TK: Wie haben Sie persönlich und auch politisch die Corona-Situation empfunden? Welche Lehren/Konsequenzen müssen für die Zukunft gezogen werden?

Katrin Helling-Plahr: Die vergangenen eineinhalb Jahre haben uns als Gesellschaft unglaublich viel abverlangt und viele Bürgerinnen und Bürger auf eine harte Probe gestellt. All den Menschen, die täglich unser Land am Laufen gehalten haben und an vorderster Front gegen Covid-19 standen und stehen, gebührt unsere aufrichtigste Dankbarkeit. Nun gilt es den Blick nach vorne zu richten und aus den Erkenntnissen der Pandemie-Zeit die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und dringend notwendige Reformen endlich konsequent anzugehen. Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen haben bestehende Defizite und Versäumnisse der Politik schonungslos offengelegt. Zu Beginn der Pandemie hat die Knappheit von medizinischen Schutzausrüstungen und Arzneimitteln die Situation bestimmt und uns unsere Abhängigkeit von internationalen Lieferungsketten vor Augen geführt. Daher muss künftig sichergestellt werden, dass wir in Krisen eine unabhängige Versorgung gewährleisten können. Aber auch die lange Zeit verschlafene Digitalisierung von Staat und Verwaltung im Allgemeinen und unseres Gesundheits- und Bildungssystems im Besonderen ist uns in der Pandemie auf die Füße gefallen. Daher muss die Digitalisierung endlich als eine der größten Chancen unserer Zeit begriffen und nicht länger vernachlässigt werden.

Katrin Helling-Plahr

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Bundestagsabgeordnete der FDP, Mitglied im Gesundheitsausschuss

TK: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist mit Corona beschleunigt unterwegs. Was sind die großen Digitalen Herausforderungen für die zukünftige Gesundheitspolitik?

Helling-Plahr: Die Corona-Pandemie hat zwar auch im Gesundheitswesen zu einem punktuellen Digitalisierungsschub geführt, doch besteht insbesondere bei der digitalen Vernetzung aller Akteure im Gesundheitswesen sowie der Patienten nach wie vor deutlicher Aufholbedarf. Wir brauchen daher eine schnelle und umfassende Neuausrichtung der Prozesse in unserem Gesundheitswesen. Die Vernetzung von Patienten, Ärzten, Kliniken, Rettungsdiensten, Pflegeeinrichtungen und Gesundheitsämtern muss künftig bruchfrei ermöglicht werden. Eine Kernaufgabe wird deshalb sein, offene Standards, Interoperabilität und die Sicherheit hochsensibler Gesundheitsdaten nachhaltig zu gewährleisten. Konkret ist etwa die Einführung der elektronischen Patientenakte in Form einer App mit abgestuften Zugriffsrechten, die digitale Weiterbildung für Fachkräfte im Gesundheitswesen und die Institutionalisierung eines Fehlermeldesystems, das eine stetige, agile Prozessanpassung ermöglicht, eine Chance für unser Gesundheitswesen. 

TK: Im September treten Sie wieder bei der Wahl an. Was möchten Sie in den nächsten vier Jahren gesundheitspolitisch ändern?

Helling-Plahr: In der Gesundheitspolitik wird in der kommenden Legislaturperiode viel zu tun sein. Ziel muss es sein, das Land zukunftsfit zu machen und die Patienten stets in den Mittelpunkt zu rücken. Auch ethische Themen gehören nach der Pandemie wieder verstärkt in den Fokus. In der kommenden Legislaturperiode möchte ich meinen Einsatz für ein liberales Sterbehilfegesetz fortsetzten, das dem grundgesetzlich verbürgten Recht auf selbstbestimmtes Sterben Rechnung trägt. Suizidwillige dürfen nicht länger darauf angewiesen sein, ins Ausland zu gehen. Auch zentralen Fragen rund um den Beginn des Lebens möchte ich mich widmen. Viele Menschen wünschen sich ein Kind, aber ihr Kinderwunsch bleibt unerfüllt. Nicht selten stehen ihnen dabei Regelungen im Weg, die ihnen den Zugang zu einer Kinderwunschbehandlung finanziell erschweren oder bestimmte Methoden der Fortpflanzungsmedizin in Deutschland vollständig verbieten, obwohl sie in anderen Ländern längst zulässig sind. Deshalb möchte ich unser veraltetes Embryonenschutzgesetz durch ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz, das sich als Chancengesetz versteht, ersetzen.