Wie sehen die Menschen in Deutschland ihr Gesundheitssystem, wie zufrieden sind sie und sind sie offen für Neues in Sachen Gesundheit? Muss das deutsche Gesundheitssystem digitaler werden? Diese und weitere Fragen wurden im TK-Meinungspuls untersucht.

Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, stellt im Interview die Ergebnisse vor und gibt einen Ausblick darauf, welche Gesundheitsthemen nach der Wahl wichtig werden könnten.

TK: Frau Puttfarcken, welche Noten geben die Befragten unserem Gesundheitssystem?

Maren Puttfarcken: Erstaunlich gute! Das liegt sicher auch an der Corona-Pandemie, die das Thema Gesundheit in den Fokus rückt: Kaum einer hat sich in den vergangenen Monaten nicht mehr oder weniger intensiv damit auseinandergesetzt. Gefühlt war jeder mal Ärztin oder Arzt, Virologin oder Virologe und/oder Politikerin oder Politiker - auch wenn die meisten Nicht-Medizinerinnen und -Mediziner und Nicht-Politikerinnen und -Politiker unter uns die Rollen vermutlich nicht hätten tauschen wollen. Dieses Interesse ist gut. Zugleich - und das freut mich sehr - sehen wir, dass die Menschen ihrem, unserem Gesundheitssystem mehr denn je vertrauen: Das zeigen die repräsentativen Befragungsergebnisse des TK-Meinungspulses 2021: Bundesweit sind 46 Prozent mit dem deutschen Gesundheitssystem vollkommen oder sehr zufrieden. In Norddeutschland trifft das auf 49 Prozent der Befragten, also fast jeden Zweiten, zu - und das trotz der Pandemie! 70 Prozent der Norddeutschen sehen stellenweisen Reformbedarf im deutschen Gesundheitswesen. Weitere sechs Prozent plädieren für umfassende Reformen, während 23 Prozent keinerlei Änderungsbedarf sehen.

Maren Puttfarcken

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Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

TK: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat in dieser Legislaturperiode eine Vielzahl an Gesetzen auf den Weg gebracht. An welchen Punkten müsste die Nachfolgerin oder der Nachfolger auf diesem Posten aus Sicht der TK ansetzen?

Puttfarcken: Da gibt es natürlich eine ganze Reihe an Punkten. Vor allem beim Thema Digitalisierung darf es keine Rückschritte geben - im Gegenteil. Gerade in der Pandemie haben wir gesehen, dass Fernbehandlung und Co. den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Reformen sind sinnvoll, wenn sie von denen, die sie betreffen, mitgetragen werden. Die Ergebnisse des TK-Meinungspulses unterstützen diese Annahme. Nehmen wir zum Beispiel die elektronische Patientenakte: 85 Prozent der Menschen in Norddeutschland befürworten die ePA. Für sie ist es ein großer Vorteil, ihre Diagnostik oder Therapien und deren Kosten aus der Vergangenheit nachvollziehen zu können. Aber auch, dass die behandelnden Ärztinnen und Ärzte oder Therapeutinnen und Therapeuten die Historie einsehen können, um ihre Behandlung darauf abzustimmen. Unnötige Doppeluntersuchungen können den Versicherten erspart werden. All das führt im Ergebnis auch zu deutlich mehr Effizienz im Gesundheitswesen. 

Gerade in der Pandemie haben wir gesehen, dass Fernbehandlung und Co. den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

Letztere brauchen wir auch in anderen Bereichen dringend. Deshalb müssen wir uns mit dringend notwendigen Reformen bei den Krankenhausstrukturen und in der Notfallversorgung befassen. Und wir müssen endlich damit loslegen, die Sektorengrenzen anzugehen. Dafür müssen wir die digitalen Möglichkeiten noch viel besser nutzen. 

Ein weiteres Riesenthema ist die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung - diese müssen wir zukunftsfähig gestalten. Ein Ansatzpunkt ist hier der Bereich der Arzneimittel, wo die Kosten geradezu explodieren. Unser  Vorschlag wäre hier, dass Beitragszahlerinnen und Beitragszahler mithilfe eines reduzierten Mehrwertsteuersatzes in Kombination mit neuen Modellen zur Preisfindung bei Arzneimitteln entlastet werden. Für innovative Arzneimittel muss es faire Preise geben. 

TK: Zum Schluss noch eine Frage zum Thema Daten. Bei einer stärkeren Einbindung digitaler Lösungen im Gesundheitswesen dreht sich die Diskussion auch immer wieder um die Frage: Was passiert eigentlich mit den gesammelten Gesundheitsdaten? Und vor allem: Wer soll sie nutzen dürfen - und wofür?

Puttfarcken: Das ist und bleibt in der Tat ein spannendes Thema - auch für die kommende Legislaturperiode. Laut unserer Befragung sind drei Viertel der Menschen in Norddeutschland bereit, ihre Gesundheits- und Fitnessdaten in anonymisierter Form für die medizinische Forschung bereitzustellen. Weitere 67 Prozent würden diese Daten ihrer Krankenkasse zur Verfügung stellen, um neue Versorgungsangebote zu entwickeln. Nur knapp ein Viertel würde seine Daten an Wirtschaftsunternehmen geben, um dafür persönliche Vorteile zu erhalten. Daraus lässt sich schließen, dass eine Möglichkeit geschaffen werden sollte, die Daten anonymisiert teilen zu können oder zumindest die Diskussion darüber offen zu gestalten. Der Sachverständigenrat Gesundheit kommt in seinem aktuellen Gutachten zu dem Schluss, dass die Daten nicht allein "über die Patientinnen und Patienten", sondern vor allen Dingen "für" sie gesammelt werden sollten. Das kann ich nur teilen!

Hintergrund

Für den TK-Meinungspuls 2021 wurden im Auftrag der TK durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa vom 4. bis 21. Januar 2021 insgesamt 2.001 Personen ab 18 Jahren in Privathaushalten in Deutschland im Rahmen einer bevölkerungsrepräsentativen, telefonischen Umfrage befragt. Weitere Ergebnisse des TK-Meinungspuls 2021 , Presseinfografiken sowie die Positionen der TK zur Bundestagswahl .