TK: Sie sind als Notfallmediziner in der laufenden Legislaturperiode in den Bundestag nachgerückt, wie kam es dazu?

Dr. Janosch Dahmen: Für mich kam die Nachricht selbst überraschend, da ich zu der Zeit als Oberarzt im Rettungsdienst Berlin mit dem Pandemiemanagement alle Hände voll zu tun hatte. Ich bin seit 1998 Mitglied bei Bündnis 90/ Die Grünen, war über 8 Jahre im Landesvorstand der Grünen in Nordrhein-Westfalen (NRW) und habe 2017 in NRW auch für den Bundestag kandidiert. Als der Anruf kam, dass Katja Dörner neue Oberbürgermeisterin in Bonn wird und ich deshalb nachrücken könnte, da saß ich gerade im Krisenstab und wir mussten die Evakuierung einer Pflegeeinrichtung organisieren, weil dort viele alte und an COVID-19 erkrankte Menschen nicht mehr angemessen versorgt werden konnten. Das hatte natürlich erst einmal Vorrang - wir waren bis spät in die Nacht beschäftigt. Anschließend habe ich mit meiner Familie und meinen Kolleginnen und Kollegen beraten und entschieden, dass zu viele Dinge in der Pandemie im Gesundheitswesen nicht gut laufen, als dass ich eine solche Möglichkeit, dem eine Stimme zu verleihen, verstreichen lassen könnte. Deshalb bin ich im November 2020 in den Bundestag nachgerückt und inzwischen Mitglied im Gesundheitsausschuss sowie Obmann im Parlamentarischen Begleitgremium zur Covid-19-Pandemie.

Dr. Janosch Dahmen

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Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im Gesundheitsausschuss

TK: Mitten in der Pandemie aus dem Rettungswagen in den Reichstag - was war Ihr Eindruck?

Dr. Dahmen: Das waren zwei komplett andere Welten und ich bin mit meinem gewohnten Arbeitstempo bisweilen daran verzweifelt wie zögerlich, unzureichend und eindimensional auf die sehr dynamischen und komplexen Entwicklungen der Pandemie reagiert wurde. Am meisten aber hat mich schockiert, dass es im Bundestag mitten in der zweiten Welle immer noch eine ganze Fraktion gab, die die Pandemie an sich und auch Wissenschaft generell in Frage gestellt hat. Wer selbst gesehen hat, wie Menschen an dieser schlimmen Krankheit sterben, was das für Angehörige bedeutet und was zu diesem Zeitpunkt zeitgleich auf den Intensivstationen los war, der wird wie ich wenig Toleranz für Wissenschaftsleugnung und das Säen immer neuer Verschwörungsmythen haben. 

TK: Ihre Eindrücke aus der Praxis und Politik zusammengenommen, welche Lehren zeichnen sich aus der Pandemie für die zukünftige Politik bereits ab?

Dr. Dahmen: Wir brauchen dringend mehr evidenzbasierte Politik, also Politik, die auf Basis der besten verfügbaren wissenschaftlichen Daten, konsequente und verantwortungsbewusste Entscheidungen trifft. Das gilt für die Pandemie genauso wie für die Klimakrise und zukünftige Krisenszenarien. Darüber hinaus wird deutlich, wir können unser Gesundheitswesen insbesondere im Bereich der Notfall- und Intensivmedizin nicht immer unter voller Auslastung oder gar Überlastung betreiben. Niemand bezahlt die Feuerwehr, nur wenn es brennt oder die Polizei nur danach, wie viele Räuber sie fängt. Auch im Gesundheitswesen brauchen wir Vorhaltung, um vorbereitet zu sein. Außerdem ist mir wichtig, dass wir in der Gesundheits- und Krisenkommunikation besser werden. Wenn Menschen nicht verstehen oder motiviert werden, wie sie etwas beitragen können um sich und andere zu schützen, dann werden wir im Alltag und in der Krise die großen Gesundheitsherausforderungen nicht gut meistern. Das bedeutet auch, dass wir in Deutschland endlich einen bevölkerungsbezogenen Ansatz von Gesundheitspolitik brauchen. Ohne "Public Health" wird es schwer, Ungleichheiten im Zugang zu Gesundheit auszugleichen und die großen Krankheitslasten in unserer Gesellschaft nachhaltig und zielgerichtet zu adressieren. 

TK: Wie geht’s weiter? Sie treten noch einmal an bei der Wahl im September. Was wäre Ihnen persönlich wichtig zu ändern?

Dr. Dahmen: Ich habe noch viel vor, vor allem weil durch die Pandemie sehr wichtige Themen auf der Strecke geblieben sind. Das Personal in Krankenhäusern und in der Pflege arbeitet weiterhin am Limit. Hier müssen wir schnell bessere Arbeitsbedingungen schaffen, weil den meisten Menschen im Gesundheitswesen geht es nicht in erster Line um mehr Geld, sondern um mehr Selbstbestimmung und mehr Zeit, für die Patientinnen und Patienten, auf der Arbeit und auch die Familie oder Freunde zu Hause. Das bekommen wir nur hin, wenn wir mehr Menschen für die Berufe, bei denen heute ausreichend Unterstützung fehlt, attraktiver machen und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken können. Ein Gesundheitsberufegesetz wäre da ein wichtiger Baustein. Und auch im Bereich der Notfallversorgung sowohl im Rettungsdienst als auch in den Notaufnahmen kriselt es, hier ist seit Jahren dringender Reformbedarf, den die Bundesregierung nicht angegangen ist. 

TK: Bei allem Einsatz in der Politik, fehlt Ihnen nicht manchmal die Praxis? 

Dr. Dahmen: Ja, absolut. Ich bin leidenschaftlicher Notfallmediziner. Meine Betriebstemperatur ist Blaulicht und ich vermisse es sehr, mich direkt um Patientinnen und Patienten in Not kümmern zu können. Aber ich denke, man muss sich immer wieder fragen, wo man mit seinem Handeln und seinen Fähigkeiten derzeit den größten Unterschied machen kann. Im Deutschen Bundestag für eine bessere Gesundheitsversorgung streiten zu dürfen, ist ein Privileg, ich hoffe ich bekomme die Unterstützung dies noch etwas weiter zu tun. Aber: Politik bleibt für mich ein Auftrag auf Zeit und wenn ich im Einsatz mehr Gutes tun kann als im Parlament, dann freue ich mich bereits heute darauf, wieder in die Notfallrettung zurückzukehren. 
 

Die Antworten von Dr. Janosch Dahmen als Video

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