TK spezial: Zu den Schwächen, welche die Pandemie aufzeigte, gehört im Bereich der Arzneimittel und Pharmazeutika beispielsweise die Anfälligkeit von internationalen Wertschöpfungsketten und eventueller Versorgungsengpässe dazu. Welche politischen Möglichkeiten sehen Sie hier gegenzusteuern und die Abhängigkeit von anderen Ländern zu verringern?
 
Kathrin Anklam-Trapp: Die Corona-Pandemie hat die große europäische Abhängigkeit von Staaten wie China und Indien bei der Medikamentenversorgung noch sichtbarer gemacht. Eine Konsequenz aus der Corona-Zeit kann nur sein, dass die lebenswichtigen Medikamente künftig auch wieder in Deutschland oder zumindest innerhalb der EU produziert werden. Bei der Lösung dieses Problems setze ich daher auch auf Europa: Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft ist eine gute Chance, um das Thema Medikamentenversorgung wieder prominent auf die Agenda zu setzen.

Kathrin Anklam-Trapp

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Mitglied des Landtags Rheinland-Pfalz

TK: Die TK hatte vor einigen Jahren angeregt, Medikamente, die in Europa produziert werden, preislich zu bevorteilen. Dies wäre nach Einschätzung der TK zumindest für bestimmte lebenswichtige Medikamente denkbar. Was halten Sie von solchen Ansätzen?
 
Anklam-Trapp: Um Produktionsstätten in Deutschland und auch europaweit wieder aufzubauen, braucht es sicherlich auch finanzielle Anreize für die Unternehmen. Der Aufbau neuer Lieferketten und Qualitätskontrollen sowie eine europäische Zusammenarbeit beim Ausbau der Wirkstoffproduktion für besonders wichtige Arzneimittel sind aufwendig und mit hohen Investitionen verbunden. Ich glaube, dass wir dabei auf einen Maßnahmenmix setzen müssen, um zu besseren Rahmenbedingungen für den Pharmastandort Europa zu gelangen.
 
TK: Im Rahmen des "Zukunftsprogramms Krankenhäuser" wird die Bundesregierung drei Mrd. Euro in eine modernere und investive Ausstattung der Krankenhäuser investieren - welche Schwerpunkte würden Sie hier als prioritär erachten?
 
Anklam-Trapp: Bund und Länder haben bisher aus meiner Sicht mit ihren Hilfsprogrammen klug und weitsichtig reagiert, um die Folgen der Corona-Pandemie zu bekämpfen - gerade im Gesundheitswesen. Die Krankenhäuser werden auch über die Corona-Pandemie hinaus von den heute getätigten Zukunftsinvestitionen profitieren. Die so wichtige digitale Infrastruktur der Krankenhäuser wird ausgebaut und die IT- und Cybersicherheit weiter verbessert. Ohne kann heute kein Krankenhaus mehr effizient und vor allem sicher arbeiten. Ganz entscheidend für Rheinland-Pfalz sind besonders die Stärkung der regionalen Versorgungsstrukturen und der Fokus auf moderne Notfallkapazitäten.
 
Als Sozialdemokratin fehlt mir aber ein weiterer wichtiger Aspekt, der die Zukunft unserer Krankenhäuser zentral betrifft: Selbst das bestausgerüstete Krankenhaus kann ohne fachlich qualifiziertes Personal keine qualitativ hochstehende medizinische Versorgung sicherstellen. In der Pflege brauchen wir einen flächendeckenden Tarifvertrag, der bessere Bezahlung sichert und vor allem Maßnahmen gegen die Arbeitsverdichtung beinhaltet. Leider wird das bislang durch die Union blockiert.
 
TK: Das Gesundheitsministerium hat bei der Versorgung von Covid-Patienten auf Schwerpunktkrankenhäuser mit regionalen Netzen in den Versorgungsregionen gesetzt. Ist so ein Konzept der Schwerpunktbildung nicht generell ein guter Versorgungsansatz?
 
Anklam-Trapp:
Die Bildung von Schwerpunktkrankenhäusern ist prinzipiell ein guter Ansatz. Dass wir Covid-Patientinnen und -Patienten nicht in allen Krankenhäusern behandelt haben, sondern in erster Linie in den spezialisierten Häusern mit Beatmungskompetenz war zielführend. Es könnte eine Ursache sein, warum wir in Deutschland glücklicherweise - im Vergleich zu anderen Ländern - so wenige Todesopfer zu beklagen hatten. Ich habe daher auch grundsätzlich viele Sympathien für eine Grundversorgung in der Fläche und einer auf bestimmte Indikationen spezialisierten Versorgung an ausgesuchten Standorten.
 
TK: Angesichts des demografischen Wandels und der Corona-Pandemie gerät die Finanzlage der Pflegekassen zunehmend unter Druck. Daher hat die Bundesregierung entschieden, die Pflegekassen aus Steuermitteln zu entlasten. Der TK-Landeschef forderte jüngst, dass die Pflegeversicherung dauerhaft unterstützt werden müsse. Durch welche Maßnahmen könnten Sie sich eine Entlastung vorstellen?
 
Anklam-Trapp: Schon seit längerem gibt es Rufe nach einer großen Finanzreform für die Pflege, die in der alternden Gesellschaft künftig noch mehr gefragt sein wird. Der Bundesgesundheitsminister hat angekündigt, die Debatte 2020 "zu einer Entscheidung zu führen". Daran werden wir ihn erinnern. Das Ziel, die finanziellen Rahmenbedingungen für die Pflege besser zu machen und für die Zukunft aufzustellen, muss ein zentrales Anliegen unserer Gesellschaft sein.

TK: Vielen Dank für das Gespräch. 

Zur Person

Die gebürtige Wormserin, Kathrin Anklam-Trapp (SPD), ist Mutter zweier Kinder, ausgebildete OP-Krankenschwester und bereits seit mehr als 14 Jahren Mitglied des rheinland-pfälzischen Landtags. Die 52-jährige hat zahlreiche politische und gesellschaftliche Funktionen inne. So ist sie etwa seit 2011 gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und seit 2015 stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Darüber hinaus ist sie beispielsweise Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, Pflege und Demografie sowie Mitglied der Enquete Kommission 17/2 "Corona-Pandemie".