TK: Was reizt Sie an der Aufgabe, die TK-Landesvertretung Baden-Württemberg zu leiten?

Nadia Mussa: Ich bin ein Fan des gesetzlichen Krankenversicherungssystems in Deutschland. Unser Solidarsystem ermöglicht gute Gesundheitsversorgung für alle Menschen, deshalb arbeite ich voller Überzeugung in diesem Bereich. Die TK ist eine attraktive Krankenkasse und geht als Branchenprimus wichtige Themen bundesweit gezielt und sehr effektiv an. Ich denke da etwa an die  Einführung digitaler Lösungen wie TK-Safe oder TK-PflegeKompakt. Gleichzeitig kennt sie die Gegebenheiten vor Ort.

Als Baden-Württembergerin freue ich mich darauf, die Gesundheitsversorgung im Sinne der rund 1,2 Millionen TK-versicherten Menschen in unserem schönen Bundesland nachhaltig mitzugestalten und die Angebote der TK hier bekanntzumachen und voranzubringen. 

In meiner bisherigen Tätigkeit als Expertin und Abteilungsleiterin für Krankenhausversorgung bei der AOK Baden-Württemberg habe ich die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen der TK-Landesvertretung kennen und schätzen gelernt. Deshalb reizt es mich auch, mit dem Team der TK-Landesvertretung künftig eng zusammenzuarbeiten und die Aufgaben gemeinsam anzugehen.

TK: Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchten Sie als Leiterin setzen?

Mussa: Ich kenne die Versorgungslandschaft in Baden-Württemberg bereits ganz gut und werde dieses Wissen gezielt einsetzen, denn in Baden-Württemberg haben wir sehr unterschiedlich gelagerte Herausforderungen. In den Ballungsgebieten, wie etwa rund um Stuttgart oder im Rhein-Neckar-Raum, haben wir eher ein Überangebot an bestimmten Versorgungsangeboten wie z.B. Krankenhäusern. In sehr ländlich geprägten Regionen muss darüber nachgedacht werden, wie die hausärztliche Versorgung auch in 10 bis 20 Jahren noch sichergestellt werden kann.

Im Gesundheitswesen arbeitet oft jeder Sektor wie z.B. Rettungsdienst, Krankenhaus oder der ambulante Bereich in hoher Detailtiefe und für sich. Da haben wir leider ein sehr zergliedertes System. Ich möchte deshalb den Blick auf die Gesamtversorgungssituation richten. Letztlich ist für die Versicherten wichtig, dass sie ausreichende und passende Angebote haben und es sinnvolle Versorgungsketten gibt. 

Dafür benötigen wir als zentrales Instrument die elektronische Patientenakte (ePA). Ich appelliere deshalb an Arztpraxen, Krankenhäuser, Apotheken - und alle, die in die Behandlung von Patientinnen und Patienten involviert sind - die ePA zu nutzen und für sie zu werben. Sie ist das Herzstück der digitalen Vernetzung im Gesundheitswesen.

Die Landesregierung möchte die Gesundheitsbranche in Baden-Württemberg als Wirtschaftsfaktor weiter stärken. Hier sehe ich meine Aufgabe darin, sinnvolle Projekte aus Sicht der Krankenversicherung zu unterstützen und auch darauf Einfluss zu nehmen, dass bei Innovationen die Sicherheit und der Nutzen für Patientinnen und Patienten adäquat berücksichtigt werden. Hochspezialisierte Leistungsangebote muss es nicht überall geben, aber sie müssen für alle erreichbar sein.

Schließlich möchte ich meine Kontakte zu den entscheidenden Personen im Gesundheitswesen hier in Baden-Württemberg vertiefen und ausbauen. Für sie möchte ich als Vertreterin der TK immer eine konstruktive Ansprechpartnerin sein.

TK: Sie beginnen fast zeitgleich mit der neuen Landesregierung. Bei welchen drei gesundheitspolitischen Themen sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Mussa: Die Krankenhausstrukturen in Baden-Württemberg müssen zukunftsfest weiterentwickelt werden. Hier hat die Landesregierung den größten Gestaltungsspielraum, da sie dafür zuständig ist, Krankenhäuser zu finanzieren. Ich erwarte, dass die Landesregierung den Landeskrankenhausplan überarbeitet. Der letzte Plan ist aus dem Jahr 2010 und muss dringend auf den neuesten Stand gebracht werden.

Die Notfallversorgung und insbesondere der Rettungsdienst bedürfen ebenso einer konzeptionellen Überarbeitung. Hier wird leider noch viel zu wenig landkreisübergreifend gedacht und gehandelt. Es kostet nicht nur sehr viel Geld, wenn sich jeder Landkreis ganz eigene Strukturen leistet, es ist auch ineffizient. Hier kann die Landesregierung gemeinsam mit der Selbstverwaltung ganz klare Rahmenbedingungen formulieren, die wesentlich effektivere und wirtschaftlichere Strukturen ermöglichen.

Eine weitere große Herausforderung ist das Thema Pflege. Immer mehr Menschen erreichen ein höheres Alter und damit steigt auch die Zahl pflegebedürftiger Menschen. Die Anzahl der Pflegekräfte steigt aber nicht in gleichem Maß.

Zu allen drei Themen hat die TK-Landesvertretung bereits Vorschläge erarbeitet. Dafür werde ich weiter werben.

TK: Bei welchen weiteren Themen sehen Sie die Landesregierung in der Pflicht?

Mussa: Der Klimawandel wirkt sich zunehmend auch auf das Gesundheitswesen aus. Die Landesregierung kann in der Krankenhausplanung selbst Einfluss nehmen und klimafreundliches Bauen fördern. Und die veränderten Witterungsbedingungen machen den Menschen zu schaffen, gerade Kranke sowie Seniorinnen und Senioren leiden besonders unter Hitzeperioden. Das muss künftig bei baulichen Vorgaben für Pflegeeinrichtungen und andere Gesundheitseinrichtungen berücksichtigt werden. 

Egal welches Thema die Landesregierung angeht: Sie sollte immer berücksichtigen wie sie hier das Digitalisierungspotenzial ausschöpfen kann. Dazu gehört an erster Stelle eine gute landesweite Netzabdeckung, um gerade auch außerhalb von Ballungsgebieten spezialisiertes Wissen verfügbar zu machen, z.B. via Telemedizin.


TK: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die gesetzlichen Krankenkassen in den kommenden Jahren? 

Mussa: In den letzten Jahren wurden von der Bundesregierung viele sehr teure Gesetzesvorhaben im Gesundheitswesen auf den Weg gebracht. Dadurch steigen die Leistungsausgaben der Krankenkassen bereits seit Jahren und werden in den nächsten Jahren nochmals deutlich steigen. Da kommen wir um grundlegende Reformen nicht herum. Wir müssen an die Krankenhausstrukturen ran, aber auch an die Arzneimittelpreise.

Eine zentrale Herausforderung der kommenden Jahre besteht sicher auch darin, unser auf Werten wie Therapiefreiheit, Patientensouveränität und Datenschutz basierendes Gesundheitswesen vor kommerziellen Interessen zu schützen. Tech-Konzerne aus den USA und China drängen in den für sie äußerst attraktiven Gesundheitsmarkt mit Mechanismen, die wir aus dem Online-Einkauf kennen. Sie investieren dafür enorme Summen in Schlüsseltechnologien wie etwa Künstliche Intelligenz. Krankenkassen, aber auch Praxen und Kliniken sind gefordert, hier mit innovativen Versorgungslösungen dagegen zu halten. Durch die digitale Vernetzung aller Akteure im Gesundheitswesen und die intelligente Nutzung von Big Data können wir das auch erreichen, ohne unser Wertesystem zu gefährden.

Was mich positiv stimmt: Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass wir Herausforderungen meistern können. Die  Krankenkassen haben einmal mehr bewiesen, dass sie ein wichtiger Baustein für die soziale Sicherheit in Deutschland sind. Sie haben schnell und effizient bei der Bewältigung der Aufgaben agiert und dabei Kliniken, medizinische Fachkräfte, Pflegekräfte und andere Gesundheitsberufe unbürokratisch unterstützt. In Baden-Württemberg haben die Krankenkassen dabei eng mit dem Sozialministerium und den Vertragspartnern zusammengearbeitet. 

TK: Was machen Sie in Ihrer Freizeit, um den Akku wieder aufzuladen?

Mussa: Viele Menschen sind erst während der Pandemie auf den Geschmack gekommen, ich bin schon immer gerne spazieren gegangen. Ich freue mich sehr, dass die Gastronomie wieder geöffnet ist und meine Lieblingsrestaurants die Lockdowns wohl überlebt haben, denn ich gehe gerne essen. Ansonsten verbringe ich meine Freizeit am liebsten mit der Familie und pflege Freundschaften.

Zur Person

Vor ihrem Wechsel zur TK war Nadia Mussa ab 2008 als Führungskraft bei der AOK Baden-Württemberg tätig. Die 50-jährige Ökonomin befasste sich dort seit 2014 als Fachbereichsleiterin Krankenhausversorgung insbesondere mit der Weiterentwicklung von Strukturen und Qualität in den Kliniken im Südwesten. Ab dem Jahr 2018 verantwortete sie auch den Bereich Rettungsdienst bei der AOK Baden-Württemberg.