TK spezial: Im deutschen Gesundheitssystem herrscht eine relativ starre Aufteilung in Sektoren. An der Grenze zwischen dem stationären und dem niedergelassenen Bereich entstehen daher häufig Reibungsverluste. Wie lassen sich diese Ihres Erachtens nach minimieren?

Gaß: Die Sektorengrenzen im deutschen Gesundheitswesen sind durch unterschiedliche Finanzierungstöpfe, gesetzliche Grundlagen, Rahmenbedingungen und Zuständigkeiten geprägt. Erst wenn wir diese Bedingungen vereinheitlichen, wird es auch möglich sein, die Sektorengrenzen gänzlich zu überwinden. In der aktuellen Situation sehe ich allerdings auch gute Möglichkeiten, Grenzen abzubauen und Reibungsverluste zu reduzieren. Das funktioniert immer dann, wenn handelnde Akteure miteinander ins Gespräch kommen, die ein gemeinsames Interesse daran haben, ein Problem zu lösen und eine bestimmte Situation zu verbessern.

Ich nehme das beispielsweise aktuell beim Thema ambulante Notfallbehandlung im Krankenhaus wahr. Hier versuchen die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenhausgesellschaft standortbezogen die Situation für alle Beteiligten zu verbessern. Mein Eindruck ist, dass wir in Rheinland-Pfalz ein recht konstruktives Miteinander in der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens haben, auch die Vertreterinnen und Vertreter der Krankenkassen sehe ich da ebenfalls mit im Boot.

TK spezial: Das Landeskrankenhaus in Meisenheim wurde von Presse und Politik bei seiner Einweihung als 'Krankenhaus der Zukunft' gepriesen, da es aufgrund der Verflechtung stationärer und ambulanter Leistungen noch eine Ausnahme darstellt. Welche Erfahrungen konnten Sie bislang als Geschäftsführer sammeln?

Gaß: Die erste Erfahrung bei diesem sektorübergreifenden Versorgungsprojekt im ländlichen Raum war, dass zunächst kaum jemand daran geglaubt hat, dass wir dieses Vorhaben tatsächlich realisieren werden. Meine zweite Erfahrung ist, dass immer dann, wenn die Not groß ist und der Druck zur Problemlösung für alle spürbar, entsteht auch die Bereitschaft neue Wege zu gehen und Lösungen aktiv mit zu gestalten. 

Ich nehme wahr, dass die Bevölkerung in der Region sehr dankbar ist, dass wir mit dem Gesundheitszentrum Meisenheim die Versorgung in der Region gesichert haben. Die Kooperationsbereitschaft bei den niedergelassenen Ärzten wie auch bei umliegenden Krankenhäusern ist sehr hoch, weil wir darauf achten, uns mit diesen zu ergänzen und keine Doppelvorhaltungen aufbauen. Es ist ungemein wichtig, mit diesen Kooperationspartnern ein wirkliches Vertrauensverhältnis aufzubauen bei dem jeder seinen Teil des Versorgungsgeschehens einbringen kann.

Dieses lokale Gesundheitszentrum lässt sich nicht 1:1 in eine andere Region übertragen. Man muss vor Ort immer eine sehr sorgfältige Analyse durchführen um zu erkennen, welche neuen Strukturen zum bisherigen Versorgungsgeschehen passen. 

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TK spezial: Mit welchen Schwierigkeiten sind niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser in der Fläche konfrontiert?

Gaß: Bei den niedergelassenen Ärzten erkenne ich den Trend sich zusammenzuschließen. Weg von der Einzelpraxis hin zu größeren Einheiten, in denen man sich wechselseitig vertreten kann, wo Spezialisierungen möglich sind und die Infrastruktur gemeinsam finanziert wird. Diese größeren Einheiten brauchen folglich auch einen entsprechend größeren Patientenstamm der eher in den Mittelzentren als im ländlichen Raum zu finden ist. Aus diesem Grund werden seit Jahren Facharztpraxen aus der Fläche in die Zentren der Landkreise verlagert. Hier glauben wir in unserem Gesundheitszentrum Meisenheim mit dem Angebot von Filialarztpraxen ein passendes Puzzleteil in Zusammenarbeit mit diesen fachärztlichen Gemeinschaftspraxen gefunden zu haben. 

Die Krankenhäuser im ländlichen Raum haben das Problem der Fachkräftegewinnung und der zunehmenden Spezialisierung und Zentralisierung. Ein Grundversorgungskrankenhaus klassischer Prägung kann im bestehenden Fallpauschalensystem seine gesamten Personal- und Infrastrukturkosten nicht mehr refinanzieren. Diese Grundversorgungskrankenhäuser werden aber benötigt, um den wohnortnahen Versorgungsbedarf für einen Großteil der stationären Leistungen abzubilden. Auch sind sie ein wichtiger Anker für die ambulanten Anbieter, für die Notfallversorgung und als Notarztstandort. Ich bin davon überzeugt, dass sie diese Aufgaben auch qualitativ hochwertig erbringen können. Dazu gehört dann aber die Kooperation mit Schwerpunktkrankenhäusern und Spezialkliniken im weiteren Umfeld. Wir in Meisenheim haben beispielsweise mit dem Klinikum Idar-Oberstein eine enge Verbindung in mehreren Fachdisziplinen. Auch die telemedizinischen Möglichkeiten bieten Chancen für regionale Grundversorger Kompetenzen aus dem weiteren Umfeld vor Ort zu nutzen.

TK spezial: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

Dr. Gerald Gaß (54), Diplom Volkswirt, Diplom Soziologe ist seit 2008 Geschäftsführer des Landeskrankenhaus (AöR) mit Sitz in Andernach. Davor war er in mehreren Funktionen im rheinland-pfälzischen Sozialministerium tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Gesundheit. Aktuell ist er auch Vorsitzender der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz. Das Landeskrankenhaus (AöR) verfügt an insgesamt 17 Standorten über rund 2.200 Betten und Plätze und beschäftigt rund 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit dem 28. November 2017 ist er außerdem Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).