Das Corona-Virus hat dem Jahr 2021 ebenso wie dem Vorjahr seinen Stempel aufgedrückt. Die Pandemie hat auch die Arbeit aller Einrichtungen im Gesundheitswesen wesentlich beeinflusst. Doch 2021 war mehr als Corona.

TK: Frau Mussa, nach dem beherrschenden Thema braucht man auch in diesem Jahr nicht lange zu fragen. Welches Fazit ziehen Sie für das Jahr 2021?

Nadia Mussa: Was Corona betrifft, fing das Jahr hoffnungsvoll an. Wer hätte gedacht, dass wir so schnell wirksame Impfstoffe bekommen. Das erste Halbjahr war von der Erwartung geprägt, dass wir die Pandemie bald bewältigen können, wenn nur möglichst schnell viele Menschen geimpft sind. 

Nadia Mussa

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Leiterin der TK Landesvertretung Baden-Württemberg

Im Sommer dann nahm die Impfbereitschaft deutlich ab, das Leben fühlte sich normal an und wahrscheinlich dachten viele, es sei geschafft und man könne sich nun auf all die Probleme konzentrieren, die mit Corona noch einhergehen. Denn die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen wie Lockdown, Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen haben Spuren hinterlassen.

Auch wenn ein Dankeschön den betroffenen Pflegekräften, Ärztinnen und Therapeuten nicht viel hilft, möchte ich trotzdem meinen Dank dafür aussprechen, dass sie weiterhin eine hervorragende medizinische und pflegerische Versorgung gewährleisten.

TK: Welche Auswirkungen hatte Corona auf das Gesundheitswesen im Jahr 2021?

Mussa: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern, ambulanten Praxen und Pflegeeinrichtungen sind stark belastet und mussten nun im Herbst mit einer wiederum sehr hohen Krankheitslast in der Bevölkerung zurechtkommen. Kaum hat man das Gefühl aufatmen zu können, kommt die nächste schlechte Nachricht wie jetzt mit der Omikron-Variante. 

Ich denke, dass es vor diesem Hintergrund wichtig ist, nun wesentlich stärker bei den Maßnahmen auch die dauerhafte Weiterentwicklung der Strukturen im Blick zu haben. 

Ein großer Unterschied zum Jahr 2020 liegt für mich darin, dass das Virus im ersten Corona-Jahr die Digitalisierung des Gesundheitswesens befördert hat, etwa durch den Boom bei den Videosprechstunden. 

Im Jahr 2021 haben wir nun aber erlebt, dass durch die Pandemie Ressourcen gebunden waren, die dann etwa bei der flächendeckenden Umsetzung der elektronischen Patientenakte oder der Vorbereitung auf das E-Rezept gefehlt haben, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.   

TK: Das Jahr 2021 war auch ein "Superwahljahr". Wie bewerten Sie rückblickend die Landtags- und Bundestagswahl? 

Mussa: Die Wählerinnen und Wähler haben wichtige Weichenstellungen vorgenommen, die sich auf die kommenden Jahre auswirken werden. Wenn man Bund und Land zusammen sieht, sind nun vier Parteien in der Regierungsverantwortung, die sich klar zu wichtigen gesundheitspolitischen Zielen wie etwa Struktur-Reformen im Krankenhausbereich oder der weiteren Digitalisierung des Gesundheitswesens bekennen.

Das ist aus meiner Sicht eine gute Ausgangslage, um frischen Wind in die Gesundheitspolitik zu bekommen. Da mit den Grünen eine Partei in beiden Regierungen vertreten ist, habe ich die Hoffnung, dass wir keine Blockaden erleben werden, sondern die Ampel-Koalition auch der Landesregierung neue Impulse gibt. Als TK-Landesvertretung werden wir jedenfalls konstruktiv an der Umsetzung dieser Ziele mitarbeiten.

TK: Damit wären wir im kommenden Jahr angelangt. Wie sehen Ihre Erwartungen für 2022 aus?

Mussa: Das Thema Corona wird uns sicher noch weit bis ins kommende Jahr hinein beschäftigen. Die fünfte Welle ist ja bereits in Sichtweite.

Ich hoffe, dass es gelingt, mit erweiterten Nutzungsmöglichkeiten - wie dem E-Rezept und der eAU - der ePA endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Beim Thema Digitalisierung sollten wir generell einen großen Schritt nach vorne machen, weg von den vielen Modellprojekten hin zu einem flächendeckenden telemedizinischen Versorgungsnetz mit Kliniken, Arztpraxen und weiteren Gesundheitseinrichtungen. 

Das ist wichtig, um flächendeckend bei zunehmendem Ärztemangel in bestimmten Regionen für die Menschen vor Ort trotzdem jederzeit den Zugang zu medizinischer Expertise schnell und barrierefrei sicherzustellen. Die Digitalisierung ist dabei ein Element, das unterstützend und nicht ersetzend wirken kann.

Darüber hinaus gibt es noch viele andere relevante Themen, die hoffentlich trotz Corona die Beachtung finden werden, die sie verdienen. 

TK: Können Sie dafür einige Beispiele nennen?

Mussa: In der Altenpflege gibt es einige Verbesserungen, etwa die finanzielle Entlastung der Pflegebedürftigen in den Heimen. Gerade in Baden-Württemberg müssen die Bewohnerinnen und Bewohner relativ viel aus eigener Tasche bezahlen, da kommt die Kostenbremse in Form eines Leistungszuschlags gerade recht.  

Der Pflegeberuf muss so attraktiv ausgestaltet werden, dass ihn nicht nur ausreichend viele Personen erlernen, sondern ihn auch viele Jahre gerne ausüben können. Hierzu sind im Koalitionsvertrag der Ampel Ansätze enthalten. 

Ich erwarte zudem, dass die Krankenhausplanung in Baden-Württemberg nun wieder angegangen wird. Die Krankenhäuser müssen wissen, welche Anforderungen und Erwartungen in Zukunft an sie gestellt werden.

Und mal schauen, wie weit wir bei der Einrichtung von regionalen Gesundheitszentren oder der Reform der Notfallversorgung kommen. Das wird gesundheitspolitisch wieder ein sehr spannendes Jahr.