TK: Die Gesundheitspolitik erfährt gegenwärtig eine Aufmerksamkeit wie selten zuvor. Wie erleben Sie die öffentlichen Debatten zu den im Bundestag beschlossenen Gesetzen? 

Dietrich Monstadt: Ich bin unserem Gesundheitsminister Jens Spahn dankbar dafür, dass er wichtige Veränderungen angeht und dabei auch vor komplexeren Fragestellungen nicht zurück schreckt. Organspende, Masernimpfpflicht, Implantateregister - er schafft es, dass sich die Bürgerinnen und Bürger für unser Gesundheitssystem interessieren. Besonders die Neuausrichtung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (M-RSA) ist meiner Meinung nach eines der größten und nachhaltigsten Gesetzesvorhaben in dieser Legislaturperiode.

Diet­rich Monstadt

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Zur Person

Dietrich Monstadt ist Rechtsanwalt und Politiker. Monstadt ist seit 1996 Mitglied der CDU und seit 1998 Kreisvorstandsmitglied der CDU Schwerin. Seit 2009 sitzt der Vater von vier Kindern im deutschen Bundestag. Als ordentliches Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft gestaltete der gebürtige Westfale die gesundheitspolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre maßgeblich mit. Neben einer effizienten und qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung liegt Monstadt vor allem die Prävention von Adipositas und Diabetes am Herzen.

TK: Mecklenburg-Vorpommern ist besonders vom demografischen Wandel betroffen. Wie können politische Entscheidungsträger, Behandler und Krankenkassen die Branche fit für die Zukunft zu machen?

Monstadt: Ja, die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, sind besonders groß. Dazu kommt, dass nicht nur unsere Altersstruktur problematisch ist, sondern dass die Wegzeiten in einem Flächenland auch zu Schwierigkeiten führen können. Ich denke, dass wir hier nur dann viel erreichen können, wenn wir intensiv zusammen arbeiten.

Für Mecklenburg-Vorpommern ist besonders das Thema "Diabetes" eine Herausforderung: Jeder Neunte ist betroffen, das ist mehr als in jedem anderen Bundesland. Ich setze mich im Deutschen Bundestag deswegen schon lange für eine Nationale-Diabetes-Strategie ein, die wir auch im Koalitionsvertrag festgehalten haben. Aktuell befinden wir uns hier noch in der Konsentierung.

Wir benötigen dringend mehr Pflegekräfte. Dazu haben wir letztes Jahr das Pflegepersonalstärkungsgesetz verabschiedet, mit dem wir wieder mehr Pflegende gewinnen wollen.

Oder mehr Freiheit für Heilmittelerbringer im Terminservice-Versorgungsgesetz (TSVG): Hier wurde beschlossen, dass Ärzte eine "Blankoverordnung" ausstellen dürfen und die Physiotherapeuten, Logopädinnen, Ergotherapeutinnen oder Podologen selbst  über Behandlungsdauer und Frequenz entscheiden. Das erleichtert die Inanspruchnahme auch für die Patientinnen und Patienten, die sich lange Weg- und Wartezeiten beim Arzt sparen können.

Für ein Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern sind auch die digitalen Möglichkeiten, die nun geschaffen werden, ein großer Vorteil. Ich denke hier an den Ausbau der Videosprechstunde, die Möglichkeit der digitalen Krankschreibung oder auch das e-Rezept. Durch finanzielle Anreize werden auch die Ärztinnen und Ärzte motiviert, diese Technik mit ihren Patientinnen und Patienten vermehrt zu nutzen. Natürlich gibt es immer Fälle, in denen der direkte Arztkontakt nicht ersetzt werden kann.
Die Gesundheit all unserer Bürgerinnen und Bürger wird auch durch die Maßnahmen zur flächendeckenden Impfdurchsetzung bei den Masern (Masernschutzgesetz) geschützt.

Für zwingend notwendig halte ich auch die im Koalitionsvertrag festgehaltene bessere Verknüpfung von ambulanter und stationärer Behandlung. Im Gesetz zur Reform der Medizinischen Dienste der Krankenkassen wurden dazu erste Schritte unternommen: Ein Katalog ambulanter Operationen soll erarbeitet werden. Dadurch werden auch langfristig in den Krankenhäusern mehr Betten für dringendere Fälle frei. Auch wird das Pflegepersonal entlastet, wenn insgesamt weniger Patientinnen und Patienten in den Krankenhäusern verbleiben.

Ich denke, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Natürlich benötigen die Maßnahmen etwas Zeit, um zu wirken.

TK: Für eine bestmögliche Versorgung braucht es auch zukünftig innovative Konzepte. Welche Innovationen sind aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren dringend nötig?

Monstadt: Als Diabetiker nehme ich natürlich besonders in diesem Bereich die Fortschritte war. Beeindruckend, dass eine App meinen Blutzucker überprüfen und dann theoretisch auch eine Pumpe regulieren könnte. Diese Closed-Loop-Systeme haben sicherlich ein großes Potential. Gleichzeitig sind es auch Hochrisiko-Medizinprodukte, die gute Studienlagen erfordern. Langfristig denke ich aber, dass damit natürlich auch andere Kapazitäten bei den im Gesundheitswesen Tätigen frei werden, da Ärztinnen und Ärzte seltener die genauen Messdaten ihrer Diabetes-Patientinnen und-patienten auswerten müssen.

Wie bereits oben geschildert, ist in meinen Augen eine Neuausrichtung des Risikostrukturausgleichs eine der Maßnahmen mit der größten Wirkung. Ich halte es für sehr wichtig, dass Prävention im neuen M-RSA insgesamt einen höheren Stellenwert erhält. Innovation darf sich meiner Meinung nach nicht nur auf neue Konzepte bei bereits Erkrankten beziehen. Innovation ist auch bei Konzepten zur Gesunderhaltung notwendig.

TK: Gibt es Entwicklungen in der Gesundheitsbranche die Sie mit Sorge betrachten?

Monstadt: Ich bin Berichterstatter meiner Fraktion für Zahnärzte, und in dem Bereich erleben wir zunehmend eine beunruhigende Entwicklung: Private-Equity, Fremdkapitalgeber dringen in diesen Bereich vor, indem sie Träger für zahnärztliche Versorgungszentren werden. Ein Einfallstor sind Krankenhäuser, die als MVZ-Träger fungieren dürfen. Investoren, die allerdings nur auf schnelle Profite aus sind, sollten in unserer Versorgungslandschaft keine tragende Rolle spielen. Erste Schritte dazu haben wir im TSVG unternommen: Grundsätzlich darf ein Krankenhaus 10 Prozent der Z- MVZ in einem Planungsbereich halten. Außer in Planungsbereichen, in denen der Versorgungsgrad bei 110 Prozent liegt. Hier dürfen Krankenhäuser einen Versorgungsanteil von 5 Prozent der zahnärztlichen Versorgung in MVZ übernehmen. In Planungsbereichen, in denen der Versorgungsgrad um 50 Prozent und mehr unterschritten ist, dürfen Krankenhäuser einen Versorgungsanteil von 20 Prozent der zahnärztlichen Versorgung in MVZ übernehmen. Die Bedarfsplanungsrichtlinie wird jährlich neu ermittelt.
Gegebenenfalls werden wir natürlich nachschärfen müssen.

Außerdem halte ich es für unumgänglich, dass wir uns dem Thema Adipositas stärker widmen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen. Das Robert-Koch-Institut schreibt, dass in Deutschland 26 Prozent der Fünf- bis Siebzehnjährigen Übergewicht haben, beinahe zehn Prozent sollen fettleibig sein. Als Berichterstatter für Adipositas halte ich das für eine beunruhigende Entwicklung. Ich denke, dass wir uns in diesem Bereich viel stärker engagieren müssten. Dazu zählen z.B. mehr Sportstunden in der Schule oder die Einführung des Fachs "Gesundheitsförderung".