TK spezial: Frau Schmieta, werden die jetzt zur PrEP neu formulierten Bestimmungen in der Gesundheitsgesetzgebung hilfreich sein für die Arbeit der Aidshilfen?

Imke Schmieta: Die Richtung stimmt auf jeden Fall. Die Medikamente als Prophylaxe sind ein weiterer Meilenstein auf unserem Weg, HIV-Infektionen zu vermeiden. Das Gesetz hat nun den Zugang zu den Medikamenten freigemacht, die ab sofort vom Arzt verschrieben werden können. Zusätzlich werden die Kosten übernommen, die sich pro Monat schnell auf 50 Euro und mehr summieren können. Bisher haben PrEP-Nutzer über das Internet die Medikamente auf „eigene Faust“ organisiert und bezahlt – was natürlich kontraproduktiv für die Prävention war. Darum begrüßen wir die neue Regelung sehr.

TK spezial: Wird damit die Präventionsarbeit leichter?

Imke Schmieta: Nein, leider nicht. Die PrEP erweitert die Auswahl an Vorsorgemöglichkeiten. Jeder Mensch ist anders und je mehr Auswahl für die individuelle Schutzstrategie umso besser. Mit der PrEP nimmt aber erst einmal der Beratungsbedarf zu. Denn im Gegensatz zu anderen Ländern sind Menschen, die sich in Deutschland mit der PrEP regelmäßig oder anlassbezogen beim Geschlechtsverkehr vor einer Infektion mit HIV schützen möchten, noch immer größtenteils auf Informationen und Angebote im Internet angewiesen.

Im Dschungel des Internets finden sich aber auch widersprüchliche Einträge zu dieser HIV-Prophylaxe. Unsere Aufgabe ist die fachliche Aufklärung und seriöse Beratung zur PrEP. Wir nutzen dazu seit Jahren schon HIV-Testangebote. Der Fokus der Aidshilfe liegt sowohl vor als auch nach dem Test auf dem Beratungsgespräch, das eine Risikoabschätzung und Besprechung erlaubt. Bisher fanden diese Testangebote allerdings aus finanziellen Gründen im Rahmen von Projekten und Kampagnen statt. Hier würden wir uns eine dauerhafte und flächendeckende Lösung wünschen. Bis dahin haben wir aber Unterstützung durch eine bundesweit einmalige sogenannte PrEP-App zur zielgruppenaffinen Information, die von uns gemeinsam mit mehreren Landesverbänden der Aidshilfe gerade entwickelt wird und ab Herbst verfügbar sein wird. Dass uns die TK im Rahmen der Selbsthilfe bei diesem Projekt so engagiert unterstützt, hilft uns sehr.

TK spezial: Sind die geänderten Regeln für die Selbsthilfeförderung der Krankenkassen aus Ihrer Sicht auch ein Schritt nach vorn?

Imke Schmieta: Dass die Kassen auch künftig Fördermittel in Pauschalen und Projektmittel für die Selbsthilfe investieren dürfen, ist begrüßenswert. Allerdings hätten wir uns gewünscht, dass diese Unterstützung künftig individueller gestaltet werden kann. Das würde auch den Aidshilfen zu Gute kommen, die sich mit innovativen Herangehensweisen als starker Pfeiler für den Erhalt der sexuellen Gesundheit in Deutschland bewährt haben.

TK spezial: Was meinen Sie mit „sexueller Gesundheit“?

Imke SchmietaIn Zukunft wird es vor allem darum gehen, Sex als Präventionsprinzip zu stärken. Für uns bedeutet das, sowohl das Bewusstsein für die sexuelle Gesundheit und Selbstbestimmung als auch für die Vielfalt in sämtlichen Bevölkerungsgruppen zu schärfen. Dafür sind wir Aidshilfen prädestiniert. Wir haben Zugang zu allen sexuell aktiven Zielgruppen. Wir verfügen über die Strukturen und Ressourcen, um Menschen wirkungsvoll zu ermutigen, ihre Sexualität lustvoll und selbstbewusst zu leben, gleichzeitig verantwortungsvoll und gesundheitsbewusst mit Infektionsrisiken umzugehen.

TK spezial: Herr Prof. Stoll, können die seit Juni 2018 auch in Deutschland frei zugänglichen HIV-Schnelltests und die PrEP allein das Infektionsrisiko entscheidend senken?

Prof. Dr. Matthias Stoll: Beide Instrumente sind wichtige Bausteine für die HIV-Prophylaxe. Eine bereits erfolgte HIV-Infektion kann durch eine frühzeitige antiretrovirale Kombinationstherapie gut und langfristig behandelt werden. Rechtzeitige Diagnosen können das Verbreitungsrisiko senken. Allerdings funktioniert das nur, wenn die medizinische Betreuung und die psychosoziale Begleitung der Betroffenen gewährleistet und stimmig sind. Auf jeden Fall sollte am Anfang immer eine seriöse Beratung erfolgen, um sicher zu stellen, dass bei einem selbstausgeführten Schnelltest zuhause oder bei der Einnahme von PrEP-Medikamenten vor dem Geschlechtsverkehr alles richtig gemacht wird. Nach einer einmaligen PrEP und während der dauerhaften Einnahme der entsprechenden Medikamente sind fortlaufende Untersuchungen durch die betreuende Arztpraxis oder Klinik unverzichtbar und gemäß der Zulassung der Medikamente auch eine Voraussetzung für die weitere ärztliche Verschreibung. Denn der Informationsstand und die Zuverlässigkeit der Patienten sind sowohl entscheidend dafür, ob Schnelltests und die medikamentöse Prophylaxe präventive Wirkungen entfalten können als auch dafür, dass keine Gefahren wie Resistenzentwicklung oder unbemerkte Nebenwirkungen aus dem Konzept entstehen können.

TK spezial: Welche Herausforderungen bleiben noch?

Prof. Stoll: Nach meiner Einschätzung greifen die neuen gesetzlichen Vorgaben für den Bereich der sexuellen Gesundheit zu kurz. Die PrEP allein verhindert zwar sehr effektiv die Übertragung von HIV, aber nicht die von Geschlechtskrankheiten oder Hepatitis. Menschen mit erhöhten Infektionsrisiken müssen – wie aktuelle Forschungsprojekte gezeigt haben – niedrigschwellige und engmaschige Betreuungsangebote erhalten. Das kann aber nur funktionieren, wenn es ein Gesamtpaket zur Förderung der sexuellen Gesundheit gibt, also vor Ort eine funktionierende Präventionsinfrastruktur entsteht, die von sämtlichen Gesundheitsakteuren sektorenübergreifend entwickelt wird. Vorreiter dafür sind San Francisco, London und Vancouver, die jeweils umfassende Programme zur Förderung der sexuellen Gesundheit aufgelegt haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Aidshilfen mit ihrer vernetzten und Projekt orientierten Arbeit dabei eine entscheidende Rolle übernehmen.

Zu den Personen:

Imke Schmieta ist seit 2003 Geschäftsführerin der Aidshilfe Niedersachsen Landesverband e. V. (AHN). Schmieta hat den Dachverband der regionalen Aidshilfen in den vergangenen Jahren zu einer Selbsthilfeorganisation geformt, die Projekt und Zielgruppen orientiert sowie national und international vernetzt innovative Präventionsarbeit leistet.

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Foto: AHN

Prof. Dr. med. Matthias Stoll, Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie, Infektiologie, Allergologie und internistische Intensivmedizin. Als leitender Oberarzt der Klinik für Immunologie und Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist er für die HIV-Ambulanz und die Infektionsstation verantwortlich. Seit 2008 engagiert sich der Mediziner ehrenamtlich im Vorstand der Aidshilfe Niedersachsen Landesverband e. V. (AHN).

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Foto: Pressestelle MHH