TK spezial: In der zurückliegenden Wahlperiode waren Sie im Gesundheitsausschuss tätig. Was hat Sie dazu bewogen, auch in der kommenden Amtsperiode den Schwerpunkt Ihrer parlamentarischen Arbeit wieder auf die Gesundheitspolitik zu setzen?

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Tino Sorge: Als Abgeordneter im Deutschen Bundestag muss man sich auf Schwerpunkte fokussieren. Für mich war klar, dass dies der Gesundheitsbereich sein sollte. Gesundheit ist eines der Megathemen unserer Zeit, erst recht für die Zukunft. Im Ergebnis ist jeder Einzelne von uns konkret betroffen. Mit 15 Prozent Anteil an der Gesamtwirtschaftsleistung ist die Gesundheitswirtschaft mittlerweile ein volkswirtschaftlicher Wachstumsmotor. Gleichzeitig kann ich als Parlamentarier hierbei auf viele Bereiche und Themen Einfluss nehmen, die die Menschen in meinem Wahlkreis betreffen.

Kein Bereich ist meines Erachtens so vielschichtig; angefangen von einer leistungsfähigen medizinischen Versorgung vor Ort, Fragen der Pflege bis hin zur Digitalisierung und Demografie der Gesellschaft. Und Magdeburg ist ein wichtiger Standort im Gesundheitssektor. Mit unserer Universitätsklinik, dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, dem Leibniz-Institut, der Helmholtz-Gemeinschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft sind zahlreiche Institutionen der medizinischen Spitzenforschung ansässig. Die erfolgreiche Weiterentwicklung der Stadt und der Region als Gesundheitsstandort mitzugestalten, ist mir wichtig.

TK spezial: Erläutern Sie bitte kurz Ihre drei wichtigsten (gesundheits-)politischen Ziele für die nächsten vier Jahre und wie Sie diese ganz konkret erreichen wollen.

Tino Sorge: Die Lebenserwartung der Gesellschaft steigt erfreulicherweise kontinuierlich und wir werden immer älter. Gleichzeitig steigt dadurch die Anzahl sog. multimorbider Patienten. Volkskrankheiten, wie Krebs, Diabetes, Adipositas und Herz-Kreislauferkrankungen nehmen zu. Mir ist daher wichtig, auch zukünftig eine qualitativ hochwertige Versorgung mit ausreichend Ärzten und Apotheken - insbesondere im ländlichen Raum - sicherzustellen und Forschungsaktivitäten zu unterstützen. Hierzu mache ich mich für eine bessere Vernetzung von ambulantem und stationärem Sektor stark. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen weiter voranzutreiben. In der Pflege möchte ich weitere Verbesserungen für Pflegebedürftige, pflegende Angehörige und Pflegefachkräfte erreichen. Und letztlich geht es mir darum, die volkswirtschaftliche Bedeutung des Gesundheitssektors stärker in das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein zu rücken.

TK spezial: Die Digitalisierung ist heute fester Bestandteil nahezu aller Lebensbereiche. Welche Chancen sehen Sie darin für ein Bundesland wie Sachsen-Anhalt und was sollte der 19. Bundestag diesbezüglich unbedingt auf den Weg bringen?

Tino Sorge: Die Digitalisierung hat unser gesamtes Leben in wenigen Jahren verändert, sei es beim Kommunikationsverhalten oder im Arbeitsleben. Damit gehen viele Chancen einher, die es zu nutzen gilt, aber auch Risiken oder Ängste, welche abgebaut werden müssen. Deswegen werden wir in der neuen Legislaturperiode den Ausbau von schnellen IT-Verbindungen weiter massiv vorantreiben. Der Bund hat zugesagt, bis 2025 die Summe von 100 Milliarden Euro zu investieren, um auch in den Gigabit-Bereich vorzurücken. Als Spitzentechnologieland brauchen wir dringend auch eine spitzenfähige IT-Infrastruktur.

Ich möchte, dass Sachsen-Anhalt im Bereich der Gesundheitswirtschaft ein Leuchtturmstandort wird. Wir haben bereits jetzt viele hoch innovative Unternehmen im Medizintechnikbereich, unsere Unikliniken in Magdeburg und Halle sowie zahlreiche Forschungseinrichtungen, die im Bereich der Digitalisierung bundes- und weltweit eine Spitzenstellung einnehmen. Diese Entwicklung möchte ich unterstützen durch einen besseren und schnelleren Zugang von innovativen Produkten in die Regelversorgung, weitere finanzielle Förderung des Bundes oder durch eine stärkere Kooperation und Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft. Des Weiteren ist mir wichtig, bürokratische Hürden abzubauen sowie die Gründerkultur und Start-ups zu stärken. Als Gesundheitspolitiker ist es unsere Aufgabe, hierfür die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen.

TK spezial: Beim Thema Krankenhausinvestitionen setzt sich die TK für ein neues Konzept ein: Die entsprechende Finanzierung der bisherigen sogenannten pauschalen Fördermittel soll nach bundesweit einheitlichen Regeln durch die Krankenkassen erfolgen. Was sagen Sie zu diesem Vorschlag?

Tino Sorge: Die bisherige Praxis hat leider dazu geführt, dass vielerorts ein hoher Investitionsnachholbedarf entstanden ist. Dies hat zahlreiche Gründe, u.a. dass viele Bundesländer ihren Investitionsverpflichtungen nicht entsprechend nachkommen. Die duale Krankenhausfinanzierung grundsätzlich in Frage zu stellen, wäre nur dann zielführend, wenn Alternativen realistisch umsetzbar wären.

TK spezial: Die nachhaltige Neugestaltung des Finanzausgleichs zwischen den Krankenkassen wird aktuell intensiv diskutiert. Was sollte die Politik unternehmen, damit die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben nicht weiter auseinandergeht und Verwerfungen aufgrund von Fehlanreizen vermieden werden?

Tino Sorge: Es besteht weitgehend Einigkeit, dass der RSA einer Gesamtbewertung bedarf und nachjustiert werden sollte. Dazu gehören insbesondere Fragen, wie man regionale Unterschiede, Diagnosen und Differenzen in der Versichertenstruktur bei den Finanzzuweisungen auch unter Wettbewerbsgesichtspunkten besser berücksichtigt. Gleichzeitig wäre es sinnvoll, die RSA-Datenbestände der wissenschaftlichen Nutzung und Forschung zukünftig zugänglicher zu machen.

TK spezial: Das Präventionsgesetz wurde vor zwei Jahren verabschiedet. Was konnte dadurch Ihrer Meinung nach für die gesundheitliche Versorgung der Menschen in Deutschland schon verbessert werden und was ist noch zu erwarten?

Tino Sorge: Wir haben mit dem Präventionsgesetz die Gesundheitsförderung direkt im Lebensumfeld – in der Kita, der Schule, am Arbeitsplatz und im Pflegeheim – gestärkt. Bei den Früherkennungsuntersuchungen gibt es Fortschritte und bei der Impfrate werden allmählich Lücken wieder geschlossen. Das sind erste Erfolge.

Ein großes Augenmerk sollten wir darauf legen, Kinder und Jugendliche zu gesundem Essen und ausreichend Bewegung zu motivieren ohne zu bevormunden. Nach dem Sprichwort “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist mittlerweile erwiesen, dass früh entwickelte Gewohnheiten unser weiteres Leben sehr stark beeinflussen. Insofern geht es darum, mit Präventivmaßnahmen möglichst frühzeitig im Kindergarten, z.B. durch ein Fach „Gesunde Ernährung und Bewegung“, anzusetzen, um die Zunahme an chronischen „Wohlstandskrankheiten“ wie Adipositas, Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen in unserer Gesellschaft zu verringern.

Des Weiteren müssen wir auch über steuerliche Anreize diskutieren; darüber zum Beispiel, ob gesündere Lebensmittel wie Gemüse und Obst niedriger, ungesündere Lebensmittel dagegen wie Schokolade und Gummibärchen höher besteuert werden sollten.

TK spezial: Die demografische Entwicklung stellt gerade im Bereich Pflege eine Herausforderung dar. Was wäre aus Ihrer Sicht nötig, um dem derzeitigen Fachkräftemangel entgegenzuwirken, und welche Rahmenbedingungen sollte der Gesetzgeber - über das neue Pflegeberufegesetz hinaus - schaffen, damit ausgebildete Pflegekräfte auch in ihrem Beruf bleiben?

Tino Sorge: Insbesondere muss die Wertschätzung für Pflegekräfte innerhalb unserer Gesellschaft erhöht und die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften verbessert werden. Dazu gehört nicht nur eine bessere Bezahlung. Wir wollen die Pflegeausbildung weiter professionalisieren und die Pflege durch moderne Hilfsmittel und Assistenzsysteme, Stichwort Digitalisierung, ergänzen. Arbeitsplätze in der Pflege müssen flexibler gestaltet und zugleich moderne und ansprechende Angebote für interessierte Schüler, Quereinsteiger und langgediente Fachkräfte beinhalten.

TK spezial: Welche weiteren Themen sehen Sie momentan aus dem Blickwinkel Sachsen-Anhalts ganz oben auf der Agenda des Bundestages?

Tino Sorge: Gerade im Bereich der Gesundheitswirtschaft und Gesundheitsforschung besitzt Sachsen-Anhalt ein großes Innovationspotenzial. Deshalb sind der weitere zügige Breitbandausbau sowie Investitionen in unsere Verkehrsinfrastruktur entscheidend für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung unseres Bundeslandes. Neben einer stärkeren Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft zur Schaffung gut bezahlter Arbeitsplätze geht es auch darum, unser Bundesland bundesweit - gerade für Investoren - noch attraktiver zu machen. Dazu gehört neben der überregionalen Imagewerbung auch ein ICE-Anschluss, für den ich mich auch zukünftig stark mache.

Zur Person

Tino Sorge ist seit 2013 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Magdeburg Mitglied des Deutschen Bundestages und gewann bei der Bundestagswahl im September 2017 erneut das Direktmandat im Wahlkreis. Vor seiner Wahl in den Bundestag war er als Wirtschaftsanwalt und Unternehmensjurist sowie in leitenden Funktionen in Legislative (CDU-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt) und Exekutive (u.a. im Leitungsstab des Ministeriums für Wissenschaft und Wirtschaft) tätig. Seit 1995 gehört er der CDU an und ist u.a. stellv. Vorsitzender der CDU Magdeburg und Mitglied im Bundesfachausschuss Gesundheit und Pflege der CDU Deutschlands.

Seit 2016 ist Sorge auch ehrenamtlicher Landesvorsitzender des Sozialverbandes VdK Sachsen-Anhalt. Im letzten Bundestag war Tino Sorge Mitglied des Gesundheitsausschusses und Berichterstatter für Gesundheitswirtschaft und Gesundheitsforschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Zusätzlich arbeitete er im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung sowie im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur mit. Diese inhaltlichen Schwerpunkte möchte er in der neuen Wahlperiode fortsetzen.