TK: Frau Schulz-Asche, seit ziemlich genau einem Jahr hat das Coronavirus die Menschen in Deutschland fest im Griff. Wie hat die Pandemie Ihren ganz persönlichen Alltag verändert?

Kordula Schulz-Asche: Der hat sich erheblich verändert. Ich bin in der kleinsten Fraktion des Bundestages für die Themen Infektionsschutz und Pflege zuständig. Dazu kommen natürlich die für alle Bürgerinnen und Bürger geltenden Einschränkungen in der Pandemie und mein persönliches Arbeitspensum von bis zu acht Videokonferenzen am Tag.

Kordula Schulz-Asche MdB

Portrait von Kordula Schulz-Asche MdB, Bündnis 90/Die GRÜNEN Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik der Fraktion Bündnis 90/Die GRÜNEN

TK: Auch Ihre Arbeit als Bundestagsabgeordnete ist seit einem Jahr durch die Pandemie geprägt. Wie gehen Sie als Oppositionspolitikerin damit um, dass überall nur noch das Thema "Corona" im Fokus steht?

Schulz-Asche: Der Umgang einer Gesellschaft mit einer Pandemie ist immer konfliktreich und schwierig, das zeigt die Geschichte. Als Opposition ist es unser Ziel, weg von der "Hau-Drauf-Methode" hin zu konstruktiver Kritik zu kommen, damit wir alle gemeinsam diese Pandemie besser bewältigen. Leider dringt man mit dieser Strategie nicht so häufig in der Öffentlichkeit durch.

Mir geht es in der Pandemie ganz besonders um eines: Pandemien durchlaufen verschiedene Phasen - entscheidend ist, dass die Bevölkerung stets mitgenommen und die getroffenen Maßnahmen erklärt werden. Fehler im konkreten Handeln sind immer möglich, aber entscheidend ist die Kommunikation für und mit der Bevölkerung. Wenn man überhaupt von einem völligen Versagen der Regierung in der Pandemie sprechen kann, dann hier. Eine Videobotschaft von Frau Merkel zum Wochenende ersetzt eben keine gut gemachte und direkte Aufklärungskampagne für die Bürgerinnen und Bürger.

TK: Welche Themen, die Ihnen am Herzen liegen, finden aus Ihrer Sicht aktuell nicht genügend Beachtung?

Schulz-Asche: Ganz klar die Herausforderungen des demografischen Wandels, die auf uns zukommen. Als Stichworte möchte ich hier nur nennen: Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe, Sicherstellung der Versorgung, Rolle und Weiterentwicklung der Langzeitpflege und Krankenpflege.

TK: Wie sieht denn ein Arbeitstag im Bundestag unter Pandemiebedingungen aus? 

Schulz-Asche: Als zuständige Abgeordnete in der Fraktion bin ich natürlich immer anwesend, aber der persönliche Kontakt fehlt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abgeordnetenbüros sind überwiegend im Homeoffice. Es gibt deshalb sehr viel mehr Videokonferenzen. Das ist zum einen zwar gut für den fachlichen Austausch, aber nicht so gut für die zwischenmenschliche Kommunikation, zum Beispiel mit den Bürgerinnen und Bürgern.

TK: Wie halten Sie in Zeiten der Pandemie Kontakt zu den Menschen in Ihrem Wahlkreis?

Schulz-Asche: Der Kontakt zu den Menschen in meinem Wahlkreis ist mir natürlich wichtig, und er findet auch nach wie vor statt - vereinzelt sogar analog, wo das mit Hygienekonzepten möglich ist. Ansonsten kommuniziere ich auch hier viel über Videokonferenzen sowie über Briefe und E-Mails.

TK: Ende Januar fand der Parteitag der Hessischen Grünen statt - erstmals als Hybrid-Veranstaltung. Sie selbst haben zu den ca. 100 Parteimitgliedern gehört, die persönlich vor Ort in der Frankfurter Messe waren. Wie haben Sie diese ungewöhnliche Veranstaltung erlebt?

Schulz-Asche: Großes Lob an unseren Landesvorstand - ein zweitägiges, basisdemokratisches Verfahren unter Pandemie-Bedingungen in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt zu organisieren war nicht einfach. Aber allein wegen der enormen Kosten ist eine solche Veranstaltung nicht immer wiederholbar.

Zur Person

Kordula Schulz-Asche wurde 1956 in Berlin geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst eine Ausbildung als Krankenschwester. Danach studierte sie an der FU Berlin Kommunikationswissenschaften, Geschichte und Politologie. Das Studium schloss sie 1989 ab. 1983 zog Schulz-Asche für die Alternative Liste (heute: Landesverband Bündnis 90/Die Grünen Berlin) ins Berliner Abgeordnetenhaus ein und wurde die jüngste Fraktionsvorsitzende in der deutschen Parteiengeschichte.

Von 1986 bis 1998 war sie in verschiedenen Ländern Afrikas in der Gesundheitsaufklärung tätig. Nach ihrer Rückkehr stieg sie 1999 für Bündnis 90/Die Grünen wieder in die Politik ein, zunächst im Main-Taunus-Kreis. Von April 2003 bis Oktober 2013 war Schulz-Asche Mitglied im Hessischen Landtag, von 2005 bis 2013 auch Landesvorsitzende ihrer Partei. 2013 zog sie erstmals als Abgeordnete in den Deutschen Bundestag ein. Dort ist Schulz-Asche Mitglied des Gesundheitsausschusses und der Unterausschüsse Globale Gesundheit und Bürgerschaftliches Engagement. Sie ist seit 2017 Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik ihrer Fraktion sowie Berichterstatterin für Infektionsschutz, Arzneimittel und Medizinprodukte sowie Apothekenpolitik.