Das Gesundheitswesen hat sich bisher in einem enormen Kraftakt erfolgreich gegen die COVID-19-Pandemie gestemmt. Dabei haben die verschiedenen Bereiche - Krankenhäuser, Politik, Pflegeeinrichtungen, ambulante Praxen, Öffentlicher Gesundheitsdienst, Kommunen und Krankenkassen - viele Erfahrungen gesammelt, Impulse erhalten und neue Lösungen entwickelt. Unter der Überschrift "Corona - Impulse, Erfahrungen und neue Möglichkeiten" diskutierten am 22. September 2020 Vertreter des Schleswig-Holsteinischen Gesundheitswesen darüber, was wir aus der aktuellen Krise mitnehmen können, um für die Zukunft tragfähige Konzepte für die medizinische und pflegerische Versorgung zu entwickeln.

Pandemie erfordert massives Umdenken

"Covid-19 zwingt uns alle zum Umdenken. Wir haben bis heute enorm viel gelernt - über die Leistungsfähigkeit aber auch über die Flexibilität unseres Systems", betonte Sören Schmidt-Bodenstein, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein bei der Begrüßung der 35 Gäste vor Ort und den knapp 100 Zuschauern im Livestream. Auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister, Dr. Heiner Garg, war für seine persönliche Einschätzung ins Atlantic Hotel in Kiel gekommen. "Die Pandemie beschäftigt die gesamte Politik in einer Art und Weise, die ich niemals für möglich gehalten hätte", sagte er. 

Sören Schmidt-Boden­stein

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Leiter TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein

In Deutschland und insbesondere auch in Schleswig-Holstein hätte man von Beginn an etliches richtig gemacht, so sein Fazit. "Die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen hat in Schleswig-Holstein schon immer gut funktioniert. Und das war in der Krisenbewältigung Gold wert." Gegen Nachlässigkeiten oder Verweigerer der notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie müsse man seiner Ansicht nach streng vorgehen. "Der Bruch von Quarantänepflichten ist kein Kavaliersdelikt", betonte Garg. "In Wahrheit haben wir alle keine Lust mehr auf diese Pandemie. Aber das Virus ist keinen Deut ungefährlicher geworden", fand er am Abend klare Worte.

Dr. Heiner Garg

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Gesundheitsminister Schleswig-Holstein

Neben der Frage, welche Maßnahmen sich während der Krise bewährt haben, ging es auch darum, wo es derzeit noch hakt. Im Videointerview kritisierte die Vorsitzende des schleswig-holsteinischen Landesverbandes der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst, Dr. Alexandra Barth, dass der ÖGD in den letzten Jahren kaputt gespart wurde. Die größte Hürde sehe sie zum einen im Personalmangel zum anderen aber auch in der Kontaktaufnahme mit betroffenen Kontaktpersonen von positiv getesteten Schleswig-Holsteinern. Auch Dr. Rolf-Oliver Schwemer, Landrat des Kreises Rendsburg Eckernförde, kam in einem Videointerview zu Wort und gab einen Einblick, mit welchen Maßnahmen  der Kreis zu Beginn der Pandemie reagiert hat. 

Pflegekräfte zum Teil traumatisiert

Außerdem diskutierten Dr. Monika Schliffke, Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Anke Lasserre, Medizinische Geschäftsführerin der imland gGmbH, und Anette Langner, Vorstandssprecherin Forum Pflegegesellschaft e.V., über die Situation und Verbesserungsvorschläge für ihre jeweiligen Bereiche. "Eine der größten Herausforderungen war für die Pflegekräfte, damit umzugehen, dass in kürzester Zeit so viele Menschen in den Einrichtungen verstorben sind. Das hat selbst gestandene Pflegekräfte zum Teil traumatisiert", so Langner. 

Diskus­si­ons­gruppe

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Anette Langner (von links), Dr. Monika Schliffke, Dr. Anke Lasserre

Mit Blick auf die bevorstehende Grippesaison sprach Dr. Monika Schliffke die speziellen Infektionssprechstunden an, welche die meisten Praxen in Schleswig-Holstein längst eingerichtet haben. Hier werden Patienten mit Erkältungssymptomen von den anderen separiert. Diese würden den sogenannten "Fieberambulanzen" entsprechen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aktuell plant. Zu den Möglichkeiten der Videosprechstunden betonte sie: "Wir haben besonders viele positive Rückmeldungen von den Psychotherapeuten erhalten. Mehr als die Hälfte von ihnen ist von dieser Kommunikationsform mit den Patienten durchaus angetan."

Weniger Notfallpatienten in Krankenhäusern

Fragen konnten während der Jahrestagung sowohl im Plenum vor Ort, als auch per Livechat gestellt werden. Ob und warum es in den vergangenen Monaten weniger Patienten in der Notaufnahme der imland Klinik gab, beantwortete Dr. Anke Lasserre: "Wir haben auch beobachtet, dass wir weniger Patienten mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen hatten.  Tatsächlich haben wir noch immer derzeit zehn Prozent weniger Auslastung im Krankenhaus als im Vergleichszeitraum", sagte sie. Mögliche Erklärungen seien zum Beispiel, dass die Menschen weniger Stress hatten, da sie viel zu Hause bleiben mussten, oder dass sie den Weg ins Krankenhaus noch immer vermeiden wollen. "Wobei ich hier betonen muss, dass das Krankenhaus eigentlich der sicherste Ort ist. Jeder Patient wird getestet und unsere Mitarbeiter haben entsprechende Schutzausrüstung und sind geschult."  

Reiner Haase

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COVID-19-Patient

Virus für viele schwierig zu greifen

Für viele Menschen in Schleswig-Holstein sei das Virus noch immer sehr abstrakt, betonte Dirk Schnack, der als Moderator durch die Tagung führte. Wer nicht selber direkt betroffen ist oder einen engen Freund oder Verwandten kennt, für den sei die Pandemie zum Teil schwierig zu greifen. Deshalb war auch ein besonderer Gast zur Jahrestagung eingeladen. Reiner Haase aus Schleswig-Holstein hat COVID-19 überlebt und ist nach eigenen Aussagen zu 80 Prozent genesen. Er und seine Ehefrau berichteten über den Verlauf der Erkrankung - von leichten Ohrenschmerzen über ein wochenlanges Koma bis hin zu den ersten Gehversuchen mit dem Rollator. 

PD Dr. Daniel Drömann

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Ärztlicher Leiter, Leitung Studienzentrum Pneumologie, Stellv. Leitung Lungenkrebszentrum

Wie Patienten wie Reiner Haase geholfen werden kann, berichtete PD Dr. Daniel Drömann, Leiter des Studienzentrums Pneumologie am UKSH Campus Lübeck. Verschiedene Medikamente aus der Rheumatologie oder Onkologie könnten auch Corona-Patienten helfen. Insbesondere gehe es dabei darum, die überschießende Antwort des Immunsystems auf das Corona-Virus zu dämpfen. Auch das Thema Impfung sprach der Experte an. "Alle warten auf die Impfung - doch selbst wenn wir sie haben, wird es erst einmal dauern, bis wir tatsächlich die Immunisierung haben." Drömann appellierte abschließend, sich an die "AHA-Regeln" zu halten, um sich und andere zu schützen und so die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen.