TK: Sehr geehrter Herr Prof. Crusius, die medizinische Versorgung ist gegenwärtig so stark im öffentlichen Fokus wie selten zuvor. Können Sie dieser Entwicklung, trotz der Corona-Pandemie, etwas Positives abgewinnen?

Prof. Andreas Crusius: Die medizinische Versorgung ist zu Recht im öffentlichen Fokus wie selten zuvor, da sowohl Personalmangel als auch Bestrebungen von Klinikketten, immer mehr Gewinn zu machen, und der Wunsch der Patienten, vom Arzt betreut zu werden, in eine Divergenz geraten. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass die medizinische Ressourcen begrenz sind, und dass Ärzte und Schwestern im Team immer mehr zusammenrücken. Die Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen kommt mehr in den Mittelpunkt der Diskussion in der breiten Bevölkerung - und das ist gut so.

Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass die medizinische Ressourcen begrenzt sind, und dass Ärzte und Schwestern im Team immer mehr zusammenrücken.
Prof. Dr. Andreas Crusius

Prof. Andreas Crusius

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Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Crusius ist der amtierende Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern. Der Facharzt für Pathologie und Innere Medizin übt dieses Amt seit 1990 aus. Als Mitglied des Vorstands der Bundesärztekammer setzt er sich für eine fortlaufende Weiterentwicklung der ärztlichen Ausbildung ein.

Daseinsvorsorge oder Ökonomisierung, steht das Gesundheitswesen am Scheideweg?

TK: Welche Entwicklungen im Gesundheitswesen betrachten Sie mit Sorge oder Skepsis?

Prof. Crusius: Mit Sorge betrachte ich persönlich den Arztmangel, den Mangel an Fachpersonal im Intensivbereich, den Mangel an ausreichend qualifizierten Krankeschwestern und die Ignoranz der Krankenhausverwaltung (zum Teil) und der sogenannten Manager im Gesundheitswesen, die letztendlich nur den Gewinn bzw. Profit sehen. Gesundheitswesen ist Daseinsvorsorge des Staates, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich. Das System ist so festgefahren, dass man die Grenzen einmal aufbrechen müsste, indem niedergelassene Ärzte am Krankenhaus operieren können, was zu selten passiert, und dass Krankenhausärzte in der Fläche, wo nicht ausreichend niedergelassene Ärzte angesiedelt sind, auch ambulant tätig sein dürfen, um die Bevölkerung ausreichend zu versorgen.

Gesundheitswesen ist Daseinsvorsorge des Staates, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.
Prof. Dr. Andreas Crusius

Nachwuchsmangel - das Problem für die Gesundheitsversorgung?

TK: Die Sorge um ausreichend Ärzte wächst  auch im Mecklenburg-Vorpommern. Was macht einen guten Arzt aus?

Prof. Crusius: Einen guten Arzt macht es aus, wenn er sich dem Patienten widmet, ihm zuhören kann, seine Beschwerden zu Kenntnis nimmt, ihn vernünftig untersucht, diese Untersuchung dokumentiert, dann dem Patienten die möglichen Alternativen aufzeigt und den Patienten berät, was für ihn aus Sicht des Arztes am günstigen ist für die Verbesserung des Wohlbefindens. Ein guter Arzt kann das aufnehmen, was der Patient sagt und bezieht seine Untersuchung auf die körperlichen Symptome des Patienten. Er verliert aber das Ganze und die Zukunft von dem Patienten nicht aus dem Blick. Ein guter Arzt zeichnet sich durch Empathie und Einfühlungsvermögen gegenüber dem Patienten aus.

TK: Werden die Ärzte der Zukunft andere Kompetenzen benötigen?

Prof. Crusius: Ärzte werden auch in der Zukunft die gleichen Kompetenzen benötigen, die sie jetzt haben - nämlich ausreichendes fachliches Wissen und Anwendung des Wissens. Empathie ist eine der Grundvoraussetzungen für einen guten Arzt. Ärzte werden in Zukunft aber auch die digitalen Möglichkeiten mehr ausschöpfen müssen, um ständig das neuste Wissen parat zu haben.

Empathie ist eine der Grundvoraussetzungen für einen guten Arzt.
Prof. Andreas Crusius

Welche Impulse kann die Enquete-Kommission setzen?

TK: Als Mitglied der Enquete-Kommission zur Zukunft der medizinischen Versorgung beraten Sie die Politik. Welche Aspekte sind Ihnen für die Zukunft der  Gesundheitsversorgung besonders wichtig?

Prof. Crusius: Als Mitglied der Enquetekommission liegt mir persönlich besonders am Herzen, dass Bürgerinnen und Bürger, die in unterversorgten Gebieten oder in dünn besiedelten Gebieten wohnen, keine schlechtere Versorgung haben als diejenigen, die in Zentren leben. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass die entsprechenden Transportmöglichkeiten geschaffen werden, um dem Patienten in die Einrichtung zu bringen, die rechtzeitig die für ihn adäquate Therapie bereitstellt. Das heißt, wir müssen auch Krankenhäuser ersetzen, zum Beispiel wenn drei kleine Häuser in einer Region stehen, durch den Neubau eines größeren und den entsprechenden Transport organisieren. 
Die Krankenhäuser müssen geöffnet werden für die Durchführung von medizinischen Maßnahmen durch niedergelassene Ärzte am Krankenhaus und vice versa durch Krankenhausärzte in unterversorgten Gebieten.

TK: Welche Erwartungen haben Sie an die Arbeit und Ergebnisse des Gremiums?

Prof. Crusius: Meine Erwartungen an die Arbeit und Ergebnisse des Gremiums sind sehr hoch, in dem man bahnbrechende Forderungen aufstellt. Zum Beispiel, dass man sich von der DRG abwendet und das auf Bundesebene anstößt, denn letztendlich könnte man die Vergütung der erbrachten Leistung für alle Patienten in Deutschland gleichschalten, in dem es bei Krankenhausaufenthalt einer Art Hotelpauschale gibt und die ärztliche und pflegerische Leistung über die Gebührenordnung für Ärzte, die einzig wirtschaftlich kalkulierte und medizinisch hinterlegte Gebührenordnung, zahlt.  Diese Gebührenordnung wäre dann als Rechnung dem Patienten zu überstellen. Der mündige Patient kann letztendlich entscheiden, welche Leistungen an ihm erbracht worden sind und welche nur auf der Rechnung stehen. Diese kann er streichen.

TK: Welche Dinge müssten aus ihrer Sicht angestoßen werden, damit die Ärzte im Land auch zukünftig flächendeckend und qualitativ hochwertig versorgen können?  

Prof. Crusius: Der Arzt in der Fläche muss wieder die Wertschätzung bekommen, die ihm gebührt. Das heißt, Politik, Bevölkerung und an der Leistungserbringung beteiligte Krankenhäuser, Rehakliniken und niedergelassene Ärzte müssen zusammenarbeiten, damit künftig die Versorgung auch noch gelingt.

Der Arzt in der Fläche muss wieder die Wertschätzung bekommen, die ihm gebührt.
Prof. Dr. Crusius