Herr Professor Wille, im Zuge des Auftaktkongresses der Gesundheitsplattform Rhein-Neckar e.V. freuen wir uns auf ein kurzes Interview mit Ihnen.

TK: Beginnen wir mit dem Sachverständigenrat Gesundheit. Das neue Gutachten zur bedarfsgerechten Steuerung der Gesundheitsversorgung wird aktuell auf Symposien und Regionalkonferenzen politisch diskutiert. Was sind Ihrer Meinung nach zentrale Erkenntnisse?

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Prof. Eberhard Wille

Prof. Eberhard Wille: Das Gutachten beinhaltet folgende zentrale Themenfelder: Krankenhausplanung und Finanzierung, die Schnittstelle ambulant/stationär, die Notfallversorgung, die Steuerung der Patientenwege und die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Bei der Investitionsfinanzierung der Krankenhäuser reichen die Ländermittel auch wegen des Überangebotes an Krankenhäusern nicht aus. Die Vergütung der Krankenhausbetriebskosten weist zahlreiche Fehlanreize in Richtung einer Fallzahlvermehrung auf und besitzt für Universitätskliniken und teilweise auch für Maximalversorger gravierende Nachteile.

Die derzeitige bettenorientierte Planung sollte unter Berücksichtigung unterschiedlicher Versorgungsstufen bzw. Versorgungsstrukturen durch eine leistungsorientierte Planung ersetzt werden. Der Rat schlägt hier eine „differenzierte Monistik“ vor. Er hält den Strukturfonds für geeignet, um die Bereinigung der Krankenhausstrukturen zu beschleunigen sowie die Investitionsmittel der Länder zu ergänzen und zu verstetigen.

Der Schwerpunkt sollte in überversorgten Regionen künftig stärker im Bereich der Schließung von Krankenhäusern statt einzelner Abteilungen liegen. Der Bund sollte seinen Anteil aus Steuermitteln tragen und als Kompensation Mitplanungskompetenzen in bundeslandübergreifenden Gebieten in Form einer Bund-Länder-Kommission erhalten.

TK: Der Ausbau der sektorenübergreifenden Versorgung ist dabei ein großer Themenbereich. Hier scheint gesundheitspolitisch Einiges in Bewegung - gerade auch, wenn man nach Baden-Württemberg mit seinen Modellprojekten schaut. Wo können Ihrer Meinung nach konkrete Fortschritte erwartet werden?

Prof. Eberhard Wille: Die sektorenübergreifende Versorgung kann in unterschiedlicher Intensität über Medizinische Versorgungszentren (MVZ), Praxisnetze, spezielle Versorgungsformen oder die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) erfolgen. Obgleich es mit Hilfe dieser Instrumente in den letzten zwei Jahrzehnten gelang, die zuvor stark verkrusteten Versorgungsstrukturen etwas aufzubrechen, bleiben die Ergebnisse immer noch hinter den Möglichkeiten und Notwendigkeiten zurück.

So hinkt die sogenannte Ambulantisierung in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch hinterher. Um Effizienz und Effektivität an der Schnittstelle ambulant/stationär zu verbessern, empfiehlt der Rat u.a., die Teilnahmevoraussetzungen für die ASV zu entbürokratisieren, den Wirtschaftlichkeitsnachweis bei der besonderen Versorgung nach § 140a SGB V zu streichen, die Apotheker als gleichberechtigte Partner an der besonderen Versorgung aufzunehmen, den Praxisnetzen der Stufen I und II den Leistungserbringerstatus zu gewähren und populationsorientierte Versorgungskonzepte besonders zu fördern.

TK: Sie engagieren sich persönlich in Ihrer Region für einen Austausch über eben diese Grenzen zwischen den Sektoren und sogar drei Ländern hinweg. Worin liegen die Vorteile solcher regionaler Initiativen?

Prof. Eberhard Wille: Ähnlich wie die Gesundheitsstadt Berlin und die Gesundheitsregion Rhein-Main möchte die Gesundheitsplattform Rhein-Neckar e.V. allen interessierten Anbietern und Nachfragern von Gesundheitsleistungen  in dieser Region ein regelmäßiges Treffen in institutionalisierter Form anbieten. Ich denke, wir können vor allem im Hinblick auf eine sektorenübergreifende Versorgung  in der Region interessante Angebote für Praxis- bzw. Ärztenetze offerieren. Vorträge, die wir zu diesen Themen im Anschluss an unsere Mitgliederversammlungen bereits angeboten haben, stießen sowohl bei den Mitgliedern als auch bei eingeladenen potentiellen Interessenten auf großen Zuspruch.

TK: Und was sind Ihre nächsten Ziele mit der Gesundheitsplattform Rhein-Neckar e.V.?

Prof. Eberhard Wille: Zunächst findet am 17.10. 2018 im Mannheimer Rosengarten die erste öffentliche Veranstaltung mit dem Titel „ Gesundheitsversorgung ohne Ländergrenzen“ statt. Wir hoffen mit dieser und zusätzlichen  Veranstaltungen in absehbarer Zeit weitere Vertreter und Institutionen des Gesundheitswesens wie z.B. auch mittelgroße und kleinere Krankenhäuser sowie andere mittelständische Leistungserbringer aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens zu gewinnen.

TK: Weiten wir nun den Blick in Richtung Morbi-RSA. Bis Ende 2019 soll der Risikostrukturausgleich gesetzlich fortentwickelt werden. Das vom wissenschaftlichen Beirat geforderte Vollmodell ist bis dahin nur schwer umzusetzen. Welche "schnellen Handlungsoptionen" gibt es jetzt?

Prof. Eberhard Wille: Ich bin kein Jurist, aber als Maßnahmen innerhalb des aktuellen Rechtsrahmens sehe ich nur die Prävalenzgewichtung der Krankheitsauswahl, Maßnahmen gegen die Manipulationsanfälligkeit der codierten Diagnosen und  bei multimorbiden Patienten die Einführung von ausgewählten Altersindikationsthermen. Alle anderen Vorschläge des Beirats bedürfen meines Erachtens einer Änderung des geltenden Rechtsrahmens.

TK: Sehen Sie eine Chance, dass die Ausgabendeckungs-Schere zwischen den verschiedenen Kassenarten in absehbarer Zeit verringert wird? Ein Mittel dazu - die vom Beirat geforderte Regionalkomponente - könnte durch zu unterschiedliche Länderinteressen im Bundesrat blockiert werden.

Prof. Eberhard Wille: Die zentralen bzw. quantitativ relevanten Maßnahmen zur Verringerung der Ausgabendeckungs-Schere bestehen nach meiner Einschätzung in einer Beschränkung der Manipulationsanfälligkeit der codierten Diagnosen, der Einführung von Altersindikationsthermen bei multimorbiden Patienten und  der Berücksichtigung einer regionalen Komponente. Alle anderen vom Beirat geprüften Reformoptionen des Morbi-RSA besitzen nur marginale Konsequenzen für den Wettbewerb der Krankenkassen. Ich befürchte  ebenfalls, dass die  Einführung einer regionalen Komponente an den Widerständen bestimmter Länder scheitert oder nur in einer rudimentären und wettbewerbspolitisch unzureichenden Form in die Gesetzgebung eingeht.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Person

Prof. em. Dr. Eberhard Wille hatte von 1975 bis 2010 den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwissenschaft, an der Universität Mannheim inne. Der Gesundheitsökonom ist stellvertretender Vorsitzender im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Neben weiteren Mitgliedschaften in gesundheitspolitischen und wissenschaftlichen Gremien wurde 2017 auf seine Initiative hin die Gesundheitsplattform Rhein-Neckar e.V. gegründet, deren Vorsitzender er seither ist.