TK: Warum ist Diversität in der Arbeitswelt so wichtig?

Claudia Bernhard: In einer zunehmend globalisierten Arbeitswelt können Unternehmen einfach nicht mehr bestehen, wenn sie in allen Leitungspositionen nur männlich und weiß aufgestellt sind. Fehlende Diversität zementiert gleichzeitig die geschlechtsspezifischen Hierarchien zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten und verhindert damit, dass wir die weibliche Lohnlücke schließen.

TK: Ist es nur ein Modethema oder erkennen Sie Anzeichen für einen nachhaltigen Bewusstseinswandel?

Bernhard: Es gibt für die Betriebe keinen Weg zurück. Wichtig ist aber nicht nur der Bewusstseinswandel. Die Ungleichheiten sind tief eingeschrieben in die Systeme, mit denen wir Leistung, Verantwortung und Belastung in der Arbeitswelt einstufen. Da wird sich noch viel ändern müssen.


Claudia Bern­hard

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Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz

TK: Und wie sieht die Realität in der Arbeitswelt aus, insbesondere im Gesundheitswesen?

Bernhard: Im Gesundheitswesen kann man die geschlechtsspezifische Arbeitssegregation gut erkennen. In der Pflege sind überdurchschnittlich viele Frauen tätig. Die Leitungspositionen in der medizinischen Versorgung haben aber vorrangig Männer inne. Für viele frauendominierte Berufe fehlen die Aufstiegsmöglichkeiten.

TK: Ergeben sich Auswirkungen auf die Versorgung, wenn das System vor allem von Männern gestaltet wird?      

Bernhard: Ja, natürlich! Beim Herzinfarkt wurde lange Zeit fast nur zu den männerspezifischen Symptomen geforscht. Gesundheitspolitische Bedarfe von Frauen werden oft nicht mit derselben Dringlichkeit verfolgt. Ein Beispiel ist die prekäre Versorgungslage von Schwangerschaftsabbrüchen.

TK: An welchen Ländern können wir uns ein Beispiel nehmen?        

Bernhard: Es gibt viele Länder, die weitergehende Regelungen haben - Schweden z.B. mit dem starken Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung, oder die USA mit ihren Klagerechten gegen Diskriminierung.