TK: Herr Ullmann, nach der Bundestagswahl könnte die FDP Regierungsverantwortung übernimmt. Welche drei Themen werden Sie dann als erstes anpacken?

Prof. Dr. Andrew Ullmann: Im Gesundheitswesen müssen wir vor allem die ambulante und stationäre Versorgung besser verknüpfen, um auch eine bedarfsgerechte und hochwertige Versorgung sowohl in der Stadt wie auch auf dem Land hinzubekommen. Zweitens, die Digitalisierung muss endlich vorangetrieben werden - wir brauchen einen Digital Turbo. Wir wissen genau, dass sich mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen die Behandlungsqualität, aber auch die Arbeitseffizienz verbessert, so dass man auch als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter im Gesundheitswesen mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten hat. Und als dritten Punkt müssen wir uns besser auf die nächste Pandemie vorbereiten. Dazu gehört auch eine Reform des öffentlichen Gesundheitsdienstes wie auch eine Reform des Robert Koch-Institutes.

Prof. Dr. Andrew Ullmann

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FDP-Bundestagsabgeordneter

TK: Die aktuellen Schätzungen ergeben, dass die GKV im kommenden Jahr mit ihren Einnahmen bei weitem nicht die Ausgaben decken kann. Wie kann man Ihrer Meinung nach dieser Entwicklung begegnen?

Ullmann: Durch die gesetzgeberischen Vorgaben von Jens Spahn sind die Rücklagen der gesetzlichen Krankenkassen dramatisch abgeschmolzen worden. Und dies fand ja bereits vor der Pandemie statt. Die Kosten der Corona-Pandemie sind noch nicht abzusehen, so dass ich befürchten muss, dass hier auch Beitragssteigerungen kommen werden. Durch bessere Effizienzsteigerungen müssen wir folglich die Versorgung aufrecht erhalten, ohne dass wir das Hamsterrad im Gesundheitswesen verstärken.

TK: Wir finden, dass man die Finanzierung der Pflegeversicherung auf neue Füße stellen muss. Erstens sollten die Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige durch den Bundeshaushalt übernommen werden. Zweitens sollten die Leistungen der sozialen Pflegeversicherung jährlich und verbindlich angepasst werden. An diese Dynamisierung ist ein verbindlicher Steuerzuschuss des Bundes gekoppelt. Drittens: Zwischen privater und sozialer Pflegeversicherung wird ein Finanzausgleich geschaffen. Und viertens: Die Bundesländer werden gesetzlich dazu verpflichtet, die Investitionskosten zu tragen. Durch die finanzielle Entlastung der Pflegebedürftigen werden auch die Haushalte der Sozialhilfeträger entlastet. Die somit frei werdenden Mittel sollten daher verbindlich zur weiteren Entlastung der Pflegebedürftigen eingesetzt werden. Stimmen Sie diesen Forderungen zu?

Ullmann: Es ist immer einfach nach dem Staat zu rufen und hier entsprechende Investitionskosten beziehungsweise Kosten, die entstehen, abzudecken. Für mich wäre es wichtiger, dass wir die Pflegeversicherung nachhaltig auf finanziell sichere Füße stellen. Hierzu gehören neben der gesetzlichen Versicherung auch die private Fürsorge, aber auch die betriebliche Fürsorge. Zusätzlich sollte man darüber nachdenken, wie man die Versicherungen insofern abdeckt, dass es nicht zu Verlusten kommt. Hier wäre ich durchaus offen und würde klären, inwieweit auch Aktienpakete und Investitionen in anderen Bereichen eine nachhaltige Finanzierungsicherheit für mehrere Jahre gewährleisten.

TK: Über das DRG-System wird schon so lange diskutiert. Durch die Corona-Krise hat die Diskussion noch einmal an Fahrt gewonnen. Die TK hat bereits Vorschläge unterbreitet, wie das DRG-System angepasst werden könnte. So sollten die regionale Kostenstruktur und die jeweilige Versorgungsstufe des Krankenhauses bei der Vergütung stärker berücksichtigt werden. Ergänzt werden sollte die Vergütung um Bestandteile, die von der erbrachten Behandlungsqualität abhängig sind. Voraussetzung für eine zukünftige angemessene Vergütung u. a. auch von Vorhaltekosten ist eine strukturierte regionale Versorgungsplanung auf Basis bundesweit einheitlich vorgegebener Versorgungsstufen für Kliniken. Wäre dies aus Ihrer Sicht eine tragbare Lösung?

Ullmann: Dass DRG-System zeigt eine Verbesserung der stationären Abrechnungen im Sinne der Patientinnen und Patienten. Die Liegezeiten haben sich verkürzt, sie sind immer noch relativ lange im internationalen Vergleich, aber sie sind kürzer verglichen mit der Vergangenheit. Das DRG-System muss sich aber weiterentwickeln. Klar ist aber, hier sind regionale Zuschläge möglich oder sollten zumindest diskutiert werden. Zum Beispiel Vorhaltekosten in der Notfallmedizin, damit keine defizitären Strukturen im Krankenhaus entstehen. Ich sehe sowohl die Vorteile, aber auch Nachteile in einem mehrstufigen System. Ich würde eher dafür plädieren, das DRG-System schlanker zu halten, aber auch Ungerechtigkeiten, die durch das Abrechnungssystem entstehen, schneller auszugleichen.

TK: Immer mehr Patienten profitieren vom medizinischen Fortschritt. Besonders deutlich spürbar ist das im Bereich der Arzneimittel. Herstellern gelingt es immer wieder, echte Innovationen zu entwickeln, mit denen zum Teil schwerwiegende Krankheiten erfolgreich behandelt oder sogar geheilt werden können. Das Problem ist nur: Die pharmazeutischen Unternehmen verlangen Höchstpreise für solche Innovationen. Die TK hält daher die Weiterentwicklung einer verhandlungsbasierten Preisfindung hin zu einer kriterienbasierten Preisermittlung mit kontinuierlichen Anpassungen für notwendig. Eine frühe Markteinführung soll durch fair pricing mit objektiven, transparenten Kriterien ermöglicht werden. Daran anschließend schlagen wir eine Verflüssigung des Preises innerhalb eines Korridors zwischen fairem Einführungspreis und Generika-Preisniveau mit stufenweisen Abschlägen vor. Was halten Sie von solchen Ideen?

Ullmann: Die forschende Pharmaindustrie hat viel Geld in neue Medikamente investiert und natürlich ist diesbezüglich die Frage wichtig, welche Medikamente welche Vorteile für die Patientinnen und Patienten bringen. Hieraus müsste man durch eine pharma-ökonomischen Berechnung einen fairen Preis ermitteln. Wichtig ist aus meiner Sicht die personalisierte Medizin. Gerade in der Onkologie entstehen neue Therapieformen, die sehr teuer, aber auch sehr effektiv sind. Diese Kosten sind natürlich nicht zu vernachlässigen. Hier sollten wir über Pay per Performance diskutieren. Die Berechnungen der Preise könnten sich also durchaus an Qualys orientieren, also wie viele Lebensjahre wurden gerettet.

TK: Corona hat die Digitalisierung im Gesundheitswesen enorm beschleunigt. Die TK setzt sich seit Jahren für einen digitalen Gesundheitsmarkt ein, mit TK-Safe haben wir ein Vorzeigeprodukt unter den elektronischen Patientenakten geschaffen. Wie sieht ein digitales Gesundheitswesen Ihrer Meinung nach aus?

Ullmann: Natürlich bringt die Digitalisierung Vorteile, vor allem in der Behandlungssicherheit der Patientinnen und Patienten, aber auch in der Arbeits-Effektivität. Hier werden Redundanzen abgeschafft und Sicherheit bei den Daten geschaffen, so dass Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Therapeutinnen und Therapeuten mehr Zeit mit ihren Patientinnen und Patienten verbringen können anstatt sich mit Bürokratie zu belasten. Die Einheitlichkeit einer digitalen Patientenakte halte ich für essenziell. Grundsätzlich finde ich es sehr gut, dass die Krankenkassen Initiative zeigen, denn was bisher von der Regierung gekommen ist, halte ich für unzureichend. Hier erwarte ich auch einen Innovationssprung, den wir in der nächsten Legislaturperiode nehmen müssen.

TK: Zum Schluss noch ein Blick in die Vergangenheit und Gegenwart: Wie haben Sie das letzte Jahr verbracht, was hat sich für Sie persönlich verändert, was hat sich besonders eingeprägt? Und natürlich, mit welchen Gefühlen blicken Sie hinsichtlich der Pandemie auf Ihre zweite Heimat USA?

Ullmann: Das letzte Jahr hat mich insofern beeindruckt, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Pandemie erlebt habe, es hat mich auch beeindruckt, wie schnell wir in Deutschland Testungen durchführen konnten und mich hat beeindruckt, wie schnell wir einen Impfstoff hatten. Es ist einmalig in der Wirtschaftsgeschichte, dass sich die Menschen mit einem Impfstoff gegen eine Pandemie wehren können. Ich freue mich auch darüber, dass die Gesundheitspolitik in der allgemeinen Politik eine besondere Bedeutung erlangt hat. Wir müssen jetzt sehen, dass wir global dieser Pandemie begegnen. Meine zweite Heimat, die Vereinigten Staaten, zeigt vorbildhaft, wie man Impfungen durchführt. Auf der anderen Seite bin ich schon ein wenig traurig, dass es nach dem Prinzip "USA first" eine nationalistische Impfvorstellung und damit einen Exportstopp gibt. Dieses Thema sollte man auf jeden Fall noch einmal angehen.