TK: Wie ist die Idee der Zusammenarbeit mit Institutionen aus dem Gesundheitswesen entstanden?

Prof. Dr. Ansgar Gerhardus: Wir wollen unseren Studierenden ein Studium bieten, in dem sie lernen konkrete Themen aus der Praxis mit wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten. Ursprünglich sollten sie sich dafür selber mögliche Probleme ausdenken. Das führte aber dazu, dass die Themen nur am Schreibtisch bearbeitet wurden und nicht "lebten".

Der Unterschied in der Auseinandersetzung mit echten Themen ist, dass sie mit einer Vielfalt von Begleiterscheinungen konfrontiert werden wie zum Beispiel: Unterschiedliche Stakeholder haben unterschiedliche Meinungen zu einem Gesundheitsthema. Die Rahmenbedingungen ändern sich im laufenden Prozess. Es gibt Termindruck. Meetings müssen effektiv vor- und nachgearbeitet werden. Es hat ein Missverständnis gegeben, dass aufgelöst und geklärt werden muss.

Professor Dr. Ansgar Gerhardus

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Abteilungsleiter Versorgungsforschung, Universität Bremen

Der Berufsalltag wird dadurch ein Stück weit in das Studium hineingezogen, gleichzeitig bietet das Studium aber den Rahmen zum Austausch und zur Reflektion. Unter diesen "geschützten" Bedingungen kann trainiert werden, dass auch in komplexen Situationen die Zielorientierung und der wissenschaftliche Anspruch nicht verloren gehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der ungeheure praktische Erfahrungsschatz, den unsere Partner in die Projekte einbringen und den wir als Mitglieder einer akademischen Einrichtung in der Form nicht vorhalten können.

Der wichtigste Punkt ist aber die Motivation der Studierenden, die daraus entsteht, dass echte Probleme aus dem Gesundheitswesen gelöst werden können. Die Studierenden entwickeln ein besseres Gefühl für die Qualität ihrer Arbeit und sind weniger von den Rückmeldungen der Lehrenden abhängig. Das ermöglicht ihnen, selber die Verantwortung für den Erfolg ihres Handelns zu übernehmen.     

TK: Gibt es besondere Anforderungen an die teilnehmenden Studierenden?

Gerhardus: Es handelt sich um einen Masterstudiengang, das heißt, unsere Studierenden verfügen alle über einen Bachelorabschluss und könnten auch ohne das Masterstudium bereits einer qualifizierten Tätigkeit nachgehen. Um in den Master zu kommen müssen sie gute Vornoten aufweisen und einen Eingangstest bestehen. Eine solide fachliche Grundausbildung bringen sie also schon mit. Genauso wichtig ist die hohe Motivation mit anspruchsvollen Methoden komplexe Themen aus der Praxis bearbeiten zu wollen. Sie müssen auch mental damit umgehen können, dass Probleme oft vielschichtiger sind, als sie auf den ersten Blick scheinen, dass Rahmenbedingungen sich ändern und dass sich eine scheinbar plausible Lösung bei genauerer Betrachtung als Irrweg entpuppt. Die Studierenden müssen sich gut organisieren, mit unterschiedlichen Gruppen effizient kommunizieren und kontinuierlich die Zusammenarbeit im eigenen Team moderieren. Wir beobachten, dass die Gruppen mit den Aufgaben immer wieder über sich herauswachsen.

 TK: In welchem Rahmen erfolgt die Zusammenarbeit?

Gerhardus: Potenzielle Partner aus der Praxis bekommen von uns ein Informationsblatt, in dem wir über den Studiengang und den Ablauf der Projekte informieren. Wenn ein neuer Partner Interesse hat, mit uns und den Studierenden zusammenzuarbeiten, sprechen wir immer persönlich vorab über das Projekt und die Abläufe. Wir sagen den Partnern, dass am besten solche Themen geeignet sind, die ein wichtiges und komplexes Problem berühren, für die im Alltag aber keine Zeit bleibt.

Zu Beginn des 1. Semesters des Masterstudiums ordnen sich die Studierenden in Gruppen á 4-5 den vorgeschlagenen Projekten zu. Dann vereinbaren sie einen ersten Termin mit dem Partner und diskutieren die Aufgabenstellung. In den insgesamt drei Semestern werden dann immer wieder Termine vereinbart, etwa alle 1-3 Monate oder nach Bedarf. Die fachliche und methodische Betreuung der Gruppen erfolgt durch die Dozentinnen und Dozenten des Studiengangs. Die Partner bringen im Wesentlichen das Thema ein, erläutern die praktischen Aspekte und unterstützen ggf. die Kontaktaufnahme mit Partnern aus ihren Netzwerken.

TK: Wie geht es nach dem Abschluss-Symposium weiter?

Gerhardus: Das Abschluss-Symposium am Ende des 3. Semesters ist das große Ereignis des Studiengangs. In der schönen Atmosphäre im Haus der Wissenschaft werden an einem Freitagnachmittag die Erkenntnisse aus den Projekten der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Praxispartner sind ebenfalls dabei und berichten wie die Ergebnisse in ihre zukünftige Arbeit einfließen werden. Am Abend wird gefeiert und dann wird noch einmal zwei Monate an den Abschlussberichten gefeilt. Oft werden die Studierenden im Anschluss von ihren Projektpartnern eingeladen, die Ergebnisse noch einmal anderen Abteilungen im Haus und auf Konferenzen vorzustellen.

Nach Abgabe der Berichte stehen im 4. Semester die Masterarbeiten an, die von den Studierenden individuell angefertigt werden. Mit dem Masterabschluss können sich die Studierenden auf Stellen bewerben. Wir haben kürzlich eine Erhebung ausgewertet und festgestellt, dass praktisch alle Absolventinnen und Absolventen unmittelbar nach ihrem Abschluss in angemessenen Positionen untergekommen sind. Zu je einem Drittel zieht es sie in die Wissenschaft, zu Verbänden und Unternehmen der Gesetzlichen Krankenversicherungen und in die freie Wirtschaft.     

TK: Wie sollten Organisationen am besten mit Studierenden zusammenarbeiten, um gute Synergieefekte zu erzeugen?

Gerhardus: Es beginnt mit einer guten Absprache über das Projekt. Hilfreich ist, wenn die Organisationen sich klar darüber sind, welche Ziele sie mit der Zusammenarbeit erreichen wollen. Es braucht die Bereitschaft, sich auf den Rhythmus und den Zeithorizont der Studierenden einzulassen: Das Projekt geht über drei Semester und es ist nicht die einzige Aufgabe der Studierenden. Da uns außerdem die wissenschaftliche Fundierung wichtig ist, sollten keine kurzfristigen Lösungen erwartet werden. Eine weitere Voraussetzung ist eine - in Maßen - gute Erreichbarkeit und Reaktionsfähigkeit. Letztlich ist das Vertrauen in die Fähigkeiten der Studierenden sehr hilfreich. Dieses stellt sich aber in unserer Erfahrung nach den ersten Treffen rasch ein.     

Zur Person

Professor Dr. Ansgar Gerhardus studierte Medizin in Heidelberg, Straßburg und an der University of Missouri, Columbia. Nach dem Studium der Politikwissenschaften und Ethnologie und dem Studium Public Health erhielt er 2010 seine Habilitation an der Universität Bielefeld. Gerhardus ist Leiter der Abteilung 1 Versorgungsforschung am Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen.                                       

Bereits seit mehreren Jahren fungiert die TK-Landesvertretung Bremen als Projektpate für Projektarbeiten  des Studiengangs "Public Health" der Uni Bremen.