Während der Corona-Pandemie hat sich einmal mehr gezeigt, wie leistungsfähig das deutsche Gesundheitssystem ist. Es wurde aber auch deutlich, dass nachhaltige Strukturreformen erforderlich sind. Unter dem Titel "Gesundheitsversorgung der Zukunft: Attraktiv & preiswert?" widmete sich der diesjährige Jahresempfang der rheinland-pfälzischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) der Frage, welche entscheidenden Weichen es braucht, damit das Gesundheitssystem auch künftig für Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung attraktiv ist - ohne dabei die Betragszahler zu überfordern.

TK-Landesvertretungsleiter Jörn Simon führte durch den Empfang, der via Live-Stream aus der Alten Lokhalle in Mainz übertragen wurde. Mit auf dem Podium saßen der rheinland-pfälzische Minister für Wissenschaft und Gesundheit, Clemens Hoch (SPD), der operative Geschäftsführer des Pharmaunternehmens BioNTech, Dr. Sierk Poetting, der Mitgründer und Strategievorstand des Biotechnologieunternehmens Noscendo, Dr. Peter Haug, sowie der stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der TK, Thomas Ballast. Mit den renommierten Gästen sprach Simon darüber, wie sichergestellt werden kann, dass maßgebliche Innovationen für die Solidargemeinschaft zugänglich und finanzierbar bleiben.

Vorhaltekosten nicht adäquat abgebildet

Angesichts des demographischen Wandels, der mit einer Zunahme chronischer Erkrankungen und einem erhöhten Versorgungsbedarf einher gehe, seien etwa Vorhaltekosten - insbesondere im ländlichen Raum - nicht adäquat abgebildet, betonte Gesundheitsminister Hoch. Folglich sei es erforderlich, das Vergütungssystem im stationären Bereich zu reformieren und insbesondere das Finanzierungselement der "Fallpauschale" zu prüfen. Laut Hoch bildeten sich zudem schon jetzt auch im ambulanten Bereich Versorgungslücken ab, da immer mehr niedergelassene Ärzte das Rentenalter erreichten.

Clemens Hoch

Minister Clemens Hoch auf dem Podium beim Jahresempfang der TK Rheinland-Pfalz. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Minister für Wissenschaft und Gesundheit in Rheinland-Pfalz, SPD

Die Landesregierung befasse sich daher verstärkt mit dem Masterplan "Medizinische Versorgung im ländlichen Raum", um für die verschiedenen Regionen zu prüfen, welche individuellen Bedarfe gedeckt werden müssen. Um diesen Entwicklungen effektiv begegnen zu können, sei es zudem angezeigt, Sektorengrenzen durchlässiger zu gestalten. Ziel sei dabei, dass die Medizin "nahe bei den Menschen" bleibe. 

Freier Zugang zu Innovationen

Für TK-Vorstand Thomas Ballast stellt die Digitalisierung einen Teil der Lösung dar, um die Gesundheitsversorgung auch in dünner besiedelten Regionen künftig sicherzustellen. Durch telematische Angebote, wie Videosprechstunden etwa, sei gewährleistet, dass ärztliche Präsenz auch in der Fläche zur Verfügung stünde, wenn es nicht möglich sei, ein Krankenhaus oder eine Hausarztpraxis in der Nähe aufzusuchen. Aufgrund des sich verschärfenden Fachkräftemangels müsse man ehrlicherweise sehen, dass Kliniken in der Fläche gegebenenfalls ihre Abteilungen nicht mehr entsprechend besetzen könnten, da das für Ärzte häufig nicht attraktiv genug sei, sich dort niederzulassen. Insbesondere in von Unterversorgung bedrohten Regionen könnten sektorenübergreifende Versorgungseinheiten die medizinische Basis- und Notfallversorgung sicherstellen - in sogenannten Regionalen Versorgungszentren (RGZs).

Thomas Ballast

Thomas Ballast auf dem Podium des Jahresempfangs Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse

Die Attraktivität eines Gesundheitssystems, ist Ballast überzeugt, sei jedoch nicht allein durch das Vorhalten einer Basisversorgung gekennzeichnet, sondern auch dadurch, dass GKV-Versicherte freien Zugang zu Innovationen hätten. Dies sei zwar aktuell gewährleistet. Allerdings blickt er mit Skepsis auf die hohen Preise mancher Arzneimittel, welche selbst die Versorgung in Industrienationen wie Deutschland überfordern könnten. Hier seien neue Mechanismen zur Preisfindung notwendig.

Um die Innovationsfreundlichkeit Deutschlands weiterhin sicherzustellen, erachtet Ballast die Einführung eines so genannten "Innovationsbudgets" als sinnvoll. Gesetzliche Krankenkassen wären dann verpflichtet, einen gesetzlich festgesetzten Betrag in neue Entwicklungen zu investieren.  

Know-how gegen Covid-19 eingesetzt

Innovativ und mutig, das wurde im Vortrag von Dr. Sierk Poetting deutlich, war die Entscheidung von BioNTech, Erkenntnisse aus der Krebsforschung einzusetzen, um den Wettlauf gegen Covid-19 anzutreten. Wie Poetting ausführte, forschte BioNTech bereits nahezu eine Dekade an der so genannten Messenger Ribonukleinsäure (kurz "mRNA"), um das menschliche Immunsystem zu befähigen, Krebszellen, die sich vor den Abwehrzellen normalerweise tarnen können, zu erkennen.

Dr. Sierk Poet­ting

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Geschäftsführer des Pharmaunternehmens BioNTech

Wie der operative Geschäftsführer berichtete, waren die Forscher des Unternehmens schnell davon zu überzeugen, dass dieses Know-how dazu dienen könnte, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Dies sei den Mitarbeitern von BioNTech binnen 13 Monaten - unter Wahrung höchster wissenschaftlicher Standards und Zulassungsvoraussetzungen - gelungen. Das Unternehmen wolle sich nun aber wieder verstärkt dem Vorhaben widmen, Immuntherapien zur Therapie onkologischer Erkrankungen zu entwickeln, um individuelle Behandlungen für Patienten anbieten zu können.

Erreger schneller identifizieren

Abschließend stellte Mitgründer und Strategievorstand der Noscendo GmbH, Dr. Peter Haug, eine Innovation des Softwareunternehmens vor, dessen Anwendung Leben retten kann. Das Unternehmen hat ein softwarebasiertes Verfahren entwickelt, um Erreger schneller identifizieren zu können. Hierzu zählen Infektionen im stationären Bereich, wie beispielsweise die so genannten Sepsen. Letztere werden umgangssprachlich auch als "Blutvergiftungen" bezeichnet. Laut Dr. Haug erkranken bundesweit rund 300.000 Menschen jährlich daran.

Dr. Peter Haug

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Mitgründer und Strategievorstand der Noscendo GmbH

Noscendo ist es gelungen, Know-how aus Biotechnologie und Software zu verknüpfen. Der inzwischen CE-zertifizierte Algorithmus analysiert eine Blutprobe in weniger als 24 Stunden auf 1.000 Erreger. Somit kann eine zielgerichtete, evidenzbasierte und vor allem schnelle Behandlung ermöglicht werden. Zum Vergleich: Mittels Blutkultur lassen sich binnen einer Woche lediglich Erreger in einstelliger Höhe prüfen. Innovationen wie diese, hierüber herrschte in der spannenden Runde der Referenten Konsens, sollen auch weiterhin einen Zugang in die Gesundheitsversorgung erhalten.

TK-Jahres­­em­p­­fang: Zukunft der Gesun­d­heits­­ver­­­sor­­gung

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