TK: Vor Ihrer Zeit als Minister waren Sie bereits Staatsekretär im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Daher kannten Sie das Haus, seine Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen und seine große Themenvielfalt bereits. Hat Sie dennoch in Ihrer Einarbeitungszeit als Minister etwas total überrascht?

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Kai Klose, Minister für Soziales und Integration in Hessen, ©HMSI

Minister Kai Klose: Total überrascht nicht. Die ersten Wochen in jedem neuen Job sind natürlich besonders spannend. Dass ich vorher schon als Bevollmächtigter für Antidiskriminierung und Integration hier im Haus war, hat mir den Einstieg als Minister sicher erleichtert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren mit mir, ich mit ihnen vertraut. Das breite Themenspektrum des Hauses war mir nicht völlig neu. Darauf lässt sich gut aufbauen.

TK: Sie sind nun u. a. Arbeitsminister, Sozialminister, Familienminister, Gesundheitsminister und Integrationsminister. Wo werden Sie künftig Ihre Schwerpunkte setzen?

Klose: Unser "Lebensministerium" setzt schon bei der Geburtshilfe an, trägt zur Kita-Versorgung und zur Arbeitswelt bei und begleitet bis zum Lebensende. Wichtige Schwerpunkte im Koalitionsvertrag sind, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und den ökologisch-sozialen Aufbruch weiter voranzutreiben. Mir ist dabei ebenso wichtig, das vielfältige Zusammenleben und den Zusammenhalt der Gesellschaft in Hessen zu stärken, wie die Gesundheitsversorgung zukunftsfest zu gestalten und gerechte Teilhabechancen für alle hier lebenden Menschen zu schaffen. 

TK: Was ist in Ihren Augen der Kern grüner Gesundheitspolitik? 

Klose: Mir ist beim Themenkomplex Gesundheit besonders wichtig, einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen. Bei der Bereitstellung einer guten, modernen und flächendeckend erreichbaren Gesundheitsversorgung in Hessen wollen wir daher stärker auf integrierte Versorgungsformen achten und regionale Initiativen in den Kommunen stärken, die gesundheitliche, pflegerische und soziale Hilfen vor Ort verbinden.

Im Koalitionsvertrag der Landesregierung wurden wichtige Schwerpunkte für die Gesundheitspolitik vereinbart: Beispielsweise die Fortsetzung des Gesundheitspakts, mit dem wir Projekte fördern, die die gesundheitliche Versorgung im ländlichen Raum durch Vernetzung der Anbieter, Digitalisierung und neue Ideen zur Arbeitsteilung erhalten und stärken. Zudem werden wir für chronische Erkrankungen eine Gesamtbehandlungsstrategie erarbeiten lassen. Besonders wichtig ist uns, vor jeder gesundheitspolitischen Entscheidung abzuwägen, ob und welchen konkreten Nutzen sie für die Patientinnen und Patienten bringen kann. Wir werden daher den Weg der Patientenorientierung konsequent fortsetzen.

TK: Welchen Stellenwert messen Sie der Digitalisierung im Gesundheitswesen bei? Und welche konkreten Projekte wollen Sie hier in den kommenden fünf Jahren umsetzen?

Klose: Auch hier denken wir vom Patienten aus. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen gewinnt an Bedeutung, wenn sie neben der Verbesserung der Versorgungsstruktur die Effizienz steigert und nachhaltig die Versorgungsketten optimiert. Dies wird besonders in ländlichen Gebieten ein wichtiger Beitrag zu einer weiterhin wohnortnahen Versorgung sein.

Bei der Projektförderung legen wir unser Hauptaugenmerk darauf, ob die Projekte unmittelbar die Qualität der Patientenversorgung steigern und in welchem Maße die neue Technik direkt dem Patienten zu Gute kommt. Ziel ist, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, die es allen Patientinnen und Patienten ermöglichen, in Hessen eine flächendeckende, gut erreichbare und bedarfsgerechte medizinische Versorgung mittels neuer Technologie auf hohem Niveau zur Verfügung zu stellen.

TK: Um dem drohenden Pflegenotstand zu begegnen, will die schwarz-grüne Koalition ausgebildete Pflegekräfte, die mittlerweile in anderen Berufen arbeiten, für die Pflege zurückgewinnen. Wie wollen Sie die Situation in den hessischen Kliniken und Pflegeheimen konkret verbessern, damit eine Rückkehr überhaupt attraktiv für diese Zielgruppe wird?

Klose: Gut 435.000 Beschäftigte sind im hessischen Gesundheitswesen tätig und leisten wertvolle Arbeit. Mit einem ganzen Maßnahmenbündel, zu dem u.a. der Pflegemonitor, die Gesundheitscamps, die Initiative "Beruf und Pflege vereinbaren", die Erhöhung der Schulgelderstattung für die Altenpflegeschulen, das Programm "Sozialwirtschaft integriert", die Charta der Vielfalt, die Landesinitiative "Pflege in Hessen integriert" und das Zentrum zur Anwerbung und nachhaltigen Integration internationaler Pflege- und Gesundheitsfachkräften (ZIP Hessen) gehören, setzt die Hessische Landesregierung bereits heute deutliche Handlungsschwerpunkte.

Neben der Ausschöpfung möglichst zahlreicher verfügbarer Potentiale sind die Stärkung der Beschäftigten in der Pflege sowie die Attraktivität von Arbeitgebern und Arbeitsplätzen zentrale Aktionsfelder. Dabei sind die Pflegekräfte, die in anderen Berufen arbeiten, eine ganz wichtige Zielgruppe. Konkret werden die Paktpartner des Gesundheitspaktes 3.0 zur Steigerung der Attraktivität der Arbeitgeber und der Arbeitsplätze in der Pflege einen Dialogprozess zur nachhaltigen Fachkräftesicherung mit Blick auf attraktive Arbeitsbedingungen und die Stärkung der Beschäftigten in der Pflege starten. Und wir haben uns darauf verständigt, mit speziellen Auffrischungskursen die Rückkehr in den Pflegeberuf zu erleichtern.

TK: Im Koalitionsvertrag ist vorgesehen, in jedem Landkreis ein regionales Gesundheitszentrum zu errichten. Diese verschlingen viel Geld und ihr Nutzen ist umstritten. Was versprechen Sie sich für die Versorgung eines Landkreises durch den Aufbau eines Gesundheitszentrums?

Klose: Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hatte bereits in seinem Gutachten "Bedarfsgerechte Versorgung - Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche" in 2014 eine gewisse Zentralisierung medizinischer Versorgungsangebote angemahnt. Ziel ist es, effizientere und insgesamt leistungsfähigere Strukturen auf hohem Qualitätsniveau zu schaffen. Speziell im Hinblick auf ländliche Regionen wurde das Konzept von "Lokalen Gesundheitszentren zur Primär- und Langzeitversorgung" vorgeschlagen.

Dieses Konzept macht sich die Landesregierung zu eigen, indem sie den weiteren Ausbau lokaler Gesundheitszentren unterstützt. Ich hoffe, die Diskussion auf Bundesebene über neue Formen der sektorenübergreifenden Versorgung wird auch dazu führen, adäquate Vergütungsformen hierfür zu finden. Was in der Notfallversorgung durch die Implementierung integrierter Notfallzentren möglich ist, sollte auch in der Primär- und Langzeitversorgung umsetzbar sein.

TK: Im Koalitionsvertrag kündigen Sie an, die Investitionsmittel für die hessischen Kliniken zu erhöhen. Von welcher Summe sprechen wir hier?

Klose: Im Koalitionsvertrag findet sich die klare Aussage, dass die Investitionsförderung im Laufe dieser Legislaturperiode deutlich erhöht werden soll. Das ist auch notwendig, denn die Vergütung aus den DRGs (Diagnosis Related Groups) ist für die Bezahlung der Betriebskosten gedacht, nicht für Investitionskosten. Bereits jetzt wenden wir mittlerweile ca. 280 Millionen Euro jährlich für die Krankenhausförderung auf. Das wird erhöht, das genaue Ausmaß ist Gegenstand der künftigen Haushaltsverhandlungen.

TK: Als Minister sind Sie sicherlich oft stark gefordert. Wie gelingt Ihnen dennoch Ihre persönliche Work-Life-Balance?

Klose: Ich brauche als Ausgleich vor allem Aktivität draußen - sei es auf dem Rad, zu Fuß oder im Boot und Zeit mit meinem Mann, unseren Patenkindern, Nichten und Neffen, der ganzen Familienbande und Freunden.

Zur Person

Kai Klose ist seit 18. Januar 2019 Hessischer Minister für Soziales und Integration. Seit Dezember 2013 ist er Parteivorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Hessen. Von Oktober 2017 bis Januar 2019 war er Staatssekretär und Bevollmächtigter für Integration und Antidiskriminierung im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Der Idsteiner ist von Beruf Lehrer und war von 2009 bis 2017 Mitglied des Hessischen Landtages, was er nun wieder ist.