Prof. Dr. Jonas Schreyögg, Hamburg Center for Health Economics (HCHE) an der Universität Hamburg, wurde zum 1. Februar 2019 erneut von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als eines von sieben Mitgliedern in den neuen Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) berufen. Im Interview mit der Techniker Krankenkasse (TK) erklärt er, warum es so schwer ist, die bestehenden Sektorengrenzen aufzubrechen und welche Schritte auf dem Weg dahin als erstes umgesetzt werden müssen.

TK: Herr Prof. Dr. Schreyögg, woher kommt es, dass wir uns im deutschen Gesundheitswesen so schwer mit der Zusammenarbeit der verschiedenen Sektoren tun?

Schreyögg: Die Probleme der Integration sind historisch zu erklären. Das deutsche System ist ja ursprünglich als Versicherungssystem zur Erstattung von Ausgaben in bestimmten Leistungssektoren gedacht. Man hat die Sektoren immer unabhängig voneinander gesehen. Und so ist das System auch aufgebaut. Die gesetzlichen Änderungen der letzten 20 Jahren haben da leider zu wenig bewirkt. Jeder denkt nach wie vor primär für seinen Sektor.

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Prof. Dr. Jonas Schreyögg

TK: Warum ist es so schwer, die bestehenden Sektorengrenzen aufzubrechen - vielleicht auch insbesondere in einer Metropolregion wie Hamburg?

Schreyögg: Es gibt natürlich eine ganze Reihe vielversprechender Projekte, auch gefördert durch den Innovationsfonds, in verschiedenen Regionen. Es wäre wünschenswert, dass es einige dieser Projekte in die Regelversorgung schaffen. Was wir aber auch brauchen, ist ein gesetzlicher Vorstoß, der in einem Leistungsbereich die Mauer durchbricht und diesen konsequent integrativ ausrichtet. Genau das kann die Notfallversorgung sein. Dies würde dann Strahlkraft für andere Bereiche entfalten. 

Was wir brauchen ist ein gesetzlicher Vorstoß, der in einem Leistungsbereich die Mauer durchbricht und diesen konsequent integrativ ausrichtet.
Prof. Dr. Jonas Schreyögg

TK: Der SVR empfiehlt im Gutachten, mit der Reform der Notfallversorgung zu starten. Klar benannt wird auch die zentrale Rolle der Digitalisierung. Warum ist die so wichtig im Zusammenhang mit der sektorübergreifenden Versorgung?

Schreyögg: Datenaustausch beschleunigt nicht nur Prozesse, befördert einen effizienten Ressourceneinsatz und verbessert Outcomes, sondern er erhöht auch den Nutzen von Integration erheblich. Bestimmte Integrationsformen werden durch einen digitalen Datenaustausch deutlich attraktiver. Auch hier kann die Notfallversorgung als Beispiel dienen. In einem integrierten Notfallzentrum (INZ) muss ein reibungsloser Datenaustausch zwischen der Arztpraxis und der Notaufnahme, aber auch bereits zwischen Rettungswagen und dem INZ sichergestellt werden.