TK: Herr Professor Malek, die Personalisierte Medizin ist einer der großen Trends in der Medizin. Was versteht man darunter und was sind die größten Unterschiede zur herkömmlichen Medizin?

Professor Malek: Unter Personalisierter Medizin wird die Herangehensweise verstanden, die optimale Behandlungsstrategie für eine Person oder Personengruppe zum richtigen Zeitpunkt zu ermitteln bzw. rechtzeitig eine gezielte Prävention von Erkrankungen zu ermöglichen. Es handelt sich hierbei um eine stratifizierende Medizin, bei der eine Charakterisierung des Patienten anhand von Biomarkern und somit eine Gruppenzuordnung nach individuellen  Merkmalen erfolgt.

Der wesentliche Unterschied zur herkömmlichen Medizin besteht darin, dass innovative Diagnostik- und Therapieansätze zum Einsatz kommen, um Personen z.B. durch molekulares Profiling, bildgebende Diagnoseverfahren und Informationen über die Lebensweise in entsprechende Präventions- und Behandlungsgruppen einteilen zu können.

TK: Die für die PM notwendige komplexe molekulare Diagnostik produziert Daten, die in einer „bwhealthcloud“ gespeichert werden und dadurch von allen Unikliniken in Baden-Württemberg im Rahmen eines PM-Portals genutzt werden sollen. Ist mit „Big Data“ an den Grenzen Baden-Württembergs Schluss oder sollen auch andere Kliniken davon profitieren können? 

Professor Malek: Im Rahmen des  Zentren für Personalisierte Medizin (ZPM)-Verbunds Baden-Württemberg arbeiten die Unikliniken unter Moderation des Ministeriums für Soziales und Integration eng zusammen, um die Personalisierte Medizin in die Regelversorgung zu überführen.

Die vom Land geförderten Projektvorhaben „PM-Portal“ und „bwHealthCloud“ dienen dabei der transparenten Patienteninformation über das Angebot der ZPM und sollen zudem einen Datenaustausch zwischen den ZPM-Standorten ermöglichen, um die personalisierten Behandlungsmöglichkeiten rasch weiterentwickeln und verbessern zu können.

Alle Strukturen, die in diesem Kontext etabliert werden, sind so ausgerichtet, dass prinzipiell die Möglichkeit besteht, sie über Baden-Württemberg hinaus einzusetzen und sie als Blaupause für die Einbindung weiterer Bundesländer zu nutzen.

TK: Die TK arbeitet mit der Charité Berlin, der Uniklinik Heidelberg und anderen Kliniken sowie dem Unternehmen „Molecular Health“ zusammen, um für krebskranke Kinder diejenigen Therapien zu finden, die am besten zur genetischen Ausprägung der jeweiligen Erkrankung passen. Wie bewerten Sie diesen Ansatz? Sehen Sie Möglichkeiten, ihn mit Ihrem Modell eines PM-Portals für Baden-Württemberg zu kombinieren?

Professor Malek: Der beschriebene Ansatz zur Biomarker-basierten Therapiefindung für krebskranke Kinder stimmt sehr gut mit der Ausrichtung der ZPM-Initiative überein. Perspektivisch sollte eine Kombination mit den derzeit in Baden-Württemberg auf den Weg gebrachten Modellen möglich sein und angestrebt werden.

TK: Die PM wird in Form der „molekularen Krankheits-Boards“ bereits in den Klinikalltag am UKT integriert. Können Sie dafür ein oder zwei Beispiele nennen?

Professor Malek: Im molekularen Tumorboard des UKT findet die Personalisierte Medizin bereits Anwendung im Klinikalltag. Es handelt sich dabei um eine interdisziplinäre Fallkonferenz, in welcher Krebspatienten nach Ausschöpfung der leitliniengerechten Behandlungsmöglichkeiten fachübergreifend vorgestellt werden, um basierend auf den Ergebnissen der molekularen Diagnostik personalisierte Therapieempfehlungen evaluieren zu können.

TK: Die PM ist in der Onkologie am weitesten fortgeschritten. Welche weiteren Fachbereiche werden nach Ihrer Einschätzung als nächste folgen? 

Professor Malek: Neben der Onkologie als Vorreiterdisziplin in der Personalisierten Medizin haben insbesondere die Bereiche Inflammation/Rheumatische Erkrankungen, Neurologie, Infektiologie, Transplantationsmedizin und Kardiologie ein großes Potential für personalisierte Behandlungsansätze und werden in den nächsten Jahren folgen.

TK: Erklärtes Ziel von Ihnen ist der Übergang der PM in die Regelversorgung. Noch sind viele Therapien der PM allerdings sehr teuer. Sprengt das nicht die Finanzierungsmöglichkeiten unseres Gesundheitswesens?

Professor Malek: Aufgrund der neuen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sind derzeit ein zunehmender off label-Einsatz von zielgerichteten Medikamenten in der Onkologie und eine steigende Zahl an Kostenübernahmeanträgen für diese Therapien zu verzeichnen. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen und stellt eine zunehmende finanzielle Herausforderung für das Gesundheitswesen dar.

Ziel der ZPM-Initiative Baden-Württemberg ist es daher, einen kontrollierten Zugang zur Personalisierten Medizin zu schaffen. Als qualitätsgesicherte, interdisziplinäre Zentren werden die ZPM auf Basis einer einheitlichen Evidenzgrundlage die Indikation für personalisierte Therapieansätze innerhalb der molekularen Boards stellen und die Ergebnisse in regionalen oder nationalen Datenbanken dokumentieren.

Auf diese Weise sollen fragwürdige Indikationsstellungen bzw. unwirksame Therapien vermieden, Nebenwirkungen reduziert und langfristig eine Steigerung der Kosteneffektivität herbeigeführt werden. 

Zur Person

Professor Dr. Nisar Peter Malek ist seit Oktober 2015 Geschäftsführender Direktor des Departments Innere Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. Im Januar 2015 wurde er Sprecher des Zentrums für Personalisierte Medizin in Tübingen.
Der Krebsexperte war viele Jahre an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) tätig bevor er 2011 nach Tübingen wechselte. Seit Oktober 2013 ist er zudem stellvertretender Direktor des Südwestdeutschen Tumorzentrums in Tübingen.