TK: Sehr geehrter Prof. Schürholz, Sie sind seit 2016 an der Unimedizin Rostock und haben viel bewegt. Warum haben Sie sich für die Intensivmedizin entschieden?

Prof. Tobias Schürholz: Die Auseinandersetzung mit den Erkrankungen und die manchmal detektivische Arbeit, die notwendig ist, um die Patienten erfolgreich zu therapieren, haben mich immer gereizt. Ein weitere Punkt ist die Zusammenarbeit mit vielen Berufsgruppen und verschiedenen Disziplinen: Nur die orchestrierte Zusammenarbeit liefert beste Therapieergebnisse. Diese Zusammenarbeit ist nicht immer einfach, kommt aber immer dem Patienten zu Gute.

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Prof. Tobias Schürholz

Zur Person

Prof. Dr. Tobias Schürholz hat nach dem Studium der Humanmedizin seine Weiterbildung zum  Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover abgeschlossen. Nach der Habilitation 2008 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ging er an die Uniklinik der RWTH Aachen. Im Jahr 2016 wurde er als Professor für Anästhesiologie mit Schwerpunkt perioperative Intensivtherapie an die Universitätsmedizin Rostock berufen. Neuen beruflichen Herausforderungen stellt er sich ab März 2021 an der Uniiklinik der RWTH Aachen. 

TK: Telemedizinische Angebote und digitale Vernetzung nehmen einen immer größeren Stellenwert ein - vor allem in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern. Welchen weiteren Handlungsbedarf sehen Sie hier?

Prof. Schürholz: Ich sehe vor allem den Bedarf in der Unterstützung bei der Etablierung und Erweiterung der Telemedizin. Dies kann flankierend durch Politik aber auch durch die Kostenträger und die Leistungserbringer selbst geschehen. Eine konzertierte Bemühung im Hinblick auf Finanzierbarkeit, technische Realisierung und Personaleinsatz würde MV weit nach vorne in dem Wettbewerb der Digitalisierung bringen.

Ich sehe vor allem den Bedarf in der Unterstützung bei der Etablierung und Erweiterung der Telemedizin. Prof. Tobias Schürholz

TK: Seit Jahren besteht das gemeinsame Bestreben, die flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen. Gibt es ein Modell, welches Sie favorisieren? 

Prof. Schürholz: Ich denke, dass gerade die Gesundheitsversorgung in MV von der Telemedizin profitiert. Zukünftig sollte man Wert darauf legen, die verschiedenen Projekte wie Tele-Intensivmedizin, Tele-Notarzt, Tele-Radiologie etc. miteinander zu verbinden. Im Prinzip zielt das auf die Schaffung eines virtuellen Krankenhauses, wie es schon in NRW aus der Taufe gehoben wurde.

TK: Bitte klären Sie unsere Leser auf, was sich hinter dem Projekt TwIN-MoVE verbirgt. Profitieren Patienten von diesem Telemedizinprojekt?  

Prof. Schürholz:  TwIN-MoVE ist das Akronym für Tele-IntensivmediziN in Mecklenburg-VorpommErn. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit fördert dieses Projekt und hat damit die Initiierung der Tele-Intensivmedizin in Mecklenburg-Vorpommern ermöglicht.

Es ist ein Netzwerk, das verschiedene Intensivstationen aus unterschiedlichen Kliniken mit der Unimedizin Rostock verbindet. Bei Bedarf führen wir gemeinsame Visiten mit den Kollegen aus den Partner-Krankenhäusern durch, um schwierige Fälle zu besprechen. Um den Nutzen für die Patienten zu belegen, sehen wir uns im Rahmen von TwIN-MoVE besonders die an Lungenentzündung erkrankten Patienten an. Wir schauen dann nach dem Risiko und dem Auftreten eines Lungenversagens, das im Extremfall einen Lungenersatz (ECMO) erfordert. Gemeinsam mit den Intensivmedizinern vor Ort können wir die Indikation zu ECMO besprechen und ggf. unser ECMO-Team zur Anlage einer ECMO und Transport in die UMR dorthin schicken. Die Patienten bekommen also so eine Zweitmeinung und haben durch die Tele-Intensivmedizin jederzeit Zugang zu den apparativen Leistungen eines Uniklinikums.

TwIN-MoVE ist das Akronym für Tele-IntensivmediziN in Mecklenburg-VorpommErn. Prof. Tobias Schürholz

TK: Wie kann die Digitalisierung die Zusammenarbeit zwischen Unikliniken und Krankenhäusern und ggf. anderen Leistungserbringern weiter verbessern? Mit welchen Häusern arbeiten Sie schon jetzt zusammen?

Prof. Schürholz: Die Digitalisierung kann zum einen dazu führen, dass der Zeitpunkt für eine Verlegung der Patienten sehr gut abgestimmt werden kann. Ebenso wie durch einen persönlichen Besuch vor Ort kann ich per Tele-Visite den Patienten umfassend beurteilen und gemeinsam mit den behandelnden Ärzten in den Krankenhäusern entscheiden, ob ein Transfer in die Uniklinik notwendig ist. Zum anderen sehe ich die Möglichkeit, Informationen „aus erster Hand“ bei gemeinsamen Visiten zu erhalten. Das kann auch nach der Verlegung des Patienten noch erfolgen und sich  auch über die Sektorengrenzen erstrecken. Damit ist gemeint, das auch nach der Akutbehandlung auftretende Probleme in den Reha-Kliniken unter Umständen im Rahmen einer Tele-Visite geklärt werden können, ohne den Patienten zu transferieren. So können sich alle Leistungserbringer besser abstimmen.

Seit Februar arbeiten wir mit der Boddenklinik in Ribnitz-Damgarten und dem Müritzklinikum in Waren zusammen. Vor wenigen Wochen sind die technischen Voraussetzungen im Krankenhaus Bad Doberan, Bützow und Teterow geschaffen worden. Wir haben letzte Woche so in Bad Doberan schon die erste Tele-Intensivvisite durchführen können.

... per Tele-Visite kann ich den Patienten umfassend beurteilen und gemeinsam mit den behandelnden Ärzten in den Krankenhäusern entscheiden, ob ein Transfer in die Uniklinik notwendig ist. Prof. Tobias Schürholz

TK: Werden andere folgen? Und sind weitere Module geplant?

Prof. Schürholz: Ursprünglich war das Projekt innerhalb der ersten 36 Monate auf fünf Krankenhäuser begrenzt. Da im Rahmen der  Corona-Pandemie das Land M-V flächendeckend mit dem von uns genutzten System ausgestattet wurde, ist es jetzt aber in Abstimmung mit dem fördernden Ministerium möglich, das Netzwerk TwIN-MoVE zu erweitern.

Bei Projektinitiierung haben wir schon geplant, Module wie Infektiologie (also Beratung bei Infektionskrankheiten) und Neuromedizin (z.B. Neurologie und Neurochirurgie) mit in die angebotenen Leistungen aufzunehmen. Theoretisch kann man aber alle Disziplinen, die die UMR hat als Modul bei Bedarf mit in das Angebot aufnehmen.

TK: Inzwischen läuft das Programm schon zwei Jahre. Können Sie eine erste Bilanz ziehen?

Prof. Schürholz: Wir hatten leider durch Abstimmung in verschiedenen Bereichen (Technik, Datenschutz etc.) einen späteren Beginn als vorgesehen, aber seit etwas über einem Jahr ist das Projekt TwIN-MoVE quicklebendig geworden. In einer ersten Bilanz können wir sagen, dass dank des Engagements der beteiligten Mediziner die ersten 100 Visiten durchgeführt wurden. Wir identifizieren wie vorgesehen Patienten, die auch ein Lungenversagen haben. Für weitere, tiefergehende Auswertungen werden wir noch mehr Zahlen brauchen, aber schon jetzt stärkt es in meinen Augen die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Kliniken.

TK: Im Frühjahr werden Sie Rostock verlassen. Was wünschen Sie dem Projekt?

Prof. Schürholz: Ich wünsche TwIN-MoVE, dass es wie vorgesehen seine Kinder- und Jugendjahre hinter sich lässt und weiter wächst. Es kann die Grundlage für eine landesweite Vernetzung der Kliniken in Mecklenburg-Vorpommern sein.

TwIN-MoVE kann die Grundlage für eine landesweite Vernetzung der Kliniken in Mecklenburg-Vorpommern sein. Prof. Tobias Schürholz

TK: Wo sehen Sie ihre zukünftigen Prioritäten?

Prof. Schürholz: Ich werde mich weiter digitalen Projekten in der Intensivmedizin widmen und bleibe sicher auch der klinischen Intensivmedizin eng verbunden.

TK: Und zu guter Letzt gestatten Sie die Frage: Was behalten Sie von Mecklenburg-Vorpommern und Rostock in Erinnerung? Und sind die Norddeutschen so stur, wie ich ihnen nachgesagt wird?  

Prof. Schürholz: Ich behalte viele engagierte Menschen in Erinnerung, die sich mit Hingabe ihrem Beruf auch in schwierigen Zeiten widmen. Und ich behalte natürlich den Strand mit wenig Urlaubern in Erinnerung, auch wenn ich künftig wieder dazu zählen werde.

Da ich selber aus Niedersachen stamme und mit eine Emsländerin verheiratet bin, bin ich natürlich befangen bei dem Thema Sturheit: Aber nein, eine Meinung haben bedeutet ja nicht gleich Stursein ;-)