Die Problematik: Es gibt nur wenige Spezialisten, die einen derartig komplizierten Eingriff vornehmen können. Diese Neuroradiologen befinden sich meist in großen Schlaganfallzentren, welche sich wiederum in großen Städten bilden. Patienten, die ihren Schlaganfall auf dem Land erleiden, müssen für die Thrombektomie aufwendig in ein solches Zentrum verlegt werden.

Mit Hilfe des Pilotprojekts "TEMPiS Flying Interventionalists" sollen Betroffene nun ortsunabhängig schnell Expertenhilfe erhalten. Das Revolutionäre: Der Patient fliegt nicht länger zum Experten – sondern umgekehrt. Schlaganfall-Experten aus dem Klinikum Harlaching haben das Projekt initiiert und leiten die Untersuchung, die von den bayerischen Krankenkassen zunächst für einen Zeitraum von drei Jahren finanziert wird. Das wissenschaftliche Projekt ist die Weiterentwicklung des vor 15 Jahren vom Klinikum Harlaching ins Leben gerufenen telemedizinischen Schlaganfallnetzwerks TEMPiS.

Projektträger ist das Städtische Klinikum München, Kooperationspartner sind das Klinikum rechts der Isar der TU München, das Universitätsklinikum Regensburg und elf regionale Kliniken des TEMPiS-Netzwerks. Die wissenschaftliche Auswertung wird durch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördert.

Dr. Gordian Hubert ist Neurologe am Klinikum München-Harlaching und Projektleiter des Flying Interventionalist. Im Interview spricht er über das weltweit einzigartige Pilotprojekt.

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Dr. Gordian Hubert

TK: Wie muss man sich das Vorgehen beim Flying Interventionalist vorstellen?

Dr. Hubert: Ein Patient mit Verdacht auf Schlaganfall kommt beispielsweise ins Klinikum Mühldorf. Er wird dort vom internistischen Dienstarzt untersucht. Verhärtet sich der Verdacht auf Schlaganfall, wird ein Telekonsil-Arzt mit Sitz im städtischen Klinikum München-Harlaching oder am Uniklinikum Regensburg per Videokonferenz hinzugezogen. Dieser Neurologe grenzt den Schlaganfall weiter ein. Sobald klar wird, dass es sich um einen ischämischen Schlaganfall handelt, bei dem ein großes Gefäß im Gehirn verstopft ist, wird ein Neuroradiologe eingebunden. Gemeinsam entscheiden Neurologe und Neuroradiologe, ob eine Thrombektomie durchgeführt werden muss. 

TK: Wie viel Zeit ist bis dahin vergangen?

Dr. Hubert: Von Ankunft im Krankenhaus bis zur Entscheidung dauert es ca. 45 Minuten. Dann steht fest, ob ein Neuroradiologe zum Patienten fliegt.

TK: Welche Kriterien spielen eine Rolle?

Dr. Hubert: Der Schweregrad der Symptome und wie lange der Patient bereits Symptome zeigt. Aber auch technische Details sind entscheidend, beispielsweise muss eingeschätzt werden, ob bzw. wie leicht der Neuroradiologe den Verschluss des Gefäßes öffnen kann.

TK: Wie geht es dann weiter?

Dr. Hubert: Ist die Entscheidung gefallen, werden sämtliche Stellen alarmiert. Die Teamassistenz, die mitfliegt, der Helikopter-Service und natürlich das Krankenhaus, in dem der Patient liegt. Wichtig ist beispielsweise auch, ob die so genannte Angiographie-Anlage vor Ort frei ist. In diesem speziellen Behandlungsraum wird der Eingriff vorgenommen. Der Flug dauert je nach Lage des Klinikums zwischen acht und 32 Minuten. Nach Mühldorf fliegt der Helikopter beispielsweise 17 Minuten. In dieser Zeit hat das Krankenhaus Mühldorf viel zu tun. Der Patient muss in die Anlage gebracht und für den Eingriff vorbereitet werden, er benötigt Zugänge zum Beispiel für die Narkose, der Blutdruck muss über einen arteriellen Katheter gemessen werden. Außerdem wird das Set für den Neuroradiologen mit speziellem Therapie-Zubehör bereit gelegt. Der Anästhesist und die Pfleger sowie ein Experte für die Anlage vor Ort müssen anwesend sein. Idealerweise ist alles startklar, sobald das fliegende Team eintrifft.

TK: Hat es auch schon einmal nicht geklappt?

Dr. Hubert: Bisher gab es nur zwei Fälle, in dem der Neuroradiologe erst mit zehnminütiger Verspätung beginnen konnte. Ansonsten sind alle elf Kliniken hochmotiviert und sehr engagiert bei der Umsetzung unseres Projektes.

TK: Jede Minute zählt…

Dr. Hubert: Genau, der Neuroradiologe und seine Angiographieassistenz ist auch genau über alles informiert. Sie haben einen Plan des jeweiligen Krankenhauses dabei, damit sie den direkten Weg in den OP-Saal finden und sie sind in die jeweilige Angiographie-Anlage eingewiesen bzw. haben vor Ort auch einen Ansprechpartner, der im Umgang mit der Technik weiterhelfen kann.

TK: Wieso ist dieser Aufwand so wichtig?

Dr. Hubert: Alles muss so schnell wie möglich gehen. Eine amerikanische Untersuchung hat gezeigt, dass in jeder Minute 1,9 Millionen Nervenzellen sterben. Unser Ziel ist es, das Zellsterben so rasch wie möglich zu stoppen. Und wir sparen durch dieses Verfahren vermutlich 100 Minuten.

TK: Welche Folge hat das Zellsterben für den Patienten?

Dr. Hubert: Ist ein großes Gefäß verschlossen, stirbt in der Regel ein ganz kleiner Teil des Gehirns sofort ab. Eine große Region ist jedoch lediglich minderdurchblutet und erst einmal nicht funktionsfähig, aber letztendlich zu retten. Gelingt es uns, die Hirnarterie zu öffnen und die Durchblutung in den großen Bereichen wieder herzustellen, reduzieren sich die Folgerisiken des Schlaganfalls wie Lähmungen, Seh- und Sprachstörungen sowie Taubheitsgefühle.

TK: Hat auch schon einmal das Wetter nicht mitgemacht?

Dr. Hubert: Generell dürfen wir auch bei schwierigeren Wetterlagen fliegen, da es sich um einen medizinischen Notflug handelt. Darüber hinaus ist es uns außerdem erlaubt, durch die Kontrollzonen des Münchner Flughafens zu fliegen, wenn wir unsere Netzwerk-Kliniken Erding oder Freising erreichen müssen. Manchmal ist aber auch ein medizinischer Notflug nicht möglich. Wir starteten das Projekt am 1. Februar 2018 und der starke Schneefall verhinderte gleich einen der ersten Flüge.

TK: Welche Alternativen gibt es dann?

Dr. Hubert: Wird nicht geflogen, werden die Patienten  mit einem Rettungswagen zur Thrombektomie in die nächstgelegenen Zentren transportiert.

TK: Läuft das Projekt das ganze Jahr?

Dr. Hubert: Unser Projekt läuft von acht bis 20 Uhr, an 26 Wochen im Jahr. In der restlichen Zeit werden die Patienten für die Thrombektomie verlegt. Im Rahmen unserer wissenschaftlichen Untersuchung werden wir beide Patientengruppen vergleichen und untersuchen können, ob wir tatsächlich schneller und besser handeln, wenn der Arzt zum Patienten fliegt. Wir untersuchen beispielsweise auch, wie es den Patienten nach drei Monaten geht und wie häufig Komplikationen auftreten. Erste Ergebnisse erwarten wir im Jahr 2020.

Zur Person

Dr. Gordian Hubert studierte Humanmedizin in Berlin, Lausanne und München. Seine Weiterbildung absolvierte er in München und Dunedin, Neuseeland.

Seit 2010 arbeitet er im Bereich der Telemedizin und ist seit 2014 Gesamtkoordinator des TEMPiS-Netzwerkes. Seine Interessensschwerpunkte sind vaskuläre Neurologie und Telemedizin.

Er ist Vorsitzender des TeleStroke Committee der Europäischen Schlaganfallgesellschaft.

TK: Wie viele Patienten haben solche schweren ischämischen Schlaganfälle?

Dr. Hubert: Die elf regionalen Kliniken des TEMPiS-Netzwerkes, die sich an unserem Pilotprojekt beteiligen, versorgen etwa 5000 Schlaganfälle pro Jahr. Etwa 200 pro Jahr kommen für eine solche Thrombektomie in Frage. Bei den anderen ist keine Thrombektomie notwendig, sie werden vor Ort in den speziellen Schlaganfallstationen versorgt.

TK: Warum machen nicht alle Kliniken im TEMPiS-Netzwerk mit?

Dr. Hubert: Nicht alle haben eine eigene Angiographie-Anlage. Manche wollen die Eingriffe aber auch selbst durchführen und beschäftigen eigene Neuroradiologen.

TK: Das TEMPiS-Netzwerk gibt es bereits seit 15 Jahren. Welche Erfolge feiern Sie mittlerweile?

Dr. Hubert: Wir konnten nicht nur beweisen, dass sich die Schlaganfallversorgung entscheidend verbessert hat. Früher landeten lediglich 18 Prozent der Schlaganfallpatienten auf einer speziellen Schlaganfallstation. Heute sind es 84 Prozent. Auch die Ergebnisse der Versorgung sind viel besser geworden, so sterben weniger Patienten oder sind nach ihrem Schlaganfall pflegebedürftig. Wir haben uns untereinander extrem gut mit den insgesamt 21 TEMPiS-Kliniken auf dem Land vernetzt, führen regelmäßige Schulungen mit Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften durch, haben Standards entwickelt und ein Register etabliert, mit dem wir kontrollieren können, wie gut die Versorgung vor Ort ist. Das enge Netzwerk und die Maßnahmen der letzten 15 Jahre haben uns auch beim Aufbau des Flying Interventionalist geholfen.

TK: Inwiefern?

Dr. Hubert: Ein großer Kritikpunkt an unserem Projekt war beispielsweise, dass es viel zu lange dauern würde bis die Strukturen in den regionalen Krankenhäuser so aufgebaut sind, dass die Thrombektomie ohne Verzögerung durchgeführt werden kann. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, konnten wir bereits bei den ersten Eingriffen beweisen. Dadurch, dass wir die Häuser durch unser Netzwerk gut kennen und die Expertenteams regelmäßig schulen, gab es bei der Vorbereitungsphase für den Eingriff keine Schwierigkeiten - in 20 von insgesamt 22 Fällen stand alles zur Verfügung, sobald der Neuroradiologe die Angiographie-Anlage betrat.

TK: Ist der Flying Interventionalist auch ein Zukunftsfeld für andere Krankheiten?

Dr. Hubert: Darüber könnte man nachdenken. Der fliegende Arzt macht zumindest dort Sinn, wo man Erkrankungen möglichst schnell versorgen muss und wo man eine hohe Expertise benötigt, die man nicht überall vorhalten kann. 

TK: Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee?

Dr. Hubert: Im Jahr 2015 wurden fünf Studien veröffentlicht, die zeigten, dass eine Thrombektomie bei bestimmten Schlaganfällen zu besseren Ergebnissen führt. Als ich im Klinikum Mühldorf bei einer Visite von diesen neuen Erkenntnissen berichtete, meinte der dortige Chefarzt, ich solle doch einfach die Neuroradiologen in sein Haus fliegen und vor Ort behandeln lassen. Dieser Kommentar, der natürlich erst einmal etwas salopp gemeint war, ließ mich nicht los und so entstand die Idee des fliegenden Arztes.