TK: Herr Dr. Erens, Sie haben die Buchreihe "Geschichte(n) der Medizin" herausgegeben. Welche drei Ärzte beziehungsweise Ärztinnen aus der Vergangenheit haben Sie am meisten beeindruckt?

Erens: Es gibt natürlich viele faszinierende und beeindruckende Biografien von Ärztinnen und Ärzten. Doch man darf diese Menschen nicht nur auf ihre direkten Behandlungsleistungen oder Forschungserfolge reduzieren. Es geht auch darum, wie sie das Bild der Medizin und vielfach auch der Menschheit verändert und mit ihrer Arbeit etwas geleistet haben, von dem wir bis heute profitieren.

Ein herausragendes Beispiel ist da Wilhelm Conrad Röntgen, der mit seiner Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen eine neue Zeitrechnung in der Medizin einläutete. Er hat es übrigens als einer der wenigen geschafft, dass sein Name direkt zu einem Verb des täglichen Sprachgebrauchs wurde.

Auch das Wirken von Christiaan Barnard, der am 3. Dezember 1967 das weltweit erste Herz transplantierte, hat mich immer fasziniert, nicht zuletzt, da er seinen großen Schritt in meinem Geburtsjahr wagte. Barnard ließ die Welt seinerzeit den Atem anhalten; die Radiosender aller Länder berichteten nur wenige Stunden später über das mutige Ereignis, das niemand für möglich gehalten hätte. Die Weltpresse zeigte sich verwundert darüber, dass nicht etwa die großen amerikanischen Chirurgen das schier Undenkbare gewagt hatten, sondern ein relativ unbekannter südafrikanischer Chirurg.

Durch meine Recherchen stieß ich auf einen Arztkollegen, der nicht nur selbst einige Jahre in Kapstadt verbracht, sondern der zudem auch die Familie Barnard persönlich kennengelernt hatte. Das waren natürlich ideale Voraussetzungen für ein mitreißendes Kapitel in einem unserer Bücher.

Auch Frauen haben die Medizin und weit darüber hinaus die Gesellschaft maßgeblich beeinflusst. Ein beeindruckendes Beispiel ist Hermine Heusler-Edenhuizen (1872-1955), die erste Frauenärztin, die in Deutschland studierte und ihre Facharztausbildung absolviert hat. Aus einem Mädchen des Bürgertums, geprägt durch eine strenge religiöse Erziehung und Respekt vor männlichen Autoritäten, wurde eine selbstbewusste Ärztin mit humanistischen Prinzipien und Mut, sich für die Rechte von Frauen einzusetzen. Sie forderte ein gleichberechtigtes Miteinander von Mann und Frau und war eine überzeugte Kämpferin für das weibliche Bildungsrecht.

Viele solcher lebendiger Geschichten erzählen wir. Aber es geht auch um Schicksale von prominenten oder historisch bedeutsamen Persönlichkeiten und ihre Krankheiten. So handelt eine Pathographie beispielsweise vom Komponisten Anton Bruckner, der an einer besonderen Kombination zweier Erkrankungen litt: Zum einen an der Arithmomamie, also dem Zählzwang. Betroffene haben ständig das Gefühl, sie müssten bestimmte Dinge zählen, die ihnen im Alltag begegnen.

Es wird vermutet, dass Bruckner aufgrund nervlicher Überbelastung im Spannungsfeld zwischen seinem künstlerischem Schaffen und dem Lehrerberuf sowie aufgrund der ständigen geistigen und seelischen Anspannung Opfer dieser Zwangsstörung wurde. Daneben war der Komponist schwer herzkrank, was unter anderem auch zu Herzrhythmusstörungen führte. Eine gewisse Ironie des Schicksals kann in der besonderen krankengeschichtlichen Kombination gesehen werden: Bruckner litt einerseits unter seinem Zählzwang und verstarb andererseits aufgrund von Rhythmusstörungen, die auf seine Herzerkrankung zurückgingen.

TK: Die Geschichte der Medizin ist auch die Geschichte von Entdeckungen und Erfindungen. Was sind die wichtigsten Meilensteine aus Ihrer Sicht?

Erens: Von Meilensteinen zu sprechen, fällt mir schwer, denn es sind alleine in unseren drei Büchern so viele epochale Entdeckungen und Entwicklungen beschrieben, bei denen die Auswahl schon schwer fällt. Aber ich will gerne drei Beispiele anführen:
Mein Herausgeber-Kollege Andreas Otte stellt die Historik der Hirnschrittmacher dar, die von den ersten therapeutischen Anwendungen der Elektrizität bis hin zur tiefen Hirnstimulation reicht - und diese Entwicklung ist natürlich längst nicht abgeschlossen; die moderne Medizin steht hier gewissermaßen noch ganz am Anfang. Doch es darf gehofft werden, dass sich auf diesem Weg schon bald Krankheiten wie Parkinson oder Epilepsie wirksam und minimal-invasiv behandeln lassen.

Auch die Neuroprothetik ist ein ungemein faszinierendes Feld, das weit zurück reicht: Schon die alten Ägypter fertigten Zehenprothesen aus Holz und Leder an. 1943 sollte dann das Prothesen-Modell des berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch die Hand des in Tunesien schwer verwundeten Graf Stauffenberg ersetzen.

Doch einen ausgemachten Operationstermin sagte der Offizier, der eine zentrale Persönlichkeit des militärischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus im Deutschen Reich war, kurzfristig ab mit den Worten: „Ich habe nicht so viel Zeit, ich habe eine dringliche Aufgabe zu erfüllen.“ Der Widerständler musste aufgrund einer dramatischen Verschlechterung der militärischen Lage kurzfristig handeln und sein persönliches Schicksal höheren Zielen unterordnen.

Eine bemerkenswerte Persönlichkeit war auch Ferdinand Adolf Kehrer, der als Gynäkologe in Heidelberg die Geburtshilfe revolutionierte, indem er ein neuartiges Verfahren für die abdominelle Schnittentbindung entwickelte. Dabei wurde die Gebärmutter nicht mehr, wie bis dahin üblich, von oben nach unten sondern quer aufgeschnitten und nach der Entbindung durch Naht von Muskulatur und Bauchfellüberzug wieder verschlossen. Kaum eine Frau hatte zuvor je eine Schnittentbindung überlebt, doch nach der Einführung von Kehrers Technik sank die mütterliche Sterblichkeit rapide auf weniger als ein Prozent. Die positiven Folgen wirken bis heute nach.

TK: Was können heutige Ärzte aus der Vergangenheit lernen?

Erens: Ein Kapitel im letzten Band unserer Reihe beschäftigt sich eben mit dieser Frage. Es ist überschrieben mit „Der gute Arzt - ein Blick in die Geschichte“.

Auf die Frage, wie es jemandem gelingt, ein guter Arzt zu werden, gibt Platon als Antwort: „Offenbar nur dadurch, dass er die Kranken behandeln lernt.“ Dass der antike Philosoph hier recht einseitig war, dürfte klar sein. Unter einem guten Arzt verstehen wir heute doch einen Experten, der mit großem Fachwissen und ausgeprägter Empathie zum Partner des Patienten wird.

Hierfür gibt es unendlich viele gute Vorbilder, von denen wir einige in Wort und Bild vorstellen, beispielsweise das Multitalent Avicenna, einen der größten Ärzte des Mittelalters. Aber auch medizinisch-ethische Betrachtungen des Menschen sind gewinnbringend. So hat schon der römische Kaiser Marc Aurel in seinem Werk „Selbstbetrachtungen“ wunderbare ethische und philosophische Aphorismen beschrieben.

Jedem Menschen und insbesondere jedem Arzt können sie Vorbild sein, denn sie stellen den Menschen und das Sein auf ganz besondere Weise in den Mittelpunkt und haben zeitlos Gültigkeit.

TK: Wie erklären Sie es sich, dass die Geschichte der Medizin so viele Menschen fasziniert?

Erens: Es ist ja nicht nur die Geschichte der Medizin, sondern es sind auch die Begebenheiten rund um dieses faszinierende Fach, die allesamt von Menschen handeln.

Dass sich eine Frau in der Antike die Haare abschnitt, um als Mann verkleidet Medizin zu studieren. Dass Friedrich der Große ein Faible dafür hatte, als Hobby-Arzt aufzutreten. Dass ein „Wunderdoktor“ reihenweise Frauen in Ohnmacht versetzte, um sie zu heilen, und damit zum Mitbegründer der Psychotherapie wurde. Dass die deutsche Medizin, ausgehend von Württemberg, großen Einfluss auf den Fernen Osten nahm. - Seit Menschengedenken schreibt die Medizin ihre eigene(n) Geschichte(n). Bis heute faszinieren Berichte über Krankheiten oder Todesfolgen vergangener Zivilisationen, Herrscher und Persönlichkeiten - jeder kann dabei einen direkten Bezug zu sich selbst, seiner Familie, seinen Vorfahren herstellen.

TK: Was wird Ihrer Meinung nach in 100 Jahren als historische Leistung im Gesundheitswesen gewürdigt werden?  

Erens: Bahnbrechende Entdeckungen sind heutzutage leider zunehmend seltener geworden. Forschungsleistungen, die in der Vergangenheit häufig auf mutigen Selbstversuchen im eigenen Labor beruhten - als Beispiel beschreiben wir die abenteuerliche Entwicklung der Androgentherapie, die bis heute eng mit dem Namen Charles Edouard Brown-Séquard verknüpft ist - gelingen heutzutage eher nach multinationaler Vernetzung und Modellberechnungen von Supercomputern. Solche herausragenden Entwicklungen sind sicherlich die Genom-Sequenzierung oder die Krebsimpfung.

Doch als durchaus epochal wird wohl auch in 100 Jahren unser deutsches Krankenversicherungssystem zu betrachten sein, das auf Otto von Bismarck zurückgeht. Diese Konstruktion zu erhalten und zukunftssicher zu machen, obwohl die Menschen älter werden und die Medizin immer teurer wird, dürfte aktuell die größte Herausforderung im System der sozialen Sicherung sein. Hier ist natürlich nicht nur die Ärzteschaft gefordert, sondern, neben der Politik, auch die gesamte Gesellschaft. Ich bin jedenfalls überzeugt: Die Bismarck’schen Errungenschaften Solidarität, Subsidiarität und Korporatismus würden nachfolgende Generationen ganz sicher schmerzlich missen.

Zur Person

Dr. med. Oliver Erens, Stabsstellenleiter Politik und Kommunikation der Landesärztekammer Baden-Württemberg und Chefredakteur des Ärzteblattes Baden-Württemberg, ist Autor und Herausgeber einer dreibändigen Buchreihe mit dem Titel „Geschichte(n) der Medizin“. Renommierte Autorinnen und Autoren erzählen darin lebendige und mitreißende Geschichten über Krankheiten, Ärzte und Forscher. Die populärwissenschaftlichen Darstellungen bieten gleichermaßen großes Lese- und Bildungsvergnügen.

Bücherreihe "Geschichte(n) der Medizin", herausgegeben von Oliver Erens und Andreas Otte

Band 1 mit 160 Seiten, ISBN 978-3872477637, 38,00 Euro.
Band 2 mit 176 Seiten, ISBN 978-3872477705, 38,00 Euro.
Band 3 mit 208 Seiten, ISBN 978-3872477736, 38,00 Euro.
Alle drei Bände in der Geschenkbox: ISBN 978-3872477750, 98,00 Euro.