TK: Sie planen ein neues digitales Format, ein Zukunftscafé Was verbirgt sich dahinter?

Professor Matthias Zündel: Das Zukunftscafé Pflege und Gesundheit ist ein Videoprojekt an der Hochschule Bremen, in dem Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen aufgefordert worden sind, sich vorzustellen, sie säßen im Herbst diesen Jahres in einem Café und wären dort in einem Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund unter der Vorstellung, dass die Krise ganz gut überwunden worden ist. Sie kämen auf das Pflege- und Gesundheitssystem zu sprechen und würden - rekurrierend aus ihren Erfahrungen - Visionen und Gedanken formulieren, die sich verändert hätten oder gerade verändern.

Es geht also darum, dass Potential des gerade Erfahrenen in einer Art Szenario weiterzuentwickeln und Lernprozesse und Chancen aufzuzeigen. Angefragt habe ich hierfür unterschiedliche Personen aus den Bereichen: Pflege- Gesundheitswissenschaft, Pflegebildung, Pflegefachkräfte, Leitung- und Management, Gesundheitswirtschaft, Politik und Verbände. In einem ersten Schritt wurden diese aufgefordert, Videos hochzuladen, die ungefähr 5 Minuten lang sind und dort ihre Visionen, Ideen und Erfahrungen zu teilen.

In einem zweiten Schritt werden die Videos demnächst auf der Homepage zukunftscafe.net veröffentlicht. Dort wird es auch eine moderierte Kommentier-ungsmöglichkeit geben. Mit einigen der Experten möchte ich, zu einzelnen Aspekten aus dem Material, noch vertiefend ins Gespräch kommen. Diese Diskussionen sollen live gestreamt werden und es soll auch möglich sein, dass Zuschauende sich mit ihren Fragen einbringen. Am Schluss soll es eine Art Memorandum geben, dass die vielen guten Ideen, Gedanken und vielleicht auch Forderungen bündelt und zusammenfasst.

Prof. Matthias Zündel

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Beauftragter der Hochschule Bremen (HSB) für Pflege und Gesundheit

TK: Wie kam es zu dieser Idee? 

Zündel: Die Hochschule Bremen setzt sich aktiv mit dem Aufbau des Gesundheitscampus an der Hochschule auseinander. Mir ist dabei sehr wichtig, dass solch ein Gesundheitscampus auch erfahrbar wird, sowohl in der Hochschule als auch nach außen. Mit dem Beginn der "Corona-Pandemie“ wurde dann, wie vielleicht noch gar nie gesamtgesellschaftlich deutlich, welche hohe Bedeutung die Profession Pflege hat, wie fragil das Konstrukt Gesundheit sein kann und wie schnell Systeme unter massive Herausforderungen gestellt werden können.

In den internen Diskussionen wurde schnell klar, dass darin eine große Chance liegt. Einmal, weil es diese gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung gibt, aber auch, weil mir besonders wichtig ist, einen konstruktiven Umgang mit den Herausforderungen zu finden. Methodisch ist es aus meiner Perspektive auch äußerst reizvoll über ein Videoformatsystem mit Experten in Kontakt zu treten.

Ich glaube, dass der Austausch mit vielen Menschen und deren Meinungen spannend sein kann, weil hier etwas Gemeinsames und auch Weiterführendes entstehen kann. Viele Herausforderungen - beispielsweise der Fachkräftemangel - war und ist uns schon sehr lang bekannt. Jetzt auf einmal gibt es aber einen anderen Blick auf den Beruf. Ich bin davon überzeugt, dass solche Projekte den Diskurs darüber, wie ein zukünftiges Gesundheitssystem aussehen könnte und wie die Profession Pflege sich weiter entwickeln kann mit unterstützen. Mit diesem Projekt wird nicht "die eine" Einzelmeinung vertreten, sondern sehr unterschiedliche Personen und Visionen treffen hier aufeinander und doch glaube ich, dass sich Themen oder Grundideen durchziehen können und vielleicht sogar etwas Neues entstehen kann.

TK: Gibt es schon Resonanzen/Reaktionen auf die Anfragen?

Zündel: Die Resonanz zu dem Projekt war bis auf ganz wenige Stimmen sehr positiv. Selbst Personen, die sich gegen eine aktive Teilnahme entschieden haben, waren im überwiegenden Anteil sehr angetan von der Idee. Eine von mir sehr geschätzte Kollegin hat mich hinterfragt und angefragt, in welcher Form hier wissenschaftliche Erkenntnis stattfinden könnte. Darüber habe ich inhaltlich eine ganze Weile nachgedacht. Ich glaube jedoch, dass in dieser Form der Befragung tatsächlich bestimmte Aspekte sortiert und strukturiert werden können, weil so unterschiedliche Vertreter zusammenkommen und dass es für einige Bereiche evtl. neue Knotenpunkte gibt für eine weitere wissenschaftliche Diskussion.

Zudem glaube ich, dass es wichtig ist, dass Wissenschaft an einer Hochschule die Brücke zur Praxis und in die Gesellschaft schlägt. Dass dies mit solch einem Videoprojekt gelingen kann, davon bin ich fest überzeugt.

TK: Wann sagen Sie ist das Projekt erfolgreich gelaufen?  

Zündel: Ich bin im Moment schon sehr zufrieden. Mein Ziel war es im ersten Schritt mehr als 100 Videos einzusammeln und das ist im Projekt gelungen. Gerade bündeln wir alle Informationen und dann geht demnächst die Homepage für alle zugänglich online. Ich sehe jetzt schon sehr unterschiedliche, spannende und authentische Videos. Ich freue mich über die Kommentare, die dann kommen werden und ich hoffe sehr, dass am Schluss sowohl die jetzt entstehende Homepage, wie auch das Memorandum wahrgenommen werden sowohl in der Fachlichkeit, im öffentlichen Raum und vielleicht sogar in der Politik. Das hängt sicherlich vom weiteren Verlauf ab - aber das wäre für solch ein Projekt doch ein riesiger Erfolg…. Wenn dann evtl. die ein oder andere Idee dazu führt, dass diese weitergedacht und verarbeitet werden würden, hätten wir sehr viel erreicht - in meiner Vision für eine bessere Pflege und ein besseres Gesundheitssystem.