TK spezial: Frau Thelen, was sind aus Ihrer Sicht die dringendsten gesundheitspolitischen Themen in Rheinland-Pfalz?

Thelen: Die dringlichste Aufgabe ist aus meiner Sicht der Fachkräftemangel, da aufgrund der alternden Bevölkerung der Bedarf an Fachkräften steigt - sowohl in der gesundheitlichen und in der pflegerischen Versorgung. Wir werden uns sehr anstrengen müssen, dass wir die Menschen auch in Zukunft gut versorgt bekommen.

Was uns auch sehr umtreibt, ist die hinreichende Durchimpfung der Bevölkerung, vor allen Dingen der Kinder. Wir haben neue Auswertungen erhalten, wonach es für Rheinland-Pfalz nicht besonders rosig aussieht. So ist der so genannte Herdenschutz nicht in einem ausreichenden Maße gegeben. Dieser wird bei einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent erreicht, aber in Rheinland-Pfalz unterschritten. Hier müssen wir genauer hinschauen und überlegen, wie wir nachsteuern können, zum Beispiel durch Information der Bevölkerung. Ich persönlich kann dem Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn folgen, dass wir für Kinder, die eine Gemeinschaftseinrichtung besuchen wollen, die Impflicht einführen. Ich glaube, da müssen die individuellen Bedenken im Zweifel vor dem Schutz aller zurückstehen.

Darüber hinaus beschäftigen uns multirestistente Keime. Dabei geht es auch um die Frage, ob die Hygieneverordnung in Rheinland-Pfalz ausreichend ist und ob deren Umsetzung hinreichend betrieben wird. Können wir darüber hinaus auf die deutlich zu intensive Verschreibung von Antibiotika Einfluss nehmen? Können wir therapeutische Alternativen bieten? Sicher ein schwieriges Thema, welches wir künftig auch im Gesundheitsausschuss des Landtags behandeln werden. Dabei liegt der Fokus auch auf den so genannten „unerwünschten Arzneimittelereignissen“ und der Vermeidung von Todesfällen – aktuell sind das 10.000 in Deutschland - durch Medikamentenunverträglichkeiten bzw. -wechselwirkungen. Ich hoffe, dass hier die elektronische Patientenakte helfen kann, frühzeitig die Verschreibung unverträglicher Medikamente zu verhindern.

Hedi Thelen

Hedi Thelen, MdL, Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Demografie Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

MdL, Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Demografie

TK spezial:  Stichwort ärztliche Versorgung:  Wie kann diese Ihrer Meinung nach gerade in den ländlichen Regionen von Rheinland-Pfalz zukunftsfähig ausgestaltet werden? 

Thelen: Das wichtigste ist, den Nachwuchs aufzubauen. Der wurde in den letzten Jahren vernachlässigt und nicht ausreichend Studienplätze geschaffen. Jetzt sind in Rheinland-Pfalz notwendige Schritte geplant, um etwas zu bewegen. Wir werden darüber hinaus weiter auch Ärzte aus dem Ausland gewinnen müssen. Wichtig ist dabei, dass Mediziner über die benötigte fachliche und sprachliche Kompetenz verfügen. Ich hatte kürzlich das Vergnügen, bei einer Sprachprüfung für ausländische Mediziner dabei zu sein. Dieses Verfahren funktioniert sehr gut. Diejenigen Ärzte, die der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind, werden zunächst einmal nicht zugelassen. Sie bekommen dann - je nach sprachlichem Kenntnisstand - eine kürzere oder längere Frist, bis sie die Prüfung wiederholen können. 

Aber ich bin mir auch sicher, dass wir liebgewonnene Vorstellungen, wie die Versorgung in Deutschland laufen soll, in Frage stellen müssen. Die relativ harte Trennung zwischen ambulant und stationär wird kaum noch aufrecht zu halten sein. Die wenigen Ärzte, die wir in Zukunft in Relation zu einer größer werdenden Gruppe alter und hochbetagter Menschen im Land haben werden, können eine adäquate Versorgung der Bevölkerung nur schaffen, wenn wir ihren Einsatz sehr flexibel organisieren. Da müssen alle mit an einem Strang ziehen. Die Bereitschaft, Aufgaben abzugeben und zu delegieren, muss da sein. Übergeordnetes Ziel muss die gute Versorgung sein. Wir brauchen übrigens nicht nur den Hausarzt sondern auch Fachärzte dringend. Der Mangel an Kinderärzten entwickelt sich regional bereits dramatisch. Das liegt sicherlich auch an der schlechten Honorierung. Wir sind froh, aus dem Tal der ganz schlechten Geburtenquote pro Frau im gebärfähigen Alter ein bisschen herausgekommen zu sein. Jedoch muss es dann auch Ärzte geben, die Kinder adäquat behandeln und medizinisch versorgen. 

TK spezial: Die Krankenhauslandschaft ist momentan im Umbruch. Strukturförderungen, Notfallversorgung, Mindestmengen sind nur einige der Themen. Haben Sie ein "Allheilmittel"? 

Thelen: Ich glaube, dass vor allen Dingen Aufklärung und Information wichtig sind, auch für die Bürgerinnen und Bürger. Ich erlebe ja selbst, wie die Menschen reagieren, wenn in einer Region ein Krankenhaus in einer schwierigen Situation ist. Die Bevölkerung ist sofort in Sorge, „ihr“ Krankenhaus zu verlieren. Denn die Menschen verbinden mit „ihrem“ Krankenhaus eben auch immer die Vorstellung, im Falle eines Herzinfarktes oder eines Sturzes die Notfallversorgung in unmittelbarer Nähe zu haben. Das ist auch eine wichtige Funktion von Krankenhäusern im Land. Auf der anderen Seite erleben wir aber auch, dass Menschen mittlerweile sehr wählerisch bei geplanten Operationen oder Behandlungen sind. Sie informieren sich sehr gründlich, wo die Spezialisten sitzen, und haben keine Probleme, ein Krankenhaus aufzusuchen, welches zwei- oder dreihundert Kilometer entfernt ist, wenn sie der Meinung sind, dort die beste Hilfe zu erhalten. Dann muss jeder auch zugeben, dass so das Krankenhauswesen nicht funktionieren kann. Wir müssen einen Mittelweg finden.  

Wir brauchen die Häuser, die Mindestmengenquoten erfüllen können. Sie bringen die Erfahrung mit, aufgrund ihrer Fallzahlen bei schwierigen Behandlungen und besonders bei Komplikationen routiniert und strukturiert zu handeln. Es lässt sich sogar belegen, dass im Falle von Komplikationen eine bessere Überlebensrate generiert wird. Das bedeutet einerseits Spezialisierungen und verbindliche Einhaltung von Mindestmengen. Gleichzeitig müssen wir kleinere Häuser für eine wohnortnahe Versorgung dort unterstützen und erhalten, wo die ambulante Versorgung wegbricht – zum Beispiel weil Arztpraxen nicht mehr übernommen werden. Wir wollen eine gute Versorgung. Die Bürgerinnen und Bürger sollen sich auf die hohe Qualität in der Krankenhausversorgung verlassen können.

Die Anforderungen an eine kluge Krankenhausplanung, die der Zuständigkeit der Landesregierung unterliegt, steigen. Der aktuell gültige Krankenhausplan wird meines Erachtens den Erwartungen an der Stelle nicht gerecht, da er mehr oder minder nur eine Fortschreibung des bisherigen ist. 

TK spezial: Was meinen Sie: welche Chancen und Risiken birgt die Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Thelen: Die Digitalisierung kann eine sehr große Unterstützung im Gesundheitswesen sein. Sie kann helfen, dem behandelnden Arzt mehr relevante Informationen für eine gute Diagnose und effiziente Behandlung zur Verfügung zu stellen, muss jedoch gleichzeitig Datensicherheit garantieren. Patienten müssen die Sicherheit erhalten, dass ihre Daten gut geschützt sind. Sie müssen entscheiden können, welchem Arzt sie welche Informationen zugänglich machen. Unsere Aufgabe ist es, Sorgen zu nehmen und aufzuklären. 

Meiner Meinung nach sollten wir jetzt aktiv werden und die Digitalisierung angehen. Selbstverständlich nehmen wir dabei die Patienten, aber auch die Ärzte, mit. Es soll ja durchaus Ärzte geben, die der Entwicklung kritisch gegenüber stehen, weil sie befürchten, die zunehmende Digitalisierung mache ihre Praxis gläsern und "big brother" überwache sie. Ganz klar: hier muss man miteinander sprechen. Man muss deutlich machen, was die Digitalisierung will und kann, und wo ihre vernünftigen Grenzen liegen.  

Ich hoffe, dass die elektronische Gesundheitsakte jetzt wirklich in der Fläche und möglichst bald kommt. Daran geht kein Weg vorbei. 

TK spezial: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Hedi Thelen, CDU, ist seit dem 5. September 2019 Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Demografie des Landtages Rheinland-Pfalz. Die Verwaltungsbeamtin gehört seit 1996 dem rheinland-pfälzischen Landtag an. Darüber hinaus bekleidet sie seit 2015 das Amt der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Frauen Union. Mehr als 18 Jahre ist sie Sozialpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion.