Die tradierten Strukturen sollten mit realen Kennziffern und standardisiert erhobenem regionalen Bedarf überprüft werden.

Regional unterschiedliche Bevölkerungsentwicklungen sind in Thüringen nicht zu übersehen: Es leben immer mehr Menschen in größeren Städten und weniger Einwohner in bestimmten ländlichen Gebieten. Dazu kommen begrenzte Ressourcen, sowohl finanzieller Natur als auch bezogen auf Fachkräfte.

Integrierte Versorgungszentren

In Zukunft wird es weder nötig noch bezahlbar sein, in einem Krankenhaus in nächster Nähe ein breites, auf viele Eventualitäten spezialisiertes Versorgungsspektrum anzubieten. Vielmehr sind Kliniken mit Grundversorgung und einigen ausgewählten Spezialisierungen sinnvoll.

Krankenhäuser, die vor allem die Basisversorgung garantieren und deren Leistungen an der Schnittstelle zur ambulanten Versorgung liegen, sollten sich künftig auch in der Form eines sogenannten Integrierten Versorgungszentrums (IVZ) aufstellen können. In diesen medizinischen Zentren wird ein Großteil notwendiger Facharztdisziplinen für die ambulante Behandlung vorgehalten. Gleichzeitig ist durch eine ausreichende medizinisch-technische Ausstattung die stationäre Grundversorgung sichergestellt.

Sektorenübergreifende Vergütung

Soll in den IVZ die medizinische Betreuung flexibel ermöglicht werden, wird eine entsprechende Vergütungsmöglichkeit der Leistungen nötig.

Dazu sollen neu zu kalkulierende Hybrid-DRGs eingeführt werden. Das sind Fallpauschalen für minder schwere Leistungen, die in gleicher Höhe vergütet werden, unabhängig davon, ob sie ambulant, tagesklinisch oder stationär erbracht werden. Allein die medizinische Notwendigkeit entscheidet. Bei der Wahl des Behandlungssektors würden so finanzielle Aspekte in den Hintergrund treten.

Thüringen als Pilotregion?

Die Finanzierung beziehungsweise Vergütung medizinischer Leistungen ist ein hochkomplexes System. Zu Grunde liegen sollte dennoch das Prinzip "Gleiches Geld für gleiche Leistung". Neue Ansätze müssen deswegen zuerst in Modellregionen erprobt werden.

Für die Hybrid-DRGs ist Thüringen so eine Pilotregion. Grundlagen für die "Hybrid-DRG" sind die Fallpauschalen im Krankenhaus (DRG) und der Vergütungskatalog für ambulant tätige Ärzte (EBM). Hieraus wurde ein Mischpreis für operative Eingriffe kalkuliert.

Gleichzeitig erfolgt eine völlige Gleichstellung bei Begleitleistungen, Nachbehandlung und Qualitätssicherung. Die Operateure können dann völlig unabhängig entscheiden, ob beispielsweise eine kurzstationäre Aufnahme nötig ist oder wie die Weiterbehandlung erfolgt.

Getestet wird dieses neue Modell zunächst bei Kreuzbandverletzungen, Leistenbrüchen (Hernien), Krampfadern (Varizen) und dem Karpaltunnelsyndrom.

Vertragspartner der Techniker Krankenkasse ist die "NAO GmbH - Kliniknetz für Integrative Medizin". Erarbeitet wurde das Modell mit Unterstützung des Berufsverbandes der deutschen Chirurgen (BDC) und vieler Praktiker vor Ort. Als weitere Krankenkasse ist die KKH Kaufmännische Krankenkasse mit an Bord.

Die Einführung der Hybrid-DRG ist für die 19. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages (2017 bis 2021) eine zentrale gesundheitspolitische Forderung der Techniker Krankenkasse zur Stärkung der sektorenübergreifenden Versorgung. Die Umsetzung in Thüringen soll erste praktische Erfahrungen hierfür liefern.

Der Start erfolgt zunächst mit Krankenhäusern in Erfurt (Katholisches Krankenhaus), Jena (Universitätsklinikum), Saalfeld/Pößneck (Thüringenkliniken), Sömmerda/Bad Frankenhausen/Sondershausen (DRK-Kliniken) und Weimar (Sophien- und Hufeland-Klinikum) sowie den niedergelassenen Operateuren in diesen Regionen. Das Modell steht jedoch auch weiteren Einrichtungen ebenso wie anderen Krankenkassen im Land grundsätzlich offen.