TK: Wie haben Sie persönlich und auch politisch die Corona-Situation empfunden? Welche Lehren/Konsequenzen müssen für die Zukunft gezogen werden?

Maria Klein-Schmeink: Persönlich hat mir die Pandemie vergegenwärtigt, wie verletzlich unser Lebensstil ist und wie eingreifend Beschränkungen bei den sozialen Kontakten sind. Es wurde auch deutlich, wie wichtig eine verlässliche Gesundheitsversorgung und eine gute Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe sind. Die Schwachstellen unseres Gesundheitssystems wurden in den letzten eineinhalb Jahren schonungslos offengelegt. Oft verhindern die starren Sektorengrenzen eine patientenorientierte Versorgung, sorgen für Doppelbehandlungen oder Versorgungsabbrüche. Unser Gesundheitssystem fördert ökonomische Egoismen und folgt einer nicht mehr zeitgemäßen Aufgabenverteilung zwischen den verschiedenen Gesundheitsberufen. Der öffentliche Gesundheitsdienst wurde kaputtgespart und konnte seinen Aufgaben, die gerade in der Pandemie wichtig sind, kaum noch nachkommen. Unser Gesundheitswesen ist weder gerecht noch stabil finanziert, die Sicht der Patientinnen und Patienten wird häufig vernachlässigt und viel zu oft fallen die Interessen von Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen unter den Tisch. Den neuen Herausforderungen, die der demografische Wandel bringt, können wir nur mit neuen Ansätzen sowohl bei der Versorgung wie bei der Finanzierung begegnen.

Maria Klein-Schmeink

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Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im Gesundheitsausschuss

TK: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist mit Corona beschleunigt unterwegs. Was sind die großen Digitalen Herausforderungen für die zukünftige Gesundheitspolitik?

Klein-Schmeink: Eine wesentliche Aufgabe für die nächste Legislaturperiode wird sein, endlich eine Strategie für die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu entwickeln. In den letzten vier Jahren hat die Digitalisierung massiv an Fahrt aufgenommen, aber es gibt keine Vorstellungen über die Richtung, in die wir wollen. Das muss sich ändern. Wir wollen gemeinsam mit allen beteiligten Akteuren klare gesundheitspolitische, epidemiologische und versorgungsbezogene Ziele definieren, die mit der Digitalisierung erreicht werden sollen. Außerdem müssen wir viel stärker als bislang darauf achten, dass digitale Anwendungen zu den Anforderungen der Nutzerinnen und Nutzer passen. Dazu wollen wir Patientinnen und Patienten und Nutzerinnen und Nutzer in die Entwicklung einbeziehen und Möglichkeiten zur Förderung der digitalen Gesundheitskompetenz anbieten. Es ist ja leider so, dass gerade diejenigen, die von der Digitalisierung am meisten profitieren würden, die größten Berührungsängste haben und am wenigsten Erfahrungen mit digitalen Anwendungen haben. Eine gute Digitalisierungspolitik muss das berücksichtigen.

TK: Im September treten Sie wieder bei der Wahl an. Was möchten Sie in den nächsten vier Jahren gesundheitspolitisch ändern?

Klein-Schmeink: Mir ist wichtig, dass wir auch künftig allen Versorgungsbedarfen überall gerecht werden. Es braucht Zuverlässigkeit beim Zugang zur Versorgung, es braucht mehr Patientenorientierung, Kooperation, Koordination, Qualität und Transparenz. Dazu wir wollen Gesundheitsregionen mit enger Anbindung an die Kommunen fördern und ambulante und stationäre Angebote in Zukunft übergreifend planen. Mit einer neuen Säule der Strukturfinanzierung wollen wir alle bedarfsnotwendigen Krankenhäuser finanzieren, unabhängig von deren Umsatz. Qualität wollen wir durch einen gestuften Versorgungsauftrag, Spezialisierung und Aufschläge für besondere Qualitätsbemühungen sicherstellen. Bund und Länder sollen die Investitionskosten künftig gemeinsam tragen.
Um eine nachhaltige und solidarische Finanzierung der Versorgung zu gewährleisten, setzen wir uns weiterhin für die Bürgerversicherung ein. Diesem Ziel wollen wir uns schrittweise nähern. Dazu wollen wir die PKV nicht abschaffen, aber ihre Versicherten in die solidarische Finanzierung einbeziehen. Zunächst zielen wir auf mehr Transparenz, Verbraucherschutz und Wahlfreiheit vor allem in der PKV. In einem zweiten Schritt folgt die Einbeziehung aller gesetzlich und privat Versicherten in die solidarische Finanzierung. Und schließlich werden wir die Gerechtigkeit bei den Beiträgen weiter ausbauen und auch andere Einkunftsarten einbeziehen.