Das Hamburger Innovationsfondsprojekt NetzWerk GesundAktiv (NWGA ) ermöglicht den Menschen auch im hohen Alter ein Leben in den eigenen vier Wänden. Doch woran erkennt man, wer welche Hilfe benötigt und wer nicht? Für jeden Teilnehmer soll es dabei möglichst passgenaue Hilfsangebote geben.

Im NWGA bekommen die Teilnehmenden dafür im Vorfeld einen Selbstausfüller-Fragebogen, den LUCAS Funktions-Index (LUCAS FI), zugeschickt. So wird der "funktionelle Status" der Teilnehmenden ermittelt. Daraus ergibt sich, in welchem Bereich sie Defizite haben und ob sich eine Hilfs- oder Pflegebedürftigkeit anbahnt. Was genau der LUCAS FI ist und wofür er wichtig ist, erklärt Prof. Dr. Wolfgang von Renteln-Kruse. Er war bis zum 30. Juni Leiter der Geriatrischen Klinik des Albertinen-Hauses in Hamburg-Schnelsen.

TK: Herr Prof. von Renteln-Kruse, was ist der LUCAS FI?

 Prof. von Renteln-Kruse: Der Name stammt von der Hamburger LUCAS Langzeit-Kohorten-Studie, in der er entwickelt und geprüft wurde. Der LUCAS Funktions-Index ist ein einseitiger Selbstausfüller-Fragebogen für ältere Menschen ohne Pflegegrad mit jeweils sechs Fragen zu möglichen Risiken, Reserven oder sogenannten Schutzfaktoren für das funktionale Älterwerden. Das Ergebnis unterscheidet vier sogenannte Funktionsklassen, nämlich Robust, postRobust, preFrail und Frail. Letzteres bedeutet funktional beeinträchtigt bis gebrechlich. Somit erfasst der LUCAS Funktions-Index nicht nur Frailty-Risiken, die alltagsrelevanten Funktionsverlusten vorausgehen, wie beispielsweise körperliche Inaktivität oder Erschöpfung, sondern auch funktionale Reserven wie zum Beispiel die Häufigkeit körperlicher Aktivität oder die Ausübung eines Ehrenamts.

Die vier Funktionsklassen im Überblick:

  • ROBUST (viele Reserven + kaum Risiken),
  • postROBUST (viele Reserven + viele Risiken),
  • preFRAIL (kaum Reserven + kaum Risiken),
  • FRAIL (kaum Reserven + viele Risiken).

Die funktionale Kompetenz älter werdender Menschen ist entscheidend verantwortlich für den Erhalt ihrer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Funktionsbeeinträchtigungen sind andererseits entscheidend für die Entwicklung von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Der LUCAS FI erlaubt eine längerfristige Vorhersage zur Entwicklung von Pflegebedürftigkeit und Sterblichkeit. Da sich funktionale Kompetenz und deren zukünftige Entwicklung nicht mit dem kalendarischen Alter bestimmen lässt, ist der LUCAS FI besonders relevant.

TK: Was ist für die Gesunderhaltung im Alter wichtig?

Prof. von Renteln-Kruse: Grundsätzlich ist es gut, Reserven zu fördern und zu nutzen, während Risiken abgebaut oder zumindest reduziert werden sollten. Dazu gehört auch, medizinische Präventionsangebote wie Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Die wichtigsten Einflussfaktoren für die Gesunderhaltung sind Bewegung, Ernährung und die Pflege sozialer Kontakte. Diese drei Faktoren unterliegen der Eigenverantwortung. Ältere Menschen hierin zu stärken und zu befähigen, ist eine Antwort auf die Herausforderung durch den demografischen Wandel.

TK: Wie kann das NWGA dabei unterstützen?

Prof. von Renteln-Kruse: Im NWGA erhalten Teilnehmerinnen und Teilnehmer individuell abgestimmte Empfehlungen, um genau die Selbstbefähigung zu unterstützen, damit sie trotz bestehender Erkrankungen möglichst lange selbstbestimmt in ihrer Häuslichkeit leben können. Bei praktischem Unterstützungsbedarf wird dieser durch die Partner des Netzwerks zur Verfügung gestellt. Die Begleitung durch sogenannte Fallmanagerinnen oder Fallmanager ermöglicht auch im Zeitverlauf des Projekts erforderliche Anpassungen von Unterstützung.