TK: Herr Dr. Rissland, das Corona-Virus begleitet uns Saarländer seit März. Haben Sie damals daran geglaubt, dass dieses Virus so gravierende Auswirkungen haben wird?

Dr. Jürgen Rissland: Geglaubt ist dabei der falsche Begriff, ich habe es aber befürchtet. Wir haben ja die Situation in Italien und im Elsass verfolgt, also bei unseren direkten und indirekten europäischen Nachbarn. Daher war es naheliegend, dass diese ganze Entwicklung auch zu uns ins Saarland überschwappt. Als dann auch hier die ersten Fälle bestätigt wurden, konnten wir davon ausgehen, dass sich das Virus auch hier schnell ausbreiten würde.

Dr. Jürgen Riss­land

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Leitender Oberarzt am Institut für Virologie im Universitätsklinikum des Saarlandes

TK: Man hört nun immer wieder Warnungen, dass es in Zukunft vermehrt zu Gesundheitsnotständen kommen könnte - durch Viren, aber auch multiresistente Keime. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Dr. Rissland: Leider kann niemand in die Glaskugel schauen. Wir wissen einfach nicht, wann es wieder zu einer ähnlichen Notlage kommt. Wir müssen aus den aktuellen Ereignissen lernen und unsere Erfahrungen mit diesen umsetzen.

Das ist zum Beispiel mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes schon passiert. Darüber hinaus müssen wir überprüfen, wie die einzelnen Hygienekonzepte gegriffen haben und wo es Optimierungspotenzial gibt. Wichtig ist, dass wir über Grenzen hinaus Erfahrungen zusammentragen und gemeinsame Rückschlüsse ziehen.

TK: Sie sind in den saarländischen Medien seit Monaten omnipräsent. Fühlen Sie sich in der Rolle als Experte wohl, denn damit ist ja auch eine Verantwortung verbunden? Und wie sind Sie da hineingerutscht?

Dr. Rissland: Das hat sich so entwickelt. Es gab mit Beginn der Pandemie den Bedarf, die aktuelle Situation einzuordnen und Maßnahmen zu bewerten. Ich habe seitdem versucht, das bestmöglich umzusetzen. Es ist weniger die Verantwortung als vielmehr der hohe Bedarf, der mich beschäftigt Letztlich ist es zwar manchmal belastend, aber notwendig. Und insgesamt bin ich nicht unzufrieden, was wir alle gemeinsam bisher geschafft haben.

TK: Wie sieht Ihr beruflicher Alltag abseits der Interviews aktuell aus? Stehen sie selbst noch täglich im Labor?

Dr. Rissland: Tatsächlich stehe ich noch im Labor und schaue unseren Mitarbeitern über die Schulter. Ich pipettiere aber nicht selbst, sondern bin eher für die Organisation zuständig. Auch wir können Proben nur in gewissen Mengen verarbeiten und bekommen viele Abstriche vom Öffentlichen Gesundheitsdienst. Das muss natürlich alles organisiert und koordiniert werden. Das ist aktuell meine Aufgabe.

TK: Und noch eine Frage zum Abschluss: Was können Politik, Medizin und Gesellschaft aus der Pandemie lernen?

Dr. Rissland: Die wichtigste Erkenntnis ist: Ungewöhnliche Situation erfordern teilweise ungewöhnliche Maßnahmen. Wir hatten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges keine solchen Einschränkungen der Grundrechte mehr. Diese Zeit ist daher für viele Menschen leidvoll und von viel Unsicherheit geprägt. Deshalb ist es umso wichtiger, die Maßnahmen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen: Sind sie notwendig und vor allem verhältnismäßig? Das tun wir fortlaufend.

Eine wichtige Aufgabe ist es nun, in allen Bereichen die richtigen Rückschlüsse ziehen. So kann die Menschheit in Zukunft von dieser schweren Zeit profitieren.