TK:  Herr Professor Ewald, Sie waren Gastredner beim Landeskongress Gesundheit. Welche Anregungen nehmen Sie von der Veranstaltung mit? Welche Impulse konnten Sie setzen?

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Prof. Reinhold Ewald

Professor Ewald: Da ich selbst auch Medizin studiert habe, war es für mich natürlich interessant zu erleben, was die Ärzte von heute derzeit umtreibt. Für die wiederum war es hoffentlich spannend zu hören, was sich an Bord einer Raumstation so abspielt.

TK: absolut ....

Professor Ewald: Als Astronaut kommt man in zweifacher Funktion mit Medizin in Berührung: Zum einen ist man im Weltall in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung unterwegs und ohne gute medizinisch-psychologische Betreuung nicht lebensfähig. Einmal die Woche gibt es deshalb eine medizinische und bei Bedarf auch psychologische Konferenz mit Ärzten auf der Erde.

Außerdem sind wir selbst Teilnehmer von Experimenten und können medizinische Daten an die Erde liefern. Ultraschalluntersuchungen, EKGs, Messungen von Knochendichte und Körpertemperatur gehören zu den regelmäßigen Untersuchungen.

Interessant sind Langzeitkontrollen von Astronauten. Die bisher 540 Astronauten – darunter 12 aus Deutschland – werden einmal pro Jahr auf Herz und Nieren geprüft. Es ist ja denkbar, dass der Aufenthalt im Weltraum auch nach Jahren noch Auswirkungen auf den menschlichen Organismus hat. Mein Aufenthalt auf der Raumstation Mir ist jetzt über 20 Jahre her, bislang sind keine Auffälligkeiten festgestellt worden.

TK:  Haben die Untersuchungen an Ihnen zu medizinischen Erkenntnissen geführt, von denen auch die allgemeine Medizin profitiert hat?

Professor Ewald: In der Tat gab es da interessante Ergebnisse. So hat man festgestellt, dass der Salzhaushalt des Körpers im Weltraum ein anderer ist als auf der Erde. Im Weltraum ist der Salzhaushalt negativ, es wird weniger Salz ausgeschieden. Dieses nicht ausgeschiedene Salz lagert sich in einer Schicht unter der Haut ab. Diese Erkenntnis spielt mittlerweile bei bestimmten Therapien und auch bei Diäten eine Rolle.

Ein anderes Beispiel sind die Sensoren, die in Astronautenanzügen zur Messung der Körpertemperatur eingearbeitet wurde. Diese Technik wird nun auch bei Wearables im Textilbereich eingesetzt.     

TK: Damit sind wir beim Thema Digitalisierung. Wie erleben Sie diesen Megatrend in der Medizin?

Professor Ewald: Hier sollte man die Spreu vom Weizen trennen. Grundsätzlich ist das ein Trend, den man gar nicht aufhalten kann. Nicht alles ist jedoch sinnvoll. Persönliche Fürsorge und das direkte Gespräch mit den Patienten sollten auf alle Fälle erhalten bleiben.

TK: Wie ist die medizinische Betreuung direkt an Bord?

Professor Ewald: Zwei Mitglieder an Bord sind ärztlich geschult. Sie müssen die Eingriffe erledigen, die nur an Bord gemacht werden können. Dazu gehört etwa, einen Zahn zu ziehen oder ein störendes Objekt aus dem Auge zu fischen. Für kleinere Sachen gibt es zudem die Bordapotheke.

Über medizinische Grundkenntnisse müssen aber alle Astronauten verfügen. Meine medizinische Ausbildung kam mir dabei natürlich zugute. Wir hatten beispielsweise einmal Feuer an Bord, weil eine Sauerstoffpatrone explodiert ist. Da braucht es schon auch einen gewissen medizinischen Sachverstand.

TK: Wenn Sie einen erdähnlichen Planeten entdecken würden und für umzugswillige Erdbewohner ein Gesundheitssystem einrichten müssten – wie würde das in groben Zügen aussehen?

Professor Ewald: So massiv würde sich das nicht von unserem Gesundheitssystem in Deutschland unterscheiden. Die Ärzte zeichnen sich hier durch hohe ethische Kompetenz aus. Auf meinem Planeten würde aber die Prävention eine größere Rolle spielen. Bei den Auswahlverfahren für künftige Astronauten wird regelmäßig deutlich, mit wie vielen gesundheitlichen Problemen junge Menschen bereits zu kämpfen haben. Durch Prävention ließe sich vieles davon verhindern.

Zur Person

Professor Reinhold Ewald ist promovierter Physiker; im Promotionsnebenfach hat er Humanmedizin studiert. 1987 begann er seine Tätigkeit im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) als Projektmanager im Bereich Extraterrestrik. 1990 wurde er aus dieser Position in das deutsche Astronautenteam berufen und nahm im Yuri A. Gagarin Kosmonauten-Ausbildungszentrum bei Moskau sein Training für die deutsch-russische Mission MIR ’92 auf, die im März 1992 stattfand.

Vom 10. Februar bis 2. März 1997 nahm Professor Ewald an der zweiten deutsch-russischen Mission MIR ’97 teil.  1999 wurde er Mitglied im Astronautenteam der europäischen Weltraumorganisation ESA. Zum 1. September 2015 wurde Reinhold Ewald als Professor an das Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart berufen.