TK: Herr Pikolin, Sie sind der neue Landesgeschäftsführer des Wirtschaftsrats in Mecklenburg-Vorpommern. Was verschlägt Sie in den Nordosten?

Reto Pikolin: Vor allem die berufliche Herausforderung. Mein Wunsch nach dem Studium vor ein paar Jahren war es, an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft zu arbeiten. Ich fühle mich im Bereich der Interessensvertretung sehr wohl. Da ich schon als Referent für den Wirtschaftsrat in Berlin tätig war, war es immer mein Wunsch, eines Tages Landesgeschäftsführer zu werden. Die Vielfältigkeit des Jobs ist unglaublich reizvoll. Neben den administrativen und inhaltlichen Aufgaben spielt auch der Umgang mit Personen aus den unterschiedlichsten Branchenrichtungen eine große Rolle, was mir sehr viel Freude bereitet. 

TK: Bislang weilten Sie beruflich in Berlin. Wie gefällt Ihnen es Ihnen im Bundesland mit der schönsten Küste Deutschlands? 

Pikolin: Durch die pandemische Lage habe ich bis jetzt leider noch nicht so viel von Mecklenburg-Vorpommern gesehen. Normalerweise gehört es zu meinem Job dazu, Fachsitzungen in den unterschiedlichsten Regionen des Landes abzuhalten, als auch unsere Mitglieder zu besuchen oder Interessentinnen und Interessenten vom Wirtschaftsrat zu begeistern. In Schwerin fühle ich mich sehr wohl, ein gemütliches Städtchen mit viel Natur in naher Umgebung. Ich freue mich aber schon sehr darauf, den Rest des Landes kennenzulernen!

TK: Mecklenburg-Vorpommern beansprucht den Titel "Gesundheitsland Nummer Eins" für sich. Wird das Bundesland diesem Anspruch aus ihrer Sicht gerecht?

Die Branche ist in Mecklenburg-Vorpommern wirklich sehr groß und daher erhebt das Land zu Recht den Anspruch, ganz an der Spitze zu stehen. Ich habe schon mit einigen Vertreterinnen und Vertretern aus dem Klinik-, dem Krankenkassen-, dem Medtech- oder dem Biotechbereich; aber auch aus der Ärzteschaft und Pharmabranche sprechen können. Die Vielfalt in der Gesundheitsbranche bietet die optimale Gelegenheit für Mecklenburg-Vorpommern, Vorreiter in der Weiterentwicklung bei der sektorenübergreifenden Versorgung und der Telemedizin zu sein. Weitere zentrale Punkte sind, dass Innovationen bei Medizinprodukten gefördert und Überregulierungen verhindert werden. 

TK: Welche Entwicklungsfelder und Chancen sehen Sie für die Wirtschaft insgesamt in Mecklenburg-Vorpommern? 

Pikolin: In der Gesamtbetrachtung sehe ich trotz der derzeitigen schwierigen Lage großes Entwicklungspotential in Mecklenburg-Vorpommern. Wir als Wirtschaftsrat möchten dafür sorgen, dass die Unternehmen das Potential ausschöpfen können, indem die richtigen Weichenstellungen getroffen und die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Obwohl bei der Entwicklung von digitalen Strukturen noch Verbesserungsbedarf besteht, ist das Land hier auf einem guten Weg. Gerade mit der Errichtung von Innovationszentren wurde ein Baustein gelegt, damit Mecklenburg-Vorpommern auch attraktiv für die Start-up Szene wird. Die größte Herausforderung sehe ich in dem Fachkräftemangel, der nicht nur Pflegeeinrichtungen betrifft. Insbesondere auf die Tourismuswirtschaft werden große Herausforderungen zukommen, weswegen wir als Wirtschaftsrat auch eine Fachkommission Tourismuswirtschaft gegründet haben. Unser Ziel im Land muss sein, neben attraktiven Lebensbedingungen auch die angemessene Infrastruktur zu schaffen. Wenn Schulgebäude sanierungsbedürftig sind, wird es schwer fallen, Fachkräfte ins Land zu holen oder Studienabgängerinnen und Studienabgänger hier zu halten.

TK: Wie haben die Menschen bzw. das Bundesland Sie hier aufgenommen?

Pikolin: Ich bin hier sehr gut aufgenommen worden. Viele möchten das Land zukunftsfähig gestalten. Von daher würde ich das von Ihnen erwähnte "Gesundheitsland" in "Zukunftsland" umbenennen. Das kommt mir gelegen, denn Stillstand mag ich weder beruflich noch privat. Viele unserer Mitglieder tragen dazu bei, dass ich hier schnell Fuß gefasst habe. Das freut mich wirklich sehr.  

TK: Herr Pikolin, als Landesgeschäftsführer sind Sie ein vielbeschäftigter Mann. Haben Sie da noch Zeit für Freizeitaktivitäten? Wenn ja, verraten Sie uns welche, eher an der frischen Seeluft oder mit einen guten Buch?

Pikolin: Ja, das stimmt, gerade in der Anfangszeit gibt es viel zu tun. Da ich neu hier bin, möchte ich neben unseren Mitgliedern und Unternehmen natürlich auch die politischen Akteurinnen und Akteure kennenlernen, was seine Zeit braucht. Von daher ist das Freizeitvolumen im Moment recht eingeschränkt. Ich spiele sehr gern Tennis und damit möchte ich im Frühsommer hier vor Ort beginnen. Ein hervorragender Ausgleich. Ansonsten bin ich sehr gern in der Natur unterwegs. 

TK: Was wünschen Sie sich für die Wirtschaft in M-V für die kommenden zwölf Monate?

Pikolin: Ich wünsche mir vor allem, dass die zahlreichen Unternehmen, die von der Pandemie stark betroffen sind, gut durch die Zeit kommen. Es hätte für das Land fatale Auswirkungen, wenn es insbesondere in der tourismusnahen Branche eine Insolvenzwelle geben würde. Deswegen ist es wichtig, dass die Unternehmen nach der hier stattfindenden Landtagswahl im September nicht mit mehr Bürokratie und mehr Regulierungen oder auch höheren Steuern geschwächt werden, sondern dass genau das Gegenteil der Fall sein wird: größtmögliche Unterstützung. Davon profitiert jede Bürgerin und jeder Bürger, deswegen setze ich mich jeden Tag für die Stärkung der sozialen Marktwirtschaft ein, die ein Garant für unser Leben im Wohlstand ist.