Wir sprachen mit Frau Dr. med. Rambow-Bertram über die Themen "Vernetzung", "Kooperation" und "Projektarbeit im Gesundheitswesen".

TK spezial: Welche Möglichkeiten bzw. Chancen bieten Netzwerke für eine qualitative hochwertige Gesundheitsversorgung?

Dr. Petra Rambow-Bertram: Netzwerke und Kooperationen sind für eine leistungsfähige Medizin sowie eine bürgernahe und patientenorientierte Versorgung im bereits heute sehr komplexen Gesundheitssystem von zentraler Bedeutung. Unter den sich kontinuierlich wandelnden gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen ist eine wirtschaftliche Leistungserbringung mit gesichertem Qualitätsstandard ohne Vernetzung kaum mehr denkbar.

Wie auch beispielsweise unser hiesiges Branchennetzwerk Gesundheitswirtschaft Hannover e.V. bilden die Netzwerke eine regionale Kommunikations- und Kooperationsplattform für örtliche Unternehmen sowie Akteurinnen und Akteure, die Leistungen im Gesundheitswesen erbringen, Forschung und Entwicklung betreiben oder im Bereich Bildung und Qualifizierung tätig sind. So wird beispielsweise auch die Zusammenarbeit zwischen ambulanten und stationären Einrichtungen, Pflege und Rehabilitation entlang der patientenorientierten Versorgungskette weiter gestärkt. Netzwerke ermöglichen u.a. durch Erfahrungsaustausch und Interessenvertretung, dass sich die Regionen zu besonders innovativen und leistungsstarken Standorten für gesundheitsbezogene Kompetenzen und sektorenübergreifende Angebote entwickeln. Die Netzwerke bzw. deren Mitglieder können mit ihrem Know-how zukunftsorientierte Impulse setzen, regionale Versorgung managen und damit auch Empfehlungen beispielsweise des Sachverständigenrates und politische Anforderungen professionell umsetzen.

Dr. med. Petra Rambow-Bertram

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TK spezial: Welche Ziele und Handlungsfelder bestimmen die Arbeit des Netzwerks Deutsche Gesundheitsregionen und wie verändern sich diese?

Dr. Petra Rambow-Bertram: Das Netzwerk Deutsche Gesundheitsregionen e.V. (NDGR) vertritt aktuell bundesweit 22 Gesundheitsregionen und -initiativen, in denen Unternehmen, Akteurinnen und Akteure aus allen Sektoren und Kompetenzfeldern der Gesundheitswirtschaft vertreten sind. Durch die Zusammenarbeit im NDGR wird das Bild der regionalen Gesundheitswirtschaft geschärft und die Innovationskompetenz der regionalen Ebene gestärkt. Viele der Mitgliedsregionen führen auf hohem Niveau Forschungs-, Entwicklungs-, Erprobungs- und Umsetzungsprojekte für Verbesserungen in der Versorgung, aber auch für mehr Attraktivität der Arbeitsplätze bei Gesundheit und Pflege durch. Idealerweise besteht im NDGR die Möglichkeit, Innovationsimpulse zu setzen, in der Projektarbeit modellhaft neue Ansätze zu entwickeln und diese erst einmal in einzelnen Regionen zu testen. Hierzu gehört im Verlauf auch die wissenschaftliche Begleitung und Wirkungsforschung der Versorgungsinnovationen. Gesamthaft steht die gemeinsame Arbeit im NDGR unter dem Motto „voneinander, miteinander lernen.“

Für eine zukunftsfähige bürgernahe Gesundheitsversorgung in Zeiten des sich verschärfenden Fachkräftemangels bei gleichzeitig älter werdender Bevölkerung und zunehmender Komplexität an Aufgaben für jeden Einzelnen im Gesundheitswesen sind zielorientierte Lösungs- und Handlungsansätze direkt vor Ort zwingend erforderlich. Haben wir vor einigen Jahren noch die Frage gestellt, welche Rolle regionale Netzwerke hierbei übernehmen können so stellen wir nunmehr fest, dass es gerade diese sind, die außerordentlich aktiv sind und als Gestaltungsebene für Gesundheit aufzeigen, dass Lösungen in der praktischen Umsetzung möglich sind.

Inhaltliche Handlungsfelder und Fragen finden sich insbesondere in der Integrierten Versorgung, der digitalen Unterstützung für neue gesundheitsbezogene Leistungen, der zunehmenden Bedeutung des Gesundheitsstandortes Haushalt sowie der Aufwertung von Arbeit und Qualifizierung in der Gesundheitswirtschaft. Zu diesen Haupt-Themenfelder hat das NDGR eine ZukunftsAgendaGesundheit (ZAG 2025) aufgesetzt, zu der es neben der internen Netzwerkarbeit eine zunehmende Arbeits- und Kommunikationsebene mit politischen Entscheidungsträgern gibt. 

TK spezial: Welche Erkenntnisse haben Sie bisher aus der Arbeit im Hinblick auf das Thema Vernetzung gewonnen? Was ist wichtig? Was fehlt?

Dr. Rambow-Bertram: Zunächst ist festzuhalten, dass wir eine hervorragende Ausgangssituation haben: die Gesundheitswirtschaft ist ein wichtiger Impulsgeber und der am schnellsten wachsende Zukunftsmarkt. Wir haben eine sehr gute medizinische und pflegerische Versorgung im ambulanten wie im stationären Bereich sowie zahlreiche Forschungs- und Bildungseinrichtungen auf – auch im internationalen Vergleich – herausragendem Niveau.

Für eine tragfähige regionale Zusammenarbeit sind Kommunikation, Koordination, Kooperation sowie sektoren-/berufsgruppenübergreifende Strategieentwicklung, bedarfsorientierte Kompetenzentwicklung an den „Schnittstellen“ sowie das „Empowerment“ von Bürger*innen / Patient*innen und Beschäftigten von zentraler Bedeutung. Dies wird von den bereits bestehenden regionalen Netzwerken in kompetenter Weise aufgegriffen, über eine neue Kultur der Kooperation, die von regionalen Initiativen angeregt, inspiriert und organisiert wird.

Auch zählen Innovationen in der Gesundheitsversorgung mittlerweile zu den Standardthemen der Gesundheitsregionen. Hierbei wird z.B. hinterfragt wie die Gesundheitsversorgung vor Ort zukünftig noch besser gestaltet werden kann, damit die Abläufe, Zuordnung der Aufgaben und Kommunikation optimiert, die einzelnen Fachkräfte entlastet, unterstützt und Arbeitsplätze wieder attraktiver werden. 

Doch der Weg der Neuerungen in den Versorgungsalltag ist steinig. Ferner könnte der Transfer von der Forschung zur klinischen Anwendung verbessert und beschleunigt, ebenso die Verknüpfung der Gesundheitswirtschaft mit anderen Branchen weiter ausgebaut werden. So sollten beispielsweise beim Thema selbstständiges Wohnen im Alter oder mit Handicaps auch Architekten, Wohnungsbaugesellschaften und Anbieter technischer Assistenzsysteme mit einbezogen werden.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Zurverfügungstellung und Nutzung der Datenbanken: wenn wir die Datenschätze konsequenter erschließen und nutzbar machen wäre auch ein besserer Wissensaustausch zwischen Versorgung und Forschung möglich.

Gut vernetzte Datenbanken und Systeme ermöglichen es ferner, in Echtzeit Auswertungen von Patientendaten bezüglich Diagnosen und Therapien vornehmen zu können. Die Mediziner*innen der Zukunft können daher auf einer umfangreichen empirischen Basis entscheiden, welche Therapie, welche Art der Versorgung und welches Medikament sie wählen. Auch die sog. agile Versorgung erfordert, dass alle relevanten Daten in Echtzeit verfügbar sind. Die Gesundheitsversorgung wird zeitlich, räumlich und fachlich noch bedarfsgerechter am Patienten ausgerichtet. Sie findet dort statt, wo der Patient sie benötigt und auf Basis aller verfügbaren Daten in Echtzeit.

TK spezial: Wie behält man den Überblick über die vielen laufenden Projekte? Wie kommen gute Projekte in die Regelversorgung?

Dr. Rambow-Bertram: Netzwerke in der Gesundheitswirtschaft stellen häufig Initiatoren und Promotoren für regionale, sektorenübergreifende Versorgungsinnovationen dar und gleichzeitig sind auch in vielen Bundesländern Förderprogramme aufgelegt worden, bei deren Design Gesundheitsregionen zum Teil mitwirken konnten oder von denen sie auch als Projektnehmer profitieren. Durch den bundesweiten Zusammenschluss von regionalen Gesundheitsnetzwerken mit ähnlich gelagerten Anliegen, Interessen und Bedarfslagen im NDGR, entsteht ein selektives Gut, dass es ohne diese Verbundstruktur nicht geben würde, nämlich Wissen und Erfahrung darüber, wie sich Netzwerke in der Gesundheitswirtschaft entwickeln und welche Projekte regional vor Ort initiiert werden. Dennoch besteht auch im NDGR die große Herausforderung, ein systematisches Monitoring über die Projekte und Initiativen der verschiedenen Regionen aufzusetzen und kontinuierlich zu pflegen, um nicht Doppelstrukturen oder inhaltlich vergleichbare Projekte unstrukturiert mit hohem Ressourcenaufwand in verschiedenen Regionen umzusetzen sondern möglichst synergistisch wirken zu können.

Weiterhin wird allerdings auch im NDGR beobachtet, dass es bei zahlreichen Gesundheitsinnovationen große Probleme bei der Nachhaltigkeit und beim Transfer in die breite Versorgung gibt. Vor Ort besteht eine hohe Bereitschaft, Ideen für neue Versorgungskonzepte mit viel Engagement zu entwickeln und umzusetzen, die sich in Pilotmodellen vom Grundsatz her auch bewähren, doch aus vielfältigen Gründen den Weg in die Breite nicht finden. Hier sind Akteure aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Regionen gefordert, gemeinsam mehr für die breite Innovationsumsetzung zu tun.

Dies kann beispielsweise auch mittels Beratung und Unterstützung durch die Vertreter der Gesundheitsregionen und unter Nutzung der vielschichtigen Erfahrungen aus dem NDGR erfolgen. Neben dem allgemeinen Wissenstransfer sieht das NDGR mit seinen Mitgliedsregionen auf Basis der ZAG 2025 und im engen Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern eine Chance, die Rahmenbedingungen für nachhaltige, innovative Versorgungsformen zu verbessern. Im Wesentlichen zählen hierzu die rechtliche Situation und die Möglichkeiten einer dauerhaften Finanzierung, um einen ausreichenden Gestaltungsspielraum für die Regionen vom Ideenentwickler zum Umsetzungstreiber vor Ort zu schaffen.

TK spezial: Die Integrierte Versorgung ist schon seit vielen Jahren Thema, aber es geht nicht so richtig voran. Welche Schritte sind aus Ihrer Sicht notwendig, um der integrierten Versorgung einen weiteren Schub zu verleihen?

Dr. Rambow-Bertram: Das oben zu den Projekten Gesagte gilt in besonderem Maße für die Integrierte Versorgung. Die Erfahrungen mit Versorgungsprojekten aus den Mitgliedsregionen zeigen die Notwendigkeit, aber auch die Machbarkeit, wegweisende Konzepte für neue Wege der vernetzten Versorgung zu entwickeln, zu erproben und dann auch zu verbreitern. Im “Normalbetrieb” spielen sektorenübergreifende Konzepte allerdings nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Obwohl sich zahlreiche dieser zukunftsorientierten Innovationen in Pilotmodellen im Grundsatz oft bewähren, gelingt der Schritt in die breite Versorgung häufig nicht. Es fehlen nicht nur finanzielle Anreize sondern oft auch inhaltliche und organisatorische Kompetenzen sowie fachliche “Kümmerer”. Das politische Bekenntnis ist nicht ausreichend. Benötigt werden förderliche Rahmenbedingungen und angemessene Ressourcen, insbesondere eine dauerhafte und hinreichende sektorenübergreifende Finanzierung. Als weiterer ergänzender Ansatz wäre sicherlich ebenfalls förderlich, wenn die Projektgemeinschaft der regionalen Akteurinnen und Akteure auch nach Abschluss eines erfolgreichen Projektes als Vertragsgemeinschaft bestehen bleibt. Mit dieser könnten die Kostenträger dann beispielsweise gemeinsame Selektivverträge abschließen, um eine regelhafte Fortsetzung des erfolgreich erprobten integrierten Versorgungsansatzes zunächst in der ausgewiesenen Region zu gewährleisten und diesen perspektivisch auch weiter in die Fläche zu transferieren. Auch hierfür kann auf das Know-How des NDGR mit seinen Mitgliedsregionen zurückgegriffen werden, da diese eine große Nähe zu den Einrichtungen, Akteurinnen und Akteuren vor Ort sowie ein breites Erfahrungswissen im gemeinsamen Austausch auszeichnet.

TK spezial: Vielen Dank!

Zur Person

Dr. med. Petra Rambow-Bertram, Ärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin sowie diplomierte Gesundheitsökonomin, Vorstandsvorsitzende von Gesundheitswirtschaft Hannover e. V. und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Netzwerks Deutsche Gesundheitsregionen e. V.. Hauptberuflich verantwortet Dr. Rambow-Bertram das Kooperationsmanagement in der Klinikum Region Hannover GmbH, zuvor war sie in leitenden Positionen in verschiedenen Einrichtungen des Gesundheitswesens tätig.