Ziel der neuen Koalition aus CSU und Freien Wählern: "Die beste Medizin in Stadt und Land, für jedermann und bezahlbar." Die Koalitionäre wollen dabei auch die digitalen Chancen nutzen. Mir fehlen jedoch konkrete und mutige Schritte, die die Versorgung im Freistaat zukunftsfest machen.

Wohnortnahe, ambulante Versorgung im Flächenstaat Bayern

Die wohnortnahe, ambulante medizinische Versorgung ist für Schwarz-Orange gesetzt. Dafür sollen 2.000 neue Medizin-Studienplätze und eine  Landarztquote geschaffen werden. Mit über 27.200 Ärztinnen und Ärzte, die in niedergelassenen Praxen in Bayern tätig sind, gilt der Freistaat bereits heute als eines der bestversorgten Flächenbundesländer in Deutschland.

Die entscheidenden Grundprobleme löst die neue Regierung nicht: Der rechnerische Versorgungsgrad muss endlich die Versorgungswirklichkeit abbilden. Eine hohe Zahl an praktizierenden Medizinern bedeutet nicht unbedingt ein bedarfsgerechtes Angebot an ärztlicher Versorgung. Entscheidend sind Zeit und die Kapazitäten, die für die ärztliche Versorgung von Patienten zur Verfügung stehen. Die Koalitionäre haben es verpasst, hier mehr Transparenz zu schaffen.

Ebenso werden die Niederlassungsmöglichkeiten in den hoch attraktiven, überversorgten Planungsbereichen auch künftig nicht konsequent gestrichen. Nur so könnten an einer Kassenzulassung interessierte Ärzte in die Regionen gelenkt werden, in denen sie auch wirklich gebraucht werden.

Krankenhäuser: Trotz positiver Ausgangslage schwierige wirtschaftliche Situation

Die Förderbeträge je Bett liegen im Freistaat oberhalb des Bundesdurchschnitts. Die Bayern waren auch fix beim Abrufen der Finanzmittel des ab 2016 eingerichteten Strukturfonds. Dennoch ist auch in Bayern die wirtschaftliche Lage für viele Krankenhäuser schwierig. Betroffen sind insbesondere die im Freistaat überproportional vorhandenen kleineren Kliniken.

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Christian Bredl

Auch hierzulande müssen sich die Strukturen verändern. Die Bayern erwarten zurecht eine steigende Qualität und Ärzte mit ausreichender Behandlungserfahrung. Ein Arzt kann diese nur erreichen, wenn seine Klinik eine entsprechende Leistungsmenge aufweist. Diese Qualitätserwartungen lassen sich in einer zu kleinteiligen Krankenhauslandschaft nicht umsetzen. Der fortschreitende Pflegekraftmangel verschärft die Lage. Auch in bayerischen Kliniken sind tausende Stellen nicht besetzt.

Klinikfusionen werden auch im Freistaat unumgänglich sein. Dies und die Konzentration von Leistungsangeboten muss offen mit den Betroffenen vor Ort kommuniziert werden. Dennoch werden Konflikte nicht zu vermeiden sein. Es wäre jedoch falsch, vor den Problemen den Kopf in den Sand zu stecken. Ich sehe das Festhalten an allen Standorten, notfalls mit Ausnahmeregelungen, nur um den Spannungen aus dem Weg zu gehen, kritisch. So werden ungünstige Strukturen zementiert.

Aus Sicht der Patienten gibt es kein Recht für ein Abweichen von Qualitätsanforderungen. Der Ende Oktober vom Gemeinsamen Bundesauschuss (G-BA) veröffentlichte erste Bericht über Qualitätsergebnisse für die Krankenhausplanung bestätigt dies eindrucksvoll. Er zeigt insbesondere in Bayern einen Handlungsbedarf auf.

Ich fordere die politisch Verantwortlichen auf, verstärkt die Digitalisierung und die kooperativen Elemente der Telemedizin zu nutzen, um eine Neustrukturierung im Klinikbereich - hin zu mehr Qualität - erfolgreich zu gestalten. Im Koalitionsvertrag steht leider nichts dazu, ambulantes und stationäres Behandlungsangebot zukünftig sektorenübergreifend zu organisieren. Leider ist kein Wille erkennbar, die Strukturen an den Schnittstellen gezielt und nachhaltig neu zu ordnen.

Digitale Chancen im Gesundheitsbereich wahrnehmen - Bayern will Maßstäbe setzen

Das Schwerpunkthema der schwarz-orangen Koalition, die digitale Zukunft zu gestalten um damit verstärkt digitale medizinische Angebote zu fördern, begrüße ich sehr. Die Telemedizin ist eine Chance für das Flächenland Bayern.

Der Bayerische Ärztetag hat bereits das Fernbehandlungsverbot gelockert. Daneben soll die Künstliche Intelligenz zur bayerischen Schlüsseltechnologie werden. Ein digitaler Operationssaal für Kardiologie oder die Forschung und Entwicklung in der Healthcare-Robotik werden innovative Maßstäbe in Deutschland setzen.

Bayern will ins Gigabit-Zeitalter. Das ist richtig und die Voraussetzung dafür, um Telemedizin und elektronische Gesundheitsakten (eGA) erfolgreich zu etablieren. Das bringt mehr Transparenz und Nutzen für die Patienten. Aber auch die Gesundheitsdienstleister können durch verringerten Verwaltungsaufwand profitieren.

Menschenwürdige Pflege sicherstellen - Digitalisierung kann auch hier unterstützen

Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen können ebenfalls durch technischen Fortschritt entlastet werden. Im Alter wollen viele Menschen möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben und zu Hause gepflegt werden. Für mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen ist die Pflege zu Hause Realität.

Leider vermisse ich im Koalitionsvertrag nachhaltige digitale Ansätze aus Bereichen wie Sensorik, Sprachassistenz und künstliche Intelligenz. Diese könnten zu digitalen Lösungen für Patienten und Angehörige verknüpft werden.

Vergangenes Jahr wurde mit dem Netzwerk "Pflege Digital - CARE REGIO" in Schwaben bereits der Anfang für den praxisnahen, flächendeckenden Einsatz der digitale Pflegehelfer gemacht. Die digitalen Smart-Home-Lösungen sind jedoch derzeit nicht im Leistungskatalog der Pflegeversicherung. Deshalb fordere ich als bayerischer Krankenkassenchef, die Pflegeversicherung um diese digitalen Helfer entsprechend zu erweitern. Eine Bundesratsinitiative aus Bayern könnte hier den notwendigen Schwung für dieses Thema bringen. Die TK würde dies nach Kräften unterstützen.

Damit käme die Landesregierung auch ihrem Herzensanliegen näher, Pflegebedürftige und Kranke nicht alleine zu lassen sowie die Arbeitsbedingungen für die Pflegenden zu verbessern. Die Pflege soll menschenwürdig, liebevoll und qualitativ hochwertig sein.

Richtige Maßnahmen sind eine heimatnahe Pflegeplatzgarantie, mehr Wertschätzung für pflegende Angehörige oder neue Pflegeplätze, vor allem in der Kurzzeitpflege. Ebenso das vereinbarte Pflegefachkräfteprogramm, um beispielsweise Pflegefachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Das könnte künftig Millionen Menschen in Bayern nutzen, die direkt oder indirekt vom Megaproblem der Zukunft, der Pflege, betroffen sind.

Viele gute Ansätze - nachjustieren bei Ärzteverteilung, Qualität und Koordination

Zusammenfassend sehe ich viele gute Ansätze, Bayern im Bereich der Gesundheits- und Pflegeversorgung weiterhin als Spitze in Deutschland zu etablieren. Luft nach oben besteht noch bei der richtigen Verteilung der Mediziner und Kliniken über das Flächenland Bayern. Ebenso muss die neue Landesregierung die einzelnen Qualitätsindikatoren im stationären Bereich viel stärker als bisher bei ihren Entscheidungen berücksichtigen und zielstrebiger das Behandlungsangebot sektorenübergreifend organisieren.