TK spezial: Mit dem Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) soll auch die Notfallversorgung in Deutschland neu geregelt werden. Sind in Ihren Augen mit der Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) in Hessen die Ziele des Gesetzes eigentlich bereits erfüllt worden?

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Rainer Greunke, Direktor der HKG

Greunke: Die ÄBD-Reform der KV Hessen sieht vor, die Zahl der ÄBD-Zentralen in Hessen zu reduzieren und dafür die Hausbesuchsdienste als Rückgrat der Versorgung im ÄBD zu stärken. Die Koordination des ÄBD soll durch zwei Dispositionszentralen übernommen werden. Im Rahmen dieser Reform sollen unter anderem auch die ÄBD-Zentralen an Krankenhäusern bzw. Krankenhausstandorten angesiedelt werden. Dieser letzte Punkt deckt sich insofern dem Grunde nach mit der Vorgabe des KHSG, ist aber bisher keineswegs flächendeckend umgesetzt. Insofern sind die Ziele des KHSG noch nicht erfüllt, aber wir sind auf dem Weg dahin. Im Übrigen habe ich bereits vor fast sieben Jahren bei meinem Antrittsbesuch der damaligen Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) vorgeschlagen, die Verlagerung der ÄBD-Zentralen an Krankenhausstandorte gemeinsam systematisch anzugehen.

TK spezial: Wie hat sich die Situation vor Ort in den Krankenhäusern durch die Reform des ÄBD verändert?

Greunke: Wir bekommen regelmäßig Hinweise, dass die Notfallaufnahmen zunehmend mit Patienten überflutet werden, die eigentlich keiner Krankenhausbehandlung bedürfen. Aber kein Krankenhaus kann oder wird diese Patienten wegschicken. Eine Verbesserung der Situation ist eher nicht zu erkennen.

TK spezial: Werden Ihrer Einschätzung nach noch mehr Krankenhäuser in Hessen - außer dem Klinikum Frankfurt-Höchst - die Einrichtung einer Portalpraxis bei der KV einfordern?

Greunke: Ich halte es grundsätzlich für sinnvoll, alle ÄBD-Zentralen an Krankenhäusern anzusiedeln. Damit kann man je nach Situation vor Ort Absprachen treffen, welche Patienten zu welcher Zeit von der ÄBD-Zentrale oder dem Krankenhaus behandelt werden. In schwierigen Fällen stehen dann sofort die Möglichkeiten des Krankenhauses zur Verfügung.

TK spezial: Die Krankenhausgesellschaften in Deutschland und auch einzelne Kliniken stellen den Notdienst oftmals als große Belastung für die Häuser dar. Das aktive Handeln einiger Kliniken vermittelt allerdings einen anderen Eindruck. Einige Häuser saugen Notfälle regelrecht an, indem sie zum Beispiel auf ihren Webseiten aktiv dafür werben. Wie erklären Sie sich das?

Zur Person

Rainer Greunke wurde 1958 in Blankenbach (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) geboren. Er studierte an der TH Darmstadt und an der University of Alaska, Anchorage (USA) Mathematik. Der Diplom-Mathematiker wandte sich bereits kurz nach seinem Studienabschluss dem Gesundheitswesen zu und war viele Jahre in leitender Position im Krankenhaus tätig. 2004 bis 2009 gehört er dem Vorstand der Hessischen Krankenhausgesellschaft an. Seit 2009 ist er deren Geschäftsführender Direktor.

Greunke: Krankenhäuser stehen selbstverständlich für die Behandlung von Notfällen zur Verfügung. Ich kenne aber kein Haus, das großes Interesse an Patienten mit einfachen Erkältungen oder Unwohlsein hat, oder sogar noch um solche wirbt. Diese Patienten sind sicher bei ihrem Hausarzt besser aufgehoben und würden dann auch nicht die Ressourcen des Krankenhauses blockieren.

TK spezial: Etwa ein Drittel der von den Krankenhäusern abgerechneten Notfälle finden - laut KV - zu Zeiten statt, in denen die Praxen niedergelassener Ärzte eigentlich noch geöffnet hätten. Woran liegt das?

Greunke: Nach einer Umfrage in der Notaufnahme eines nichthessischen Krankenhauses gaben 80 Prozent der befragten Patienten - die alle nach der Untersuchung nach Hause entlassen werden konnten - an, bei medizinischen Problemen grundsätzlich in die Notaufnahme des Krankenhauses zu gehen, da dort die medizinische Versorgung besser sei, oder sie stellten sich eigenständig in der Notaufnahme vor, um eine zweite ärztliche Meinung nach dem Besuch beim Hausarzt einzuholen.

TK spezial: Wie würde aus Ihrer Sicht die ideale Notfallversorgung in Hessen aussehen?

Greunke: Die Notfallversorgung ist sicher der komplizierteste und schwierigste Bereich in unserer Gesundheitsversorgung. In Zeiten des Ärzte- und Fachkräftemangels müssen Ressourcen vorgehalten werden, ohne zu wissen, ob sie zum Einsatz kommen oder nicht. Auch die Bereitschaft, rund um die Uhr Dienste zu machen, hat in allen Branchen in unserer Gesellschaft sicher nachgelassen.

Gerade deshalb stellt die strikte Trennung unseres Gesundheitswesens in ambulante und stationäre Versorgung ein besonderes Hindernis für die Notfallversorgung dar. Wir brauchen entweder ein klar abgestimmtes Konzept zur gemeinsamen Teilnahme von Ärzten und Krankenhäusern an der Notfallversorgung oder sogar eine einheitliche Zuständigkeit unter Einbeziehung des Rettungsdienstes und der notärztlichen Versorgung. Und wir brauchen klare rechtliche Vorgaben oder sogar einen gesellschaftlichen Konsens über Fragen der Erreichbarkeit, der Zuständigkeit, der qualitativen Ausstattung etc. Auf dieser dann objektiven Basis müssen auch die erforderlichen finanziellen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.