzte-MVZs im Vergleich zu Investor-geführten Einrichtungen gesungen wird, ist in der Realität nicht zu belegen. Man sollte also vorschnellen Verteufelungen skeptisch gegenüberstehen und genau darauf achten, wer sie ausspricht.

Es gibt auch die andere Seite der Medaille. Wenn dem Gesundheitsmarkt neues Kapital zufließt, kann darin auch eine Chance liegen. Und fraglos liegt eine Chance für (ländliche) Räume, deren ärztliche Versorgung immer komplizierter zu gewährleisten ist, darin, dass sich Versorgungszentren bilden. Die größer werdende Schwierigkeit, auch künftig eine qualitativ zuverlässige Patientenversorgung in der Fläche aufrechtzuerhalten, ist aber nicht die einzige Entwicklung, die den Trend zu MVZs begünstigt.

In den Versorgungszentren arbeiten angestellte Ärzte. Für viele junge Mediziner, gerade für junge Frauen, ist das attraktiv, denn als angestellter Arzt ist das Leben geregelter, die möglichen Zeitarrangements verlässlicher, als in einer selbstständig geführten Praxis. Und es gibt nicht die Notwendigkeit hoher Einstiegsinvestitionen. Wenn zufließendes Kapital diese Entwicklung befördert, trifft das also auf ein Bedürfnis.

Nicht verteufeln also – aber eben auch nicht verharmlosen. Auch aus dem Krankenkassen-Sektor waren etwas naiv anmutende Bemerkungen zu vernehmen, es gebe keinerlei Hinweise, dass privates Kapital kurzfristiger angelegt und auf schnellere Rendite ausgerichtet sei. Natürlich gibt es diese Hinweise. Die Schnelligkeit, mit der die Fonds sich in Zeiten niedriger Kapitalrenditen auf den Gesundheitsmarkt fixieren, ist doch der stärkste Hinweis.

Das Geld war vorher in anderen Bereichen angelegt, die nun weniger interessant erscheinen. Privatinvestoren entdecken die Gesundheitsbranche nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Geschäftsinteresse. Es gibt keinerlei Gewähr dafür, dass das Geld nicht blitzschnell abgezogen wird, wenn sich woanders ein anderer, noch rentablerer Markt erkennen lässt. Es gilt genau im Blick zu halten, was es bedeutet, wenn auf diese Weise die langfristige Gesundheitsversorgung in der Fläche in Abhängigkeit von den Zufälligkeiten internationaler Finanzmärkte gerät.

Hier für ein verlässliches Regelwerk zu sorgen, ist Aufgabe der Politik. Oberstes Gebot ist dabei die Herstellung von Transparenz. Heute sind die Besitzverhältnisse bei MVZs weder von Kammern noch von Kassen wirklich erkennbar. Das ist schon gegenüber den Patienten nicht verantwortbar. Sie haben nicht nur ein Recht darauf zu wissen, wer sie behandelt, sondern auch darauf, in wessen Diensten der behandelnde Arzt steht.

Erst wenn dieser Überblick garantiert ist, lässt sich wirklich das Ausmaß des Trends einschätzen. Und dann müssen Maßnahmen getroffen werden, die verhindern, dass ganze Regionen dauerhaft unterversorgt dastehen, wenn die Renditejäger der Private-Equity-Fonds noch grünere Weiden gefunden haben werden. 

Zur Person

Norbert Wallet (57) ist politischer Korrespondent im Hauptstadtbüro von  Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung. Dort ist er unter anderem für Gesundheitsthemen zuständig. Wallet hat bei der Kölnischen Rundschau volontiert, wo er später Chefreporter, dann Leiter des Berliner Büros war. Danach wurde er Büroleiter der Stuttgarter Nachrichten in Berlin.