Wer beeinflusst ihr Leben mehr, Gesundheitssenatoren oder ärztliche Selbstverwaltung? Die Frage, welche der anstehenden Wahlen für Bremer Ärztinnen und Ärzte spannender ist, sei fürs erste hintenangestellt. Bleiben wir bei der Bürgerschaftswahl.

Als Chartanalyst käme man sicher zu dem Ergebnis: Bayern wird Meister und die SPD regiert Bremen. - weil es immer so war. Wenn nicht, wird es bunt. Und dann stellt sich die Frage, was dies für den Sektor Gesundheit im künftigen Regierungsprogramm bedeuten könnte. Der geneigte Leser der Wahlprogramme findet hierzu erstaunlich wenig. Alle wollen es bürgernah, um die Ecke und in höchster Qualität. Ein Wirtschaftszweig der ein Zehntel der Wirtschaftsleistung ausmacht, wird als selbstverständlich funktionierend wahrgenommen. Wahrscheinlich zu Unrecht. Und hieraus ergibt sich die erste Erwartung der Vertragsärzte in Bremen: eine positive Wahrnehmung des enormen Beitrages zur Versorgung unserer Mitbürger (und Wähler). Wenn Ärzte in der Presse oder in Regierungspapieren auftauchen, dann meist wegen gefühlter oder wahrer Mängel: diese Praxis wurde geschlossen und jene verlegt; nun müssen die Bürger einen längeren Weg zurücklegen, unzumutbar. Gleichzeitig wird Kooperation gepredigt, leider ein Gegensatz.

Das TSVG (Terminservice-Versorgungsgesetz) ist verabschiedet, bevor eine neue Bremer Regierung im Bundesrat abstimmen kann. Ansonsten gäbe es eine 10-seitige Wunschliste, was zu ändern wäre. Die sei an dieser Stelle gespart. Inhalt des Gesetzes ist, und das wird zunächst von kaum einem Wähler bemerkt, eine starke Verschiebung von Selbst- zu Staatsverwaltung. Frühere Gespräche mit der jetzigen Regierung lassen befürchten, dass dies begrüßt wird: der Wille zur Opferung gutbegründeter Pläne der Selbstverwaltung auf dem Altar des Populismus ist ausgeprägt.

In der Bedarfsplanung wussten Politiker aller Verwaltungsebenen schon immer besser als das KV-System und die Kassen, wo welcher Arzt zu welcher Zeit am dringendsten benötigt werde. Mit dem Stichwort „kleinräumige Bedarfsplanung“ soll dem Wähler vorgegaukelt werden, man tue genau für ihn, in seinem „Quartier“ etwas ganz besonders Gutes, weil man einen Arztsitz ebendort installiere. Die Vertragsärzte erwarten so viel Ehrlichkeit von den künftig Regierenden, offen zu sagen, dass ein Sitz niemandem nützt, denn weder ein Senator noch ein KV-Chef kann Ärzte backen.

Unser Verständnis für Terminvermittlung um Mitternacht ist eher gering, unser Mitgefühl bei einer mangels Nachfolger geschlossenen Praxis dagegen groß. Hier hilft nur eins: die neue Regierung muss unsere Städte Bremen und Bremerhaven für den Nachwuchs attraktiv machen: Baugrundstücke, sichere Kita-Plätze und gute Schulen wären ein geeigneter Beitrag der nächsten Regierung.