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TK: Frau Kalayci, Sie sind seit über zwei Jahren Berlins Gesundheitssenatorin. Welche Bilanz ziehen Sie?

Dilek Kalayci: Berlin ist im Bereich Gesundheit und Pflege sehr gut aufgestellt, und wir arbeiten hart daran, noch besser zu werden. Wir haben beispielsweise die Krankenhausinvestitionen von 79 Millionen Euro in 2017 auf 160 Millionen Euro in 2019 erhöht und investieren zusätzlich 26,5 Millionen in den Ausbau von Kreißsälen. Wir arbeiten daran, die Arbeitsbedingungen der Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern und Pflegeheimen zu verbessern, indem wir über den Bundesrat dem Bundesgesundheitsminister Druck machen, endlich für vernünftige und bedarfsgerechte Personalschlüssel zu sorgen. Mir ist aber auch wichtig, dass Berlin selber tätig wird. Deshalb habe ich den „Berliner Pakt für die Pflege“ ins Leben gerufen, in dem ich mit vielen Akteurinnen und Akteuren aus dem Berliner Pflegebereich, den Kassen, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern sowie den Pflegeverbänden über Lösungen in den Kernbereichen Ausbildung, Vergütung, Gesundheitsmanagement und Familienfreundlichkeit in den Pflegeberufen diskutiere. Gleichzeitig müssen wir in den Gesundheitsberufen auch über die fortschreitende Digitalisierung sprechen. Ich möchte, dass die dort entstehenden Innovationen den betroffenen Menschen zugutekommen und nicht an ihnen vorbei entwickelt werden. 

TK: Die Länder Berlin und Brandenburg stimmen sich in der Krankenhausplanung künftig enger ab. Was sind die Schwerpunkte Berlins für die Krankenhausversorgung der Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg?

Kalayci:  Berlin und Brandenburg sind in der Gesundheitsversorgung immer enger miteinander verflochten. Beispielsweise wurden im Jahr 2016 108.000 Brandenburgerinnen und Brandenburger in Berlin stationär behandelt und umgekehrt 21.000 Berlinerinnen und Berliner in Brandenburg. Es gibt also bereits große Schnittmengen bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten. Umso wichtiger ist es, dass wir uns im Grundsatz einig sind. Durch abgestimmte gemeinsame Versorgungsziele und Planungsgrundsätze wollen wir eine bedarfsgerechte und qualitätsorientierte Weiterentwicklung der Krankenhauslandschaft in beiden Ländern langfristig sichern. Ziel ist es, durch die gemeinsame Planung Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Metropole Berlin und dem Flächenland Brandenburg herauszuarbeiten und bei der jeweiligen Krankenhausplanung entsprechend ihrer Besonderheiten zu berücksichtigen.

TK: Digitalisierung und künstliche Intelligenz können und sollen Menschen nicht ersetzen. Wo sehen Sie die Potenziale in der medizinischen und pflegerischen Versorgung?

Kalayci: Es stimmt, Digitalisierung und künstliche Intelligenz können nicht für Fachkräfte einspringen und Menschen ersetzen. Die Technik ist dazu da, um zu unterstützen, denn bei der Pflege geht es auch und gerade um Menschlichkeit und Zuneigung. Wir haben aber in Berlin eine Reihe von Start-ups und Facheinrichtungen, die richtig gute Ideen haben, um das Gesundheits- und Pflegesystem in der Stadt zu verbessern. Diese Chance möchte ich nutzen und habe deshalb die Initiative „Pflege 4.0 -Made in Berlin“ auf den Weg gebracht. Da geht es darum, wie Pflegekräfte durch innovative Digitalanwendungen entlastet werden können, etwa in der Dokumentation ihrer Arbeit oder der Entwicklung von Assistenzsystemen, wie Sensortechnologien zur Sturzerkennung, automatische Beleuchtungssysteme und elektronische Ortungs- und Orientierungssysteme. Klar ist, dass bei der Entwicklung und dem Einsatz digitaler Lösungen immer die individuellen Wünsche und Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen und pflegender Angehöriger zu berücksichtigen sind. Ich möchte, dass solche Lösungen schon in der Entwicklung in Modellprojekten direkt mit Patienten ausprobiert werden. Ansonsten hat man am Ende eine Menge Geld für die Entwicklung eines Produktes ausgegeben, das niemand nutzt.

Zur Person

Dilek Kalayci (SPD) ist seit Dezember 2016 die Berliner Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. Zuvor war sie Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen. Sie wurde am 7. Februar 1967 in Kelkit geboren. Nach dem Abitur 1986 in Berlin studierte sie an der Technischen Universität Wirtschaftsmathematik. Dilek Kalayci ist unter anderem Mitglied im Aufsichtsrat der Vivantes GmbH und Mitglied des Stiftungsrats Deutsches Herzzentrum Berlin.

TK: Wie kann aus Ihrer Sicht die Situation in der Pflege verbessert werden?

Kalayci: Wir müssen vor allem an den Arbeits- und Ausbildungsbedingungen und an der Bezahlung etwas ändern. Aufgrund des herrschenden Fachkräftemangels haben Pflegekräfte zudem eine große Anzahl von Personen zu betreuen und nur wenig Zeit für den einzelnen Patienten. Dies bedeutet permanenten Stress am Arbeitsplatz und führt zu großer Unzufriedenheit und vermehrt zu krankheitsbedingten Ausfällen. Wir haben bereits eine entsprechende Bundesratsinitiative eingebracht, die bedarfsgerechte Personalschlüssel fordert und dafür auch im Bundesrat eine Mehrheit bekommen. Da muss der Bund jetzt liefern. Für Berlin habe ich den „Pakt für die Pflege“ ins Leben gerufen, durch den sich die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner aus der Berliner Pflegelandschaft verpflichten, sich für einen bedarfsgerechten Ausbau der Ausbildung, eine bessere Vergütung bzw. Ausbildungsvergütung und gute Arbeitsbedingungen, beispielsweise beim Gesundheitsmanagement und der Familienfreundlichkeit, einzusetzen. 

TK: Die Zukunftskommission "Gesundheitsstadt Berlin 2030" hat ihre Empfehlungen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft vorgestellt. Was sind die nächsten Umsetzungsschritte?

Kalayci: Es war sehr wichtig, gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller im letzten Jahr die Zukunftskommission  "Gesundheitsstadt Berlin 2030" ins Leben zu rufen, da sie abseits des Tagesgeschäftes über Verbesserungen in der Versorgung der Berlinerinnen und Berliner und die Nutzung und Vernetzung aller Potenziale der Gesundheitsstadt Berlin diskutieren konnte. Der Bericht gibt wichtige Empfehlungen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft in der wachsenden Stadt. Berlin bietet bereits jetzt ein außergewöhnliches Netz an Einrichtungen der Gesundheitsversorgung mit gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In Zukunft wird es um eine noch bessere Zusammenarbeit der Kliniken gehen. Wir wollen, dass die Krankenhäuser Berlins gemeinsam daran arbeiten, die Berlinerinnen und Berliner erstklassig zu versorgen. Dabei geht es unter anderem um eine Kooperationsstruktur in der Forschung, Digitalisierung und in der Ausbildung und der Translation, also wie die Ergebnisse der medizinischen Forschung schnell bei der regelhaften Patientenversorgung ankommen.