Insbesondere in ländlichen Regionen Niedersachsens wird es in Zukunft zunehmend schwieriger, die medizinische Versorgung im gewohnten Maße aufrecht zu erhalten - dort stoßen die vorhandenen Strukturen an ihre Grenzen dessen, was eine bedarfsgerechte Versorgung ist.

Auch die Notfallversorgung braucht eine Reform. Darüber hinaus müssen die Digitalen Gesundheitsanwendungen - "Apps auf Rezept" - weiterentwickelt werden.

TK: Um die Versorgung in Stadt und Land sicherzustellen, schlagen Sie in Ihrem Wahlprogramm vor, dass ambulante und stationäre Angebote in Zukunft übergreifend geplant werden. Zudem sollen regionale Versorgungszentren eingeführt werden. Wie sieht die Organisation der Gesundheitszentren aus und wer bekommt den Sicherstellungsauftrag?

Filiz Polat: Durch Gesundheitsregionen und den Abbau von Hürden zwischen den Sektoren wollen wir erreichen, dass Krankenhäuser, Kommunen, niedergelassene Praxen und lokale Gesundheitszentren an einem Strang ziehen für mehr Gesundheit und eine bessere Versorgung vor Ort. Damit wird aus der reinen Krankenversorgung eine echte Gesundheitsversorgung.

Mehr Kooperation und eine bessere Vernetzung können jedoch nicht zentral verordnet werden. Ohne flexiblere Bedingungen und eine stärkere regionale Verankerung für die Gesundheitsversorgung und daraus resultierende Möglichkeiten zur Selbstorganisation bleiben die Forderungen nach mehr Kooperation und Vernetzung ohne praktischen Widerhall in unserem Gesundheitswesen. Wir möchten deshalb unter dem Titel "Gesundheitsregionen" in Anlehnung an den §140a SGB V ("Besondere Versorgungsformen") eine ausdrückliche Regelung zu sektor- und indikationsübergreifenden, populationsorientierten und regionalen Versorgungsverträgen ("Gesundheitsregionenverträge") schaffen.

Gesundheitsverbünde können insbesondere Zusammenschlüsse regionaler Leistungserbringer wie beispielsweise Ärztenetze oder Qualitätsnetze sein. Bereits bestehende Aktivitäten vor Ort müssen einbezogen werden. Zusätzlich können auch Verbindungen von sozialen Einrichtungen, Patientenorganisationen, sozialpsychiatrische Einrichtungen, Krankenhäuser sowie weitere geeignete Akteure an den Verbünden beteiligt werden. Der Gesundheitsverbund in Gestalt einer Managementgesellschaft übernimmt als Vertragspartner der Krankenkassen in der Region die Organisation der ambulanten und stationären Versorgung und trägt die virtuelle Budgetverantwortung. Unser Ziel ist, dass bis 2025 zehn Prozent der Bevölkerung in solchen Gesundheitsregionen versorgt werden kann. Dazu braucht es jedoch die Kooperation der Krankenkassen. 

Filiz Polat

Filiz Polat, Bundestagsabgeordnete Bündnis 90/Die Grünen Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Bundestagsabgeordnete Bündnis 90/Die Grünen

TK: Die Notaufnahmen sind vielerorts überlastet. Was muss sich aus Ihrer Sicht beim Thema Notfallversorgung tun? Bietet die Digitalisierung hier Chancen?

Polat: Wenn die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen gestärkt ist und Menschen wissen, wen sie rufen müssen, verkürzen sich Wartezeiten in den Notaufnahmen und Patientinnen und Patienten bekommen zügig die Hilfe, die sie benötigen. Dazu sollten auch die Leitstellen für den Rettungsdienst und den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst zusammengelegt werden. Notfallpraxen für ambulante (Kinder-) Behandlungen oder psychiatrische Notfälle, die auch Hausbesuche organisieren, stellen einen weiteren wichtigen Bestandteil unserer Strategie dar. Denn jeder, der/die in einer Notfallambulanz oder im Kassenärztlichen Notdienst versorgt werden kann, verkürzt in der Notaufnahme die Wartezeiten. 

Auch Apps können Menschen darüber informieren, wo sie Hilfe suchen können. So kann sichergestellt werden, dass nicht alle Patientinnen und Patienten direkt die Notfallaufnahme wählen. Die Digitalisierung bietet klare Chancen in der Notfallversorgung. Zudem könnten Ärztinnen und Ärzte über die elektronische Patientenakte schneller auf die für die Behandlung wichtigen Informationen zugreifen, um damit neben der Entlastung der Notfallaufnahme die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu verbessern. 

TK: Datenschutz und Datennutzung sind zwei Aspekte, die eng miteinander verbunden diskutiert werden. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Dr. Alena Buyx, fordert, dass wir stärker den Fokus auf die Chancen der digitalen Transformation im Gesundheitssystem richten müssen. Wie ist Ihre Position?

Polat: Die Digitalisierung bietet immense Vorteile, birgt aber auch Risiken. Datenpools helfen der Forschung, genauso wie das Teilen von Patientendaten zwischen Ärztinnen und Ärzte und anderen Gesundheitsberufen effizientere Strukturen ermöglicht. Aber gerade deswegen muss der Datenschutz höchste Priorität haben - wir brauchen hohe Datenschutzstandards, um einen möglichen Missbrauch der Daten zu verhindern. Die Patientinnen und Patienten müssen außerdem entscheiden können, wer die Patientenakte einsehen darf und dies jederzeit zurückziehen können. Alles in allem muss die Digitalisierung den Patientinnen und Patienten nutzen und möglichst barrierearm sein. 
 

Zur Person Filiz Polat (Bündnis 90/Die Grünen), MdB

TK-Posi­tion zur vernetzten Versor­gung

TK-Posi­tion Regio­nale Gesund­heits­zen­tren